Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 15 (1.8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Reise nach Polen. Bon Gustav Krojanker. _ . (tforticfcuiifl.) > So zwingt die wirtschastliche "Jim zu einem Umschichtungs- Prozeß, der in seine» Anfängen schon deutlich sichtbar ist. Es ist nicht nur die wirtschastliche Not. wie auch die Holge» dieses Pro zesses nicht nur wirtschaftlicher Art bleiben werden. Es ist gleich zeitig auch trotz aller hi>torischer Materialisten ein geistiger Pro zeß, der auf allen Gebieten aus den alten überkommenen Formen herausdrängt und unter dein Schlagwort der Prodnktiviernng die Massen erfaßt. Das äußert sich wirtschaftlich in, Uebergang vorn Handel zur Gewervetätigkeit, innerhalb dieser in den wielfachen Bemühungen um die Schaffung eines wirklich qualifizierten Handwerker- und Arbeiterstandes, weiter in all den wachsende» Bestrebungen, den Uebergang zur Jnduslriearbeit zu ermöglichen, wie nicht zuletzt in all den Tendenzen, die den Oiibci auch der Landwirtschaft wieder.zuführe» wollen und tatsächlich zuführen. Ties alles ist nur der sichtbarste Ausdruck eines tiefer liegenden Tatbestandes, der Emanzipation und Selbstemanzipation heißt. Ter grundlegende Faktor ist ein Annähernngs- und Anähnelungs- Prozeß, der >ich im Wirtschaftlichen wie im Geistigen äußert und das eine durch das andere treibt. Tas mag ei» langwieriger und komplizierter Prozeß werden, weil es sich um große Massen handelt, die leichter in sich beharren und auch leichter von außen abgestoßen werden, aber es ist hier unaufhaltsam etwas im Wer deix^ das uns die Frage nach der Zukunst dieser Masse, ihrer jüdischen Zukunft, nahelegt. Und sie erschließt sich ans der Jugend als dem reinsten Spiegel künftigen Geschehens, als dem offenen Tor, in das alles Neue am leichtesten »nd mit nachhaltigster Wirkung einströmen kan». III. Tie ostjüdische Jugend, Art und Grad ihres Zukunftswillens keniienzulernen, war der eigentliche, der letzte Zweck dieser Reise. Alles andere war nur Auftakt und Borbereitnng, sollte nur ein Bild des Milieus gebe», aus dem das Nene erivächst, damit es verständlich wird und ein Urteil ermöglicht. Und wenn im» i» erster Linie von der zionistischen Jugend die Rede ist, so liegt das nicht a» der Einseitigkeit eines Blickpunkts, sondern an der Tat sache, daß es unter viel Jugend nureine einzige wirkliche Ingendbewegnng gibt, nämlich die zionistische. Nur diese Jugend hat es zu einer Bewegung, zu einem gestalteten Ausdruck ihres Willens gebracht. Tas wird begreiflich, wenn man das polnische Judentum überhaupt unter dem Gesichtspunkt seiner Bvrslellung von der zukünftigen Gestaltung des Judentums betrachtet. Es läßt sich dann in drei große Gruppen teilen, wobei ich von einer Gruppe, nämlich der Orthodoxie, die heute, wenn man die zionistische Orthodoxie nicht mitrechnet, nur noch auf wi» Viertel des Ge samtbestandes geschätzt wird, grundsätzlich absehe. Ten» durch ihre Erschütterung durch die Tatsache, daß sie in immer steigen dem Maße an andere Gruppe» abgebe» muß, entsteht ja gerade unsere zentrale Frage »ach der neuen Zukunft. Ich beginne mit der Gruppe der polnischen Assimilanten, wobei hier an eine Assimilation nach deiüschem Borbild gedacht ist. Ter Umfang dieser Schicht wird von Meinten! aus ä 10 Prozent angegeben. Man könnte nun ans der Tatsache, daß zwei Trittel aller jüdischer Minder rein polnische Schule» beluche», also einem bewußt aus Polonisiernng eingestellten Schulsystem unterliegen, ans eine starke Ausbreitung dieser Schicht in der kommenden Zeit schließe». Tiefer Schluß wäre falsch; Assimilation nach deutschem Muster kann immer nur ans Splitter beschränkt bleibe», weil sie hier nicht Individuen, sondern eine Nativ» erfaßt: wir kommen noch darauf. Zu dieser allgenieinen Sicherung aber treten spezielle; in erster Linie das jüdische Schul werk, das in dauerndem Wachstum begriffen ist. Wenn es heute bereits ein Trittel aller Minder ninsaßt, so ist das^ der geradezu bewunderungswürdigen Hingabe der verschiedenen Organisationen zu danken, die dies Werk buchstäblich aus dem 'Nichts geschaffen habe». Sein weiteres Wachstum ist nicht etwa eine Frage des Nationalen Willens wie in Tentfchldnd, sondern eine reine Finanzfrage. Ter Besuch der polnischen Schulen entspringt nicht dem Wunsch der Eltern, sondern einer Zwangslage. Es kommt hinzu, daß auch diese in polnischen Schulen erzogenen Minder außerdem immer noch eine intensive jüdische Ausbildung^ emp fangen, die sie im Nahmen des Hergebrachten erhält. Tie Schicht der individuellen Assimilation braucht also für das jüdische Leben so wenig in Betracht gezogen zu werde» wie ihre Jugend, die in einigeil Studentenverbindungen organisiert und auch zahlen mäßig unbedeutend ist. Biel wesentlicher ist der Einfluß des Mominunismns, obschon oder weil er in Polen eine illegale Be wegung ist. Sein Jnternationalisinns. sein inenschheitsbeglücken des Endziel üben natürlich eine starke Anziehnngskrast auf eine Jugend aus, die durch ihn gleich zwei Nebel auf einmal loszu werden hofft; ihr Judentum und ihre wirtschaftliche Not. Tes halb ist der MommnnismuS die wichtigste und ernsthafteste Mi>» Inrreir; dex bewußt jüdischen Jugend aller.Richtungen. Es-ist bezeichnend, daß der Pater eines >nnaen zionistischen Ehaluz ans die Frage, wie er denn nun zu den Bestrebungen seines Sohnes stehe, erklärte, er sei sehr zufrieden, denn ohne Zionismus wäre sein Sohn sicher Mominunist, und da freue er sich über das kleinere Uebel. Tie zweite Gruppe ist die der Jiddischisten, die etwa Pro zent der jüdischen Bevölkerung umfaßt. Sie sieben bekanntlich . zwischen Assimilation und Zionismus. Tnrch ihre große soziali- Iiische Arbeiterpartei, den „Bund", sind sie' politisch bedeutsam und ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche und kulturelle Situation der jüdischen Arbeilerichasl. Ich.werde sie später in ihrer Rolle siir die Erhaltung des Judentums mit dem deutsch jüdischen Liberalismus vergleiche». In dieiein Zusammenhang interessiert uns, daß sie ein ausgedehntes jüdisches Schnlwerk u» terhaUe», das ursprünglich sogar größer war als das hebräische der Tarbnth Bewegung, heute aber von ihm eiugeholt ist und wahrscheinlich sehr bald überholt sein wird. S>c vertilgen nur über eine einzige Gruppe in der Jugend, nämlich die vom „Bund" ausgehende sozialistische Arbeiterjugend. Arbeiterjugend. Tie letzte und größte Gruppe ist die der Zionisten, zu dene^ etwa die Halste der Bevölkerung gerechnet iverden kann. Auch diese Jugend wird frühzeitig durch ein Schulwerk, nämlich das ' hebräische der Tarbnth Bewegung, ersaßt. Es ist geradezu ver blüssend und ein Zeichen der inneren Mrast der Bewegung, wenn ' man sieht, wie hier in wenigen Jahren unter ungeheuren Schwie rigkeite» bei kleinsten Mitteln ein ganz modernes hebräisches Schulnetz entstanden ist, das Müidergärten. Bolksschulen, Mittel schulen, Gymnasien und Lehrerseminare in beträchtlicher Zahl unterhält und das imitier weiter in erstaunlichem Tempo wachst. Tie eigentliche zionistische Jngendbewegung »»», die in allen ihre» Glieder» ans. etwa snnnii ihnmii junge Menschen ge schätzt wird, ist auch, ihrerseits" wieder ein Spiegelbild der ver ichiedenen Richtungen innerhalb der Monistischen Bewegung selbü. Tas wesentlichste Einteilungsprinzip wird durch die Stellung nähme zur sozialen Frage gegeben. Es beginnt ganz links mit, -der größten jüdischen Jugendorganisation, die es überhaupt gibt, mit dein Haschomer hazair, der sich „Indische Welt Seoul 'Srgani Intimi" nennt und allein in Polen über e»va l\'>o»o Mitglieder verfügt. Tiefe Gruppe, die kurz vor dem Mriege gegründet ivurde »nd ihren heutigen Eliarakter erst allmählich herausgebildel hat, iveist als wesentlichstes Merkmal den doppelten Radikalismus der sozialistische» Idee und der nnbediugien Palästina Einstellung, ans. Sie haben schon >'.>>!> damit begonnen, ge schlossene Gruppen nach Palästina zu entsenden Tiefe arbeiten dort gemeinsam in Lohnarbeit, bis sie zur festen Aniiedlnng kom »ten. Es haben auch schon mehrere solcher Ansiedlungen in Form großer Mwnzoih stattgefunden, während noch eliva lausend Mil glieder, auf achtzehn .Mibbuzin verteilt, im'"Lande arbeitet! und aut Ansiedlnng warten. Ihm schließt sich die „Gordonia" an. so genannt nach A. T. Gordou, also Mensche» des Hapoel hazair, auch sozialistisch gesinnt, aber nicht unbedingte Marxisten und keine Gegner der Einzelivirtschast. Sie besiehe» erst seit vier bis fünf Jahren und erinnern in ihrer heutigen Entstellung etwa an die Anfänge des Haschomer hazair. Auch sie sind Benreler einer ausch'sprochenen Elialnzbetvegnug und dursten in Polen über eliva liimi) Mitglieder verfugen. Es solgl der „Hechalu; hazair", der als eine «'truppe der rechten Poale Z,io» betrachtet iverden kann und sich gleichfalls die berufliche Bo»bereilung auf Palästina zum Ziel gi'ievt hat I» seiner Enisiehnng als eiitz' bürgerliche Abspaltung von der „«'ibrdonia" ist der ...Haichvmer halennii" zu betrachten, der die ossi'ielle Seoul Bewegung der der allgemiueu Zionisten darstelll. Auch er verlangt die lieber, siedlung nach Palästina, stellt aber iveder i» 'Bezug aus Berufs ansbilduug, noch aus die soziale Form irgendwelche Forderungen. Tann gibt es die misrachistische Jngeud, die als allgemein ziv »istische in der Girnppe der „Zeile uiisxaelii" und als speziell chalnzische in der Gruppe „Tal ipaaivoda" organisieu ist. Tie letzte ganz rechts stehende Gruppe ist die große «'truppe de> Re vijionijien, die in der Gyninasiasieuvereinigung „Maücida" und im „Brilh Trumpeldor" organisiert sind. Ihr großes Wachstum, das sie beule über etwa >.'<>»>>> ','>!«>«»> Mitglieder verjugen laßt, datiert seit den Augusiunrnhen, durch die sie uugelieuer äuge schwölle» sind/'ohne diesem schnellen Ausstieg nun auch mit ihrem Fuhrerniaterial Nachkommen zu können. Sie lege» das Haupt' gewicht auf militätische Borbereilung und lehnen die 'Bezeirh nung einer faschistischen Jugend nicht ab. Es gibt in Polen Mililäriiisirilkivren, denen die militärische Ausbildung der Zivil bevvlkerung obliegt, joiveit sich diese sreiioillig zur Bersugung stellt. Ein starler Anreiz, das zu tun, iit dadiuch gegeben, daß den so Ansgebildete» von ihre» achtzehn Monaten gesetzlicher Tienslzeil 0 Monate erlassen Iverden. Für die Jugend des..Brith ..Trumpeldor" ist diese Ausbildung obligatorisch. Sie geben sich airch äußerlich durch Unijorinen, militärischen >'trnß usiv. iolda tiich. Ich habe das Leben der zionistischen 'Jugend Polens im Rahmen des „Haschomer hazair", also de» glvßien und, wie mir nach allen Eindriicken und Gesprächen scheint, ernsihaslesten Hr. ganisation kenneugdlernl Ich hatte niemals ans «'trnnd des Milieus, das ich vorher sah, ans eine solche Jugend geiäiloiien. Ich habe sie in alle» Alterssladien und an vielen L iten bei der Arbeit gesehen. Ich sah die Gruppen d,r ganz Mlemeit, die dn>>» Spiel »nd G-esang lernen und denen diit.l' Sp'el und «'te ana, ohne daß lie es wissen, ein neues Ideal uienschlicher Haltung ver miitelt wird. Ich sgh die «'truppen der Aelteren, die in -heilerer Freude erzieheil und, indem sie erziehen, gleichzeitig mit letztem Ernst an sich selbst arbeiten. (Fortsetzung folgt.)