Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 51 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 51 / 16. Jahrg. Berlin, 17. Dez. 1937 Preis 10 Pfennig H ERAUSGEBER: REICHSBUND JÜDISCHER FRONTSOLDATEN E.V. WÖCHENTLICH * MIT DEN OFFIZIELLEN MITTEILUNGEN DER KRIEGSOPFER - ABTEILUNG Beiblatt: „DIE KRAFT", Offizielles Organ des Schild, Sportbnndj des Relchsbandes jüdischer Frontsoldaten S> fa-Utletfcmg oad Verlag: Reidubond )ftdl*d>er Frontsoldaten E. V. Berlin W15, Knifflrateadamm 200. Fernruf 91 R dmktloas' a. AnxelgcnschluB Jeden Dienstag Tor Ersritelnsn. Für unverlangt eingehend« Menaskrlple wird kein« Oewthr Obdr B mliprdii RM 0.40 moantlldi «usflgltdi Postbeetellgeld. Anscigenprela ■ Die 9 geepaltene Millimeter «Zelle RM AnseigcnUrtf darcfa die An»«l<«n»er eraltnng1 Bapa - Verlag. Beneid a Palnudier, Berlin V 50, Regensburger 0.10. Stellmengebote nnd -Oeancba, Fernlllenenxdgen RM 0.10. Strebe 21. Fernepcecber, 24 66 97. Postscheck i Berlin 325 29. 71. Postscheck I Berlin 76142. Telegrammenschrift, SdiUdkamerad. nomxncn. Bel Nlditltefernag ohne Versdmlden kein VergOtnngsensprndt. Wer dächte in diesen Tagen des beginlenden Winters nicht hin und wieder! an die Ze ten draußen im Feld? s ich uiduuui im i ciur Wenn die Stürme über das Land brausen, dei Wald sich entblättert j und das Land kahl uni dürr unter dem njebligen Dunät sich briitet: Wer gedächte nicht jener Stunden, da wii mit der Waffe in der Hand in den Gräben staiden oder vom Postenstehen in dielUntersläide zurückkrochen...? Wer erinnere sich nie ht gerade jetzt besonders ernst dies gewaltigen Ringens oder an jenes lähmende Schweigen über dem Niemandsland, wenn der Wiiffenlärm verebbt war, jenes furchtbare EiUnd, das auf seiner Scholle die entieelten Körper trug, und nahe, greifbar nahe und do:h unendlich fern vor unsem Blicken lag! . a, der Winter ist gekommen, Schnee und Rejen rieselt durch die Schleier der Nacht. Wege und Straßen werden grundlos, und Schwer ist der Schritt der marschierenden Truppje. Un|d sei lammbespritzt und tief sich einfurchend fkn rschen die Wagen der KolonnenL die Kücken der Pferde dampfen; in Decken und Mäntel eingehüllt, sodaß kaum» etwas: von ihnlen zu sehen ist, hocken die' Fahrejr auf ihrpn Sitzen. Regen und wieder Regen,; oder ein: wässriger Schnee, der in Laachen i trüb ■ flüssigen Wassers den Boden bedeckt. I Alle erstirbt, nur das Feuer der Front glimmi Wejter. Es fährt auf, jäh emporgerecktl wie fcinje Lohe. Das Feuer der Front erstickt! nich im I Schneegestöber oder im Nebeldamdf, es ringt sich über den nassen Acker und; jagt dufch den entlaubten Wald. Das Feuer der Frönt ist unaustilgbar, es will brenneni, bis rum Ende, bis die Entscheidung erkämpft ist. (lind dennoch ... die Dämmerstunden; und langen Abende bringen Allen eine gewisse iRufie. Hier und da in den Unterständen Isp^ndet ein Ofen freundliche Wärme.! Das!ketzenlicht brennt milde auf den zerkratzten und rohgezimmerten Tischen. Beruhigend; geht seih matter Schein über die ausgetrockjieten und verkrusteten Erdwände, an denen an Haken und Hölzern die Gepäckstücke! der Soldaten in buntem Durcheinander hähgen. Und ob. die Ratten über Tornister und Kochgeschirre tanzen und die Mäuse emsig in den Ecken und aus ihren Verstecken piepsen, so als ob sie betonen wollten, daß auch sie mit 1 tu ■ der Gesellschaft gehören-ob gewisse andere Tierchen sich die Gemütlichkeit der Stunde ebenfalls in stärkerem Maße zu Hutze machen — —: es findet sich der Mensch mm Menschen, es findet sich der Kamerad mm Kameraden. Es kam der Winter und wir marschieren furch hferer furch einen triefenden Wald. Gespenstig ecken sich die Zweige um uns und Modergeruch von faulendem Laub steigt aus dem schlammigen Boden auf. In feinen Strähnen rieselt der Regen. Er tröpft und sickert aber die Helme, Mäntel und Waffen. Er sp ingt wie Tausende leichter Perlen, wie glitzernde Kugeln auf und nieder. Durch Schluchten marschieren wir, wie zwischen hohen Wällen. Am Ausgang des Waldes machen wir endlich Halt. Wir setzen die Gewehre zusammen und suchen nach einem Platz, nach einer Möglichkeit, uns vor der Nässe ein wenig zu schützen. Dürres Wiesenland breitet sich vor uns aus. Dann steigt der Boden an und weite, kahle Höhenzüge recken sich wie ungeschlachte Nacken vor uns auf. Und drüben auf den Höhen wird gearbeitet. Wir körnen cs genau sehen, fieberhaft wird dort gearbeitet und geschanzt. Männer wühlen und reißen die Erde auf, spitze Hacken brechen die Erdschollen los, Offiziere geben Anweisungen, H olzplanken, Balken und Stämme werden in Eile und Hast herangeschleppt. Es dauert nur kl rze Zeit und schon rattert und fährt es d inn heran. Die Pferde zerren an den Gurten und Stricken, Fäuste packen unjl greifen /in die Speichen der Räder, Artillerie geht in die’ Stellungen. Massig und schwer rollen die Geschütze auf ihre Plätze und die Mannschaften beziehen ihre Posten. Und dann warten auch sie dort oben auf dem Hügel, warten wie wir. Und Minute auf Minute verrinnt und der Regen sickert, so daß kein Faden mehr an uns trocken ist. Nur einmal kommt Bewegung in unsere Gruppen. Der Oberst mit seinem Stabe erscheint, und wir müssen uns dicht um ihn stellen. Er hält uns eine längere Rede und spricht von den kommenden Kämpfen. Wir hören zu und versuchen den Sinn cer Worte zu erfassen, aber die Kälte und cer Regen haben uns stumpf gemacht. Und v ie wir auseinander gehen, dämmert es berei s. Aus den Tiefen der Wälder schieben sich cie Schatten heran. Wie Schleier schlingen sie sich um die Stämme und Aeste. Ein unbeschreibliches Zwielicht in blutroten, dunstigen Farben liegt über dem Land. Wie lange werden wir noch warten müssen, und was wird werden? Da beginnt es auf dem Hügel vor uis lebendig zu werden! Irgend etwas geschieht, beginnt, nimmt seinen Anfang. Ein furchtbar s Spiel, ein blutiger Tanz, irgendetwas zerreil It mit einem Male wie eine zuschlagende Tatae die eisige Stille. Drüben von dem Berge dröhi t ein Schuß und dann wieder einer und noch einer, Schuß auf Schuß aus den Eisenrohrei i. Garben von Glut springen plötzlich gleißend aus der Tiefe der Erde. Das ist d$r Anfang, das ist der Beginn der Schlacht! Und bald leuchten die ganzen Höhen wie wallende Feuer. Lebende Fanale zerreißet Schatten und Dämmer als ob ein neuer Ta;' vor seiner Zeit käme. Zischend und rollen I stampft der Lärm und Don ne/ durch die Luft. In Flamme und Dampf gehüllt verrichtep 1 droben bei den Geschützen die Mannschaften ihre gespenstische Arbeit. Und bald antwortet der Feind. Der Feind schweigt nicht, er tastet sich heran und sucht und findet sein Ziel. Schwer schlagen nun die Geschosse in den Boden und die Erde spritzt wie ein aufgewühltes Meer auseinander. Nun mischen sich die Lohen und brennen ineinander, der feurige Tod schreitet seihe Bahn und unter seiner Last erstickt das; Leben. Ja hier und da verstummt bereits der Lärm, erlischt die Glut, ist ausgetilgt und loht nicht wieder auf. Ein Chaos von zerrissenem Eisen, zerfetztem Holz und Menschenleibem liegt schwer am Boden, nichts wird es mehr beleben und erwecken. Stumm sehen wir aus unsrer jTiefe diesem Schauspiel zu. Spät erst in der Nacht zerbricht das Licht. Warum zuckt es nicht wieder auf? Wir fragen nicht, nein, wir denken und fragen nicht. Möge die Nacht sich still und dunkel über den Hügel breiten, wir hier unten harret! und warten unseres Loses. Wir warten Stunde um Stunde, ruhig und gefaßt, die Zeltbahnen haben wir um uns geschlagen, der Spätherbst schlägt seine eisigen Schwingen, und schwarz und drohend steht hinter uns der Wald. Alles ist verweht und ausgelöscht in dieser Stunde und doch lebt in uns Allen ein großer Gedanke. Ja, ein großer Gedanke beherrscht all diese. Menschen, dieses Menschenwerk in seiner Unzulänglichkeit und in seinem gewaltigen Wollen. Es ist das „Dennoch“ der .Seelen, es ist der Trieb, hinwegzuringen über die Nacht des Elends und des Grauens, irgend einen hellen und lichtspendenden Tag wieder zu erleben. Es ist die Unzerstörbarkeit menschlichen HoffenS, das da fest und unverrückbar glaubt, daß doch noch einmal Alles gut und besser enden und sich vollenden wird. Und so stehen wir, in dieser dunklen, nächtigen- Stunde und sind bereit, alle diese Gedanken und Empfindungen auf eine schicksalshafte, schwele aber auch auf eine ehrenhafte Probe zu stellen, sind bereit in treuer Kameradschaft das zu leisten, was eben dieses Schicksal von uns fordern und verlangen wird. Es ist mit den Menschen wie mit der Natur. Teile vergehen und lösen sich auf, aber die Gesamtheit besteht. Der Baum modert hin, aber den Wald kann nichts zerstören. Wir wisset!, daß auch unsere Kräfte schwinden, die Jahre kommen und sie «Verjüngen uns nicht mehr. [Der Mensch stirbt, aber die Menschheit lebt Im Ablauf dieser ehernen Gesetze erkennen wir gerade als Juden eine trostreiche Verheißung, wie schmerzlich auch die Einzelschicksale sind, wir wissen und empfinden es, das Judentum lebt. Es lebt in den großen Gedanken seiner geistigen Welt und in der Inbrunst seiner religiösen Idee. Es lebt in jenem l erhabenen Ernst, den wir als Frontsoldaten kennen aus dem Ringen der Kämpfe und dtem furchtbaren Schweigen der Massengräber; aber es wird auch bestehen in jener frohen und zuversichtlichen Hoffnung, die kein Winter zerpflücken und zerstören kann. Kam. Paul Ollendorff.