Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 11 (1.6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Keife nach Polen. Bon Gustav K r o j a n k e i. (Fortsetzung.) Neben bicreii beiden Lchwicgersohncn, dem orthodoxen Händler und dem assimilierlen Kaufmann, hat unser Älter »och einen Lohn: der lebt als Arbeiter in Palästina nnd hat eine deutsche Jüdin geheiratet. Auch ihr Bild steht aus dein Bcrtikow. Ich habe sic nie gesehen, aber ich kenne sic doch; ich kenne ihr Milieu, ihre Kämpfe nnd ihren 'iskii. In dieser Umgebung ist cs sehr merkwürdig, zu denken, wie hier zwei Menschen aus so verschiedenen Lcdcnskrciscn. von gleichem Erlebnis beseelt, ansbrachcn und wie sich in Palästina die Kreise »mt wieder schließen. Nicht nur in Palästina: auch für mich schließt fiel) in diese», fremde» wolhlinischcn Törschen vor diesem Benikow der Kreis unserer Gemeinschaft. Tie Rabboniin darüber nnd die junge Generation darauf — das wenigstens haben wir gemeinsam. Wir waren kur; vor dein hcrcinbrechendcir. Labbat in das Städtchen gekoinnicn nnd machten uns nun aus den Weg zur Schul. Tas war ein phantastischer Weg. von Taschenlampen beleuchtet, damit inan nicht stecken blieb unterwegs irgendwo in dem volnischcn Boden. Ein paar trübe Petroleumlampen flackern in dem bescheidenen Nanin: in der Mitte die Biinah, von ein paar rohen Balken gebildet: ihr gegenüber an der Misrachwand, zn der man auch uns gastfreundlich geleitet, ein mehr als schlichter Schrein zur Bewahrung der heiligen Rollen. Unseren Begriffen erscheint zunächst alles^als ein wildes Turcheinander. Einige Beter iaufcn die ganze Zeit in dem Raum zwischen Biniah und Thora-Schrein aufgeregt hin und her, zupfen ihre Bärte, bleiben stehe», spreche» mit den Sitzenden, rnpsen wieder und laufen, wieder. Ändere schwingen ekstatisch über ihr Betpult, ganz losgelöst von der Umgebung, versunken in ihr inbrünstiges Tun. Manche stehe» in Gruppen zusammen, vereinigen gleichsam räumlich ihren Gesang, um sich zwischendurch anssprcchen zu können. Und zwischen alledem Kinder über Kinder, neben den Vätern, in den Gängen, rund um den Thora-Schrein. Aber zusammcngchaltcn wird das alles, wie äußerlich durch den Chase», so innerlich durch die Sabbatitimmung hinqegcbener Beter. Es ist kein Tnrchcincindcr, cs ist der schöne Glcichklang einer Gemeinschaft, die in der äußeren Haltung jedem Freiheit iasscn kann, weil sic der inneren gewiß ist. Am stärksten rührte mich der Zauber des Tabbar in der rührenden Sitte der Sabbatvcrlängernng. Wenn da die Männer nach Sabbatansgang noch essend und singend im Betbaus »in de» Tisch sitzen, um den Sabbat noch zu beschwören, wenn er eigentlich schon vorbei ist: eine geschlossene Gruppe dunkler Gestalten im dämmerigen, Raum, eng beieinander, als wollten sie mit Gesang den nahenden Alltag verscheuchen — dann begreift man fieser als sonst, wie sich hier ein Glanz ans Büchern nnd Träumen über ein elendes Leben breitet. Man kann vom Sabbat nickt sprechen, ohne auch des Essens Erwähnung zu tun. Es war doch ein bescheidenes Hans, in dem wir wohnten: und cs >var auch mit dem Geschirr nur dürftig bestellt, so daß die Töchter nnd der Schwiegersohn ans einem Teller essen mußten, wobcd der Manu, obwohl er wahrscheinlich auch sonst mit vielen Längen gesiegt hätte, noch dadurch ciuen Vorsprung hatte, daß die Tochter immer hin- und herlanfen mußte, um die Speisen zuzntragen. Es war ein bescheidenes Hans, oder cs war ein fürstliches Essen. Ick nenne nur eins der beiden gleichwertigen Menus, mit denen man »ns den Sabbdt verschönte. Es begann mit eingemachten süßen Kirschen und einem kleinen Wodka dazu. Schon hierdurch kühlte ick den Magen leicht belegt. Es folgte gehackte Leber mit Rettig. nnd es stand frei, iviedcr einen Wodka zn nehmen. Hierauf gab es Huhn, uiigehciire^Portionen Huhn, und cs wäre gegen den Anstand gewesen, ein Stückchen davon znrnckznlgfsen. 'Wie man sich »»» behaglich ziirncklehncn wollte, erschien war es ein Traum — erschien Suppe, Hühncrsuppe mit hausgemachten Nudel», die ihrerseits aber wieder nur als ei» Auftakt, gedacht war für die Krönung des Sabbatmahls, für die fette, schöngebräuute Kugel. Und daß auch ein Abschluß fei, folgte schließlich noch einmal ein großer Teller * Kompott. Und cs war nur iic der Trdnung, daß man nach solchem Mahl in längeren Gebeten des H^rrn gedachte, der uns so geführt. II. Tas kleine Städtchen als Ausgangspunkt, wenn schon nickt der Reise selbst, so doch ihrer Tarstellung, hat den Vorteil der größeren Ucbcrsichllichkeit. Tas wirtschaftliche nnd kulturekle Leben dieser Landjudeu präsentiert sich noch dem flüchtigen Beobachter in größter Klarheit. Es kommt hinzu, daß man die kleine Landstadt auch als Ausgangspunkt einer Entwicklung nehmen kann. Aus solchen Tertclicn ist hier wie ähnlich in.Tentschland die Konzentrationsbeivegung in größere Städte und Großstädte vor sich gegangen. Heute leben etwa?•'> Prozent der jüdischen Bevölkerung Polens in großen Städten, in denen Zie durchschnittlich etwa ein Trittel der Bevölkerung bilden. Und dock besteht in den Folgen diese? Prozesses ein ivesentlicher Unterschieds zn Tentschland. Hier hat die Anwanderung in die großen Städte die Biidung großer jüdischer Gemeinden und damit eine Jnlcnsivicrung des jüdischen Lebens herbcigeführk, ohne gleichzeitig die berufliche Struktur der deutschen Inden wesentlich z» verändern. In Polen kann die Abwanderung in die großen Städte eine Intensivierung des jüdischen Lebens nicht bedeuten, weil cs dafür ja nicht so sehr aus die Größe einer Gemeinde als auf den zahlenmäßigen Anteil an der Gesamtbevölkcrung eines Trtes ankoinmt Und hier ist dieser Anteil auch schon in her kleinen Gemeinde äußerst beträchtlich: cs kommt hinzu, daß in ihr auch kaum eine Assimilationsmöglichkeit besteht, weil kein AssimilationSaurciz gegeben ist. In der Großstadt aber wird da? jüdische Leven vor > ganz neue Probleme gestellt, cs kommt eigentlich hier erst mit der modernen Welt in Berührung. Und wen» das im allgemeinen auch nichr> zu der Assimilation des Individuums fuhrt, dce wir aus Tentschland kennen, soführt es doch zu einer Kollcktivveränderung. zu einer Art nationaler Umbildung, Und in dem Maße, wie hier das jüdische Leben durch die verschiedensten Ten» dcnzen bewegt wird, ist es auch fiir den Beobachter viel nnnberiichilicher und viel schwerer zu fassen. Es socdei: viel größere Muhe, sich-hier über den. bloßen Eindruck hinaus ein wiikirckes Bild des jüdischen Lebens zu macken. > Tie Warschauer jüdische Gemeinde ist die drittgrößte <Gemeinde der Weit, nämlich nach 'Nennork nnd Chicago. S:e zahlt :*:?.■>OlM Seelen nnd stellt damit ein Trittel der Gesamtbevolkernng dar: sie übertrifft mit diesem Anteil an der Gesamtbevolkerung Chicago um ein Trcisaches und sogar Neunork um einige Prozcnk. Warschau als Ganzes ist eine graue, phniiognomieloje A» sanlnilnng von. Häusern, die bestenfalls von Änskonimen, meistens von Elend zeugen, Gewiß gib: es einige schöne, großstädtische- Straßen aber auch sie mit Gesckästen, die für Berliner Begriffe. äilßersl bescheiden sind: iiberlmuz>! tritt eine besondere, Eleganr. wie man ist in dieser östlichen Stad: nach srauzösischeui Vorbild erwarten könnte, auch in den besseren Vierteln äußerlich wenig in Erscheinung. Es (jü't viele schöne, alte 'Adelspaläste, aber sie sind i'ichl mehr der Sitz individuellen Reichtums, sondern heute einer Unzahl staatlicher Behörden. Es gibt einen Bezirk um den Alten Markt, in dem das Bild Altpolens in farbiger Schönheit bewahrt ist, aber cs ist ein kleiner Bezirk, der im Rahmen der heutigen Stadt nur noch musealen Charakter trägf. Tie heutige Stadl als tüanzcs ist eine trübe Großstadt von Allerweltscharakter. Ta, >vo die Stadt am grauesten ist, wo die größten Mietskasernen stehen, wo da-s dichteste Menschengewimniel herrscht, wo es am rneislc» Kinder gibt, schleckt gekleidete, unterernährte - - da ist das jüdische Viertel. Und ivenn etwas die graue Monotonie dieser Straßen durchbricht, so ist es die grelle Buntheit der Ladenschilder, die in unabsehbarer Fülle die Häuser bedecken. Hier herrscht die Bilderschrift. Feder bat in unsagbar primitiver Form alles auf sein Sckild gemalt, ivas sein Lade» au Schätzen birgt. Leder und Pelze herrschen vor: aber auch alles sonst, ivas einei nur feilhalteu könnte an Bedarfsartikeln gleich welcher Art es findet sich roll gemalt aus seinem Sckild, das ha»s:g größer ist als der meist winzig »eine Laden: und bei manchem Geichäst hat man den Eindruck, daß es über mehr gemalte als wirkliche Waren veriiig:. Tazn'ischen ivimmeli es von Mensthen, umherluugeruden nnd handelnden, in der temperamentvollen Beivegtbeit aufgeregte» Müßiggangs. Was sich hier an J-uden nnd Juden durcheinanderschieb:, irägl auch äußerlich das Gepräge einer im Uebergaug begrisseuen Gemeinschasl. Es gib! i'o viel europäisch gekleidete ivie solche in der altherkömmlichen Tracht der Tribodoren. Und es gibt vielleicht noch mehr, die sehen nick: .europäisch und nickt orthodox, sondern ivie dem Elieder ciiilaiiieiie Provinziale aus. Tas Leben der Straße 'r'tz: sich über die Hauseiugänge aui den geräumigen Höien for;. Fliegende Händler in den .Hanscingänge» mit Ka:ninen, Aepfeln, Bonbons: ans den Hö>en ivieder die Läden mit ihren binnen Schildern und wieder Menschen über -Meii'che». Zwei alle Inden im langen Rock, über dem Riickcn ein Holzgesicll mit ein paar Glasscheibe» darin, ziehen von Hoi zu Hof und rufen zu.den Feilster» hinaus: ..Scboiben' Schocken!" Es wäre schoir-chäustg reckt notwendig, neue „Schoiben" einsetze»?» lassen, aber wer aclnei.daraus, iver bi: Geld dazu, daraus achten zu könne»'? Sie ziehen iveiter, ein rnlneudes Bild, vkn» Morgen bis znin Abend, von -Hof zu Hof. und und glücklich, ei» bis zwei Zlo:v am Tag verdienen zn können. Aber das ist nur ein Anna». Ten Höhevunk: bilde! der Altwareuniar». Hier beiß:' Ware, tz'as vielleicht einmal .'gare war nu.d auch damals schon keine gute. Hier wird um Scknlie gehandelt, altgedieute, notdürftig geklickte: um .Kleider, die einmal heisere Tage gesehen traben und uu» traurig, am Eingang der vsseuen Holzbuden im Winde »alternd, ihre Schäden her zeigen. Tabei sind das noch die Lockstncke. Laune Reihen von Stäckdcn, die Lederabialle fuhren. iiüMs als Leder rb'älle, kleinste Schnitzel, von denen ganze Zentner sur ein paar Zlotv iveaaelien. Wenn einer, theoretischer Fall, seinen ga"z."a Vorra: an? einmal verfall'! ivas bleib: ilnu daun 'cbou? igetliikte Pianneu, äugestoßeue Teller, tranige Lebensmittel, iä^aebo:eu von zerlumpten Frauen und 'ckucierigeu Männern, iverden von cben'gjchen Frauen und Männern nick' langem Handeln' erstanden. Und um die'eu Mark: bann, ziehen inh die Straßen mit ihren trüben Mietskackruen. Ick habe die ölamen'childer in de» Hausfluren gezahlt: ei„huuder:z,vanzig Pa::eieu im Turcknchuitt. Ick weiß »iclit genau, wieviel Mopic auf jede kommt, aber ivenii ick au die Kinder denkenden Hause» von »snderu. die i» jedem Haust' de» Fremde» »mriitgten. daun dürste jede die'er Kasernen die Eiuivohuerschas: einer »einen Landstadt beanem in sich bergen. Hier wohne» sie: Bcrcngarte». Jizcbak. inbjekl ld i. .H.rudälse.ngcstellter): Haidenberg, Herz. Furman: Wechsler, Ebairn. robolnik: «üedlach, Perla. Iiandlujira <d. i. Händlerini; Aina-iua, Eliaiia. haiidliijaea », i. i. v'il> >al> die äiänme. in denen sie baust'»: vier Varleie» oder süinzebu Köpfe in zwei Z,immer» Was ist in den Zimmer»? Ein paar eiserne Bettstellen, ein 3ifdi, yin halbverfallener Schrank, eine Kochgelegenheit und Schiiigtz. Ein Buchbiuder wob,,:, im Haus: er ha: Arbeit, beschäftigt ein paar Menicke», cs schein: leidlich,zn gehen, aber auch hier ist der einzige Wohn- und Schlasiaum 'gleichzeitig Werkstatt: ein Hanstn Menscheu dreht sich in dem mittelgroßen Zimmer. An der 'JtVntb häng: dck Büchs' des Keren Kajemelh Wir spreche» von Palästiiia Ist er Zionist? Er ist. ein kleiner Handwerker im Juden» viertel von Warschau, das strat alles. Für dir meisten von ihnen ist Erez Israel, was den fromme» Christen das Jenseits ist.