Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 1 (7.1.1938)
- Date
- 1938-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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E»üder Bibliothek der Jfldiiahn fiflmnlfida 1 - Schild Nr. 1 / 17. Jahre. Berlin. 7. Jan. USS Praia IC Pfennig HERAUSGEBER: REICHSBUND JÜDISCHER FRONTSOLDATEN E.V. WOCHEN Beiblatt: »I TLIC >1E K :h f ItAFT« IIT DEN OFFIZIELLEN MITTEILUNGEN DER KRIEGSOPFER-ABTEILUNG , Offizielles Organ de« Schild, Sportband de« Rkichtbunde« jüdlacher Fronttoldatea E.V. MftMaHun« sHVsrli KcSiiliw». a. ioMlfmä ■««URlRiaHt RH. 0.S0 i A«—IfUrlf fcrA Jk |l Rrid •t j.d. raa.dld alnaj |U INHiI, Mzjflid •dar FraslulktM E.V„ Bsrli. «IS, KirMnt.id.aa «00. Frr.r.f «l«s|71. PwliAtAtaui B*rli. 7SI «2. T.I«|r.aaa«»Ariri: SAildluaarad. r.r EnAtlaz F*r aav«rlaa«i tlspb. Msa.rkriyt. wird kris* Cawlkr tk.rsw.sns. Br, NidMlisferasf »k^Vtridnldr. ktirVtr|iiu|ia«snA. P.slknullssld. kazalfazprtai Di. «fnp.lMM Hillia.t.r. Zeit* SM. 0.1«. Sull.sssf.k.u ..d -Crndir. F.aili». «u.ip> RH. «.Ml J Die „Hinterlassenschaft“ Vor ans liegt ein kleine« F e l]d - G elb »t ihnen wertvoll «ein müBte. So w«ndte er «ich buch. Welcher jüdische Frontsoldat kennt ee an das „National Coordinating Committee for Vor ans liegt ein! kleines F e I d - G e b ot - buch. Welcher jüdische Frontsoldat kennt nicht, diese« Heftchen, 23 Seiten 'hebräischer, 29 Seitea deutscher Text, mit Morgen-, Abend- und Nachtgebeten, dem Tiächgebep, den Sah* batpsalmen, dem Malkenu, mit den Ps Lied? „Schirm und Graus** — seelischer mondtgebet, dem Owinu ihnen md dem Chanukka- Schutg in [Sturm nnd Schutz im Feu — «erstürm des Weltkrieges war dieses kleine Kompendium jüdischer Religiosität oftmals für uhs! Mit Rührung blättlern wir in dem Büchlein. Dea schwarzen Umschlag hat es nicht mehr; lose und vergilbt sind seine Seiten. Zwanzig Jahre sind eine lande Zeit, and di» Heftchen mag manche« durehaemaeht habemj Es ist gewiß einem jüdischen [Frontäoldaiten [in schweren Tagen und auf harten Wegen ein treuer Begleiter gewesen! Inj diesen Blättern lut ihn sein Judentum; sein Glaube durck die Schrecken der Materlaischlacht begleitet. , Drinnen, awischeni den Seiten, lihgt ein kleines Foto: eine älterje und eine jüngere Frau; sicherlich die Muttes und Schwester des ein- - - 1 ' stigen Besitzers. Er liat keinen besseren, .heiligeren Platz für dieses teure Bildchen gewußt als das Gebetbuch inj seiner Bru.ttysche. Und es liegt dabei ein anderes Bildchen auf einer Postkarte: ein Baby ^wischen weißen Kissen in seinem Kinderwagen.! „Wie gefällt! Dir mein Bild?**, so steht in verblichener Schiri ft auf der Karte zu lesen, „Bej der Omama ist et {sehr schön, morgen fahreil wir wieder mach Haus. Viele Grüße Dein Neffe Fritz Günther.“ 4— — Das Gebetbuch, die Fotos, ein Besitszelugnis für das Verwundetenabzeichen inschwarz, ausgestellt von der Bayri 15. Iafi-Div., nicht benutzte Ansichtskarten.- einige das iit die loch vor uns liegende, jsftzt nach zwanzig Jahren auf m seltsamen Wegen aüfgetauchte Hin lassentehaft einkt Frontsoldaten . . . Fast awei an Ereignis und' Schiaksal reiche Jahrzehnte sind über die Lahde gebraust, seitdem ein amerikanischer Spldati das Feldgebetbuch und s as ihm beilagj im fahre 1918 auf dem Schlachtfeld, in Frankreich einem sterbenden deutschen Kameraden abgenommen. Die Fügung hatte es gewollt, daß das Feldgebetbuch und die Papiere in :die Hände eines Juden gelängten. Zwei Jahrzehnte hat er die Papiere, die mit i hm narh| Amerika gewandert waren, treu bewihrt, mit jener* Treuei die Das Inhaitsverzeifl erscheint aus tech «Bier der nächsten ihnen wertvoll sein müBte. So wandte er sich an das „National Coordinating Committee for Aid to Refugees and Emigrant« coming from Germany“ in New York. Von diesem Hilfskomitee, bei dem jetzt der frühere Mitarbeiter 4er Reichsvertretung, Herr Friedrich- Borcbiardt, tätig ist, wurde das Ganze an die ReirhsvärtretUng für Juden in Deutschland weitergeleitet. Diese wandte sich an den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Im „Schild“ erschien darauf hereits am 17. Dezember 1937 eine „Suchnotiz“, in der die „Hinterbliebenen des gefallenen, Arnold Pohly“ gebeten wurden, sich „zur Empfangnahme einer erst jetzt zutzge gekommenen Hinterlassenschaft“ bei der Bundesleitung zu melden. Das Ergebnis dieser Aufforderung war überraschend genug! Der vermeintlich Gefallene meldete sich [persönlich aus Chemnitz mit einem Schreiben vom 18. Dezember. Er ist noch a m L e b e n! Was war damals, in Frankreich 1918. vorgegangen . . .? Bei den Gefechten im Oktober 1918 hatte das 32. Bayr. Inf.-Regiment derart große Verluste, daß am 8. Oktober 1918 eine Neuzusammenstellung vorgenommen werden mußte; hierbei kam der Gefreite Arnold Pohly von der 12. zur 6. Kompagnie. Am li Oktober 1918 bei der Abwehrschlacht in der Champagne und an der Maaff wurde er lehr schwer verwundet. Mit einem Nierenbec sen- Durchsehuß lag er auf freiem Felde hilflos (wischen deutschen und amerikanischen Vert rundeten und Toten. Verbandzeug hatte er ■ icht mehr bei sich; so war er gezwungen, in liegender Stellung Rock und Hemd abzustreifen, um sich das letztere um die stark blutenden Wunden zu binden. So lag er dann mit nacktem Oberkörper längere Zeit schutzlos in der Gefechtszone, bjs weiter nachkommende stürmende Amerikaner t ihm auf seine Bitte den Weg zur nächsten Verhandssfello zeigten. Er versuchte, sich aufzurichten, was* ihm aber infolge des starken Blutverlustes und der heftigen Schmerzen unmöglich war. Schließlich erreichte er aus der Hauptfeuerlinie kriechend mit Unterbrechungen, eine Sjraße, Dort lag er nun blutend und durstend uhd sieh mühsam gegen Granatsplitter deckend unter rasenden Schmerlen im Chausseegral ent In dieser verzweifelten wundete amerikanische er bat sie um Hilfe und ihm die Feldflasche, und zwei amerikanis:he dem Soldaten des G oßen Krieges eigen und heilig ist. Es war hn 1 fovemhe» 1937, aU er das Bedürfnis fühlte, dis Hmtsrbliobenm jenes sterbenden Kameradei ansfindig zji machen, ___ nm ihnen das Vermächtnis an übermitteln, -das °,n waren unerträglich. Lage kamen leicht' er- Soldaten an ihm vor >ei, zu trinken. Man reichte Kameraden versuchten. ihm unter die Arme greifen, um ihn fortsutr sgen. Aber die Schnerhnis de* Jah\ km Oriii Atugobe*. -mzcl iMaangs I inden eraj 1937 in auf seine nieder . . So lag er hilflos, als C< ifechtes die srst und so legte man Bitte wied ir im Chauseeegral ten ach Beendigung des Sanitäter nit ihn Tragbahren gewahrte. Auf sein Flehen wurde er von vier deutschen Gefangenen und einem amerikanischen Soldaten aufgehoben und fortgetragen. Noch heute taucht die Erinnerung auf, wie er da, irgendwo im Feldlazarett auf der Tragbahre lag und spater im Bett eines amerikanischen Lasarettsuges. Bis zum Froh« jahr 1919 war er in einem amerikanischen Lazarett-Barackenlager und kam mit dem ersten Verwundetentransport im Mai 1919 nach Deutschland zurück, —~ als Schwerkriegsverletxter, der er bis heute ist. Es War gewiß fast ein Wunder, das Kamerad Arnold Pohly am Leben erhielt; und jener amerikanische Kamerad, der sein Gebetbuch« lein und die anderen Papiere in Verwahrung nahm, mußte glauben, die HinterlasaesMehaft eines Todgeweihten zu hüten. Mit welchen - Empfindungen mag Kam. Pohly sie aus den Händen unseres Chemnitzer Ortsgruppen« Vorsitzenden in Empfang genommen haben...? Diese Fotos und das Feldgebetbuch, das in den schwersten Stunden seines Lebens ihm treuer Begleiter gewesen und nun den Weg tu ihm surückgefunden? Wenn hier von „diesem persönlichen Vorfall ausführlicher berichtet wird, so geschieht es darum, weil ihm über das Persönliche hinaus etwas innewohnt, das jeden jüdischen Frontsoldaten innerlich tief berühren wird. Man erkennt, wie nahe, wie unmittelbar nahe uns noch das Kriegserleben ist und wie tief es noch in unser ganzes Dasein einschneidet. Wie rasch ist hier die Zeit überbrückt von jenem Tag, da der Verwundete hilflos, verblutend im Graben lag, ein Sterbender scheinbar, der sicherlich schon seihst mit dem Leben abgeschlossen, — bis au dem Tage, da seine ^Hinterlassenschaft*4 in seine Hände surückkehrte! Wir erinnern uns dessen, was jedem Soldaten an der Front jederzeit gegenwärtig war: solange noch ein Hauch, ein Rest von Atem im gepeinigten Organismus ist, sind wir noch nicht tot! Auch ans dgr verzweifeltsten Lage gibt es ein Auferstehen, der Mensch ist zäh, und durch Kameradschaft kann der Eine den Anderen manches« mal von der Schwelle des Todes zurückreißen. Es scheint uns wie eine tiefe jüdische Symbolik, daß es das Feldgebetbach und darin das Bild der Mutter war, wovon der Schwerverwundete »ich als allerletztem Besitz trennte, der ihm in der Brusttasche seiner Feldbluse verblieben;.,und daß gerade diese Habe — nach 19 Jahren der Verwahrung bei einem jüdischen Kameraden in Amerika —• ihren Eigentümer doch am Leben an traf. Was wir im Felde gelernt und was uns das Leben immer wieder bestätigt, wird hier deutlich: Nicht unsere äußeren Güter sind unser Kostbarstes in den schweren Stunden unseres Daseins. Woran unser tiefste* Efipfmden hängt smd was sieh hier sh dea jüdische Feldgehet hoch und als das Bild der nächsten Lieben darstellt, das bleibt, das ist wertbeständig, das kann nnd soll nicht verloren gehen, flatoo.