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Der Schild · 1937-10-22 · 43 (22.10.1937) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Schild
Volume
16 (1937)
Issue
43 (22.10.1937)
Date
1937-10-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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In der Höhle von Nampcel Vor unserer Schützengraben Stellung zwischen Soissons und Vic-Aisne wird <s Mitte Oktober 1914 brenzlich. Das AOK. weiß von größeren Truppeiiansammlungen drüber auf der anderen Seite. Vermutlich hat der Franzose Angriffsabsichten. Unsere 10. Landwehr-Bri jade wird am 18. September 1914 durch al tivfc Regimenter ausl den Gefechten an der Aisne und Oise abgelöst. Mein III. Bataillön Landw. Inf. Reg. Nr. 52 kommt nach St. Quentin zur besonderen Verwendung der 1. Armee. Die beiden anderen Bataillone zu dem gleichen Zwecke nach Cambrai und Umgegend. Wir sind weit weg vom Schuß, doch hören wir den Kanonendonner von der Front. Aber wie alles vergänglich ist, so auch diese Tage der Ruhe. Denn am 15. Oktober 1914 gegen Mittag kommt der Abmarschbefehll und 3,30 Nachmittag dampfen wir vom Bannhof St. Quentin / iii Richtung Tergnier-Laon ab. Langsam geht ei vorwärts, da diese Hauptstrecke nach der Front sehr in Anspruch genommen ist. Gegen Abend kommt eine Umdisposition und um Mitternach verlassen wir in La Fertg Chevresis die Güterwagen. Hier bleiben \yir zwei Tage zur Verfügung des General Kommandos. Dann marschieren wir wie ler. ^De^ Kanonendonner kommt näher. Mit jedem Kilometer rücken wir an die Front lierapi. Wir sehen zerstörte Häuser, abgebrocl ene Brücken. Kein Landmann ist auf seinem Acker. Dann marschieren wir durch die Nacht. Wir sehen nicht mehr als den Tornister des Vordermannes. Die Zeit vergeht langsam und schleppend. Allmählich gewöhnt sich ilas Auge an das Dunkel der Nacht. Hinter ins, weit entfernt, liegt die Heimat. Unwirklich lange scheint es her zu sein, daß wir einst durch deutsche Lande Voller Jubel und B :geisterung in geschmückten Eisenbahnwag :n gefahren sind, jetzt umfängt uns der rauh : Krieg mit seinen tausendfältigen Gefahren i ind bedeutet die grausame Wirklichkeit. Es ist 3 Uhr morgens. M ehr und mehr ge-. winnt die Gegend Form urd Bedeutung. Der Mond wirft sein mattes Licht auf die marschierenden Kompagnien. Gegen 7 Uhr früh: sind wir in Anicy. Aus einer Feldküche bekommen wir heißen Kaffee. Auch Brot, Marmelade und Wurst wird verteilt. In Anicy ist die Feldschlächterei des 111. Armeekorps untergebracht. Nach zweistündigjer Ruhepause geht cs wieder weiter. Auf stark I welliger Chaussee marschieren wir. Imj Dunst des Herbstnebets sehen wir schon von der Ferne die vier hohen und massigen Türme der Burgruine von Coucy le Chateau. Von hier oben geht der Blick ' weit ins Land. Auf dem Marktplatz von Coucy j le Ch. wird Halt gemacht. Gewehre werden zusammengesetzt, die Tornister abgelegt. Auf den staubigen Steinen legen wir uns hin. Der anstrengende Nachtmarsen macht sich sehr bemerkbar, totmüde/ sinken wir nieder, unbeachtet des Straßenschmutzles. C’est la guerre! Was läßt uns aufhorchenl Musik im Städtchem.... Von der Kapelle eines Kavallerie- Regiments ertönen bekannte Märsche und Lieder. Nun kommt alles auf die Beine, die [ bleierne Müdigkeit ist auf einmal verschwunden. Ein paar Frauen stellen s ch in die Haustüre, verschränken die Arme und hören auch zu. Heute sind vir noch im Bereich der Etappe — und morgen? Morger ... geht es wahrscheinlich scron in den Mörderischen Kampf. Dann hören wir keine Musik, sondern aas tack, tack, tack der Matchinengewehre und das Raatscbbum der eins« hlagenden Granaten. Nun sitd wir wieder draußen aus dem schönen atei Städtchen der Pikardie und - 1914/IS I marschieren. Die schwarzgrauen Türme der Burgruine sind verschwunden. r Es regnet und ein scharfer Wirnd weht auf der freien Chaussee. Gegen .4 Uhr Nachmittags rücken Wir in Blerancourt ein. Hier ist eine deutsche Feldpoststation. Seit mehreren Tagen erhalten wir wieder Post von den Angehörigen aus der Heimat. Dann Einteilung zum Wachdienst. Meine Korporalschaft hat die Posten am Ausgang des Ortes zu stellen. Der Rest der Kompagnie bezieht Alarmquartier. Inzwischen ist die: Dunkelneit hereingebrochen. Unser Wachlokal ist ein verder mer Kirchi acker. Natur. Ueberall sieht das Auge die Trümvon niedergeschossenen Gebäuden. Der türm liegt umgeknickt auf dem Friedhofslassenes Häuschen, schief und zers :hossen, der Dieses kleine Sandsteingebirgi klüftete Felsen von Baumgru sind, bietet sich jetzt im He wundervolle Naturschönheit dai bäume färben sich gelb und r. Braun der Buchenblätter liegt wi Dach über den Gärten und Wi von Granaten zerrissenen Häi tiefen Schlaglöchern versehene nicht so recht in die friedliche Wind bläst durch das eingeschlag^ne Fenster. In der Mitternachtsstunde von 11—fl Uhr halte ich mit meinem Kameraden Sondheimer draußen bei Sturm und Regen die Wache im Feindesland für die Heimat. Es ist eine unfreundliche Stimmung. Morsche Aeste brechen von den Bäumen ab. Voi der Front zucken Leuchtkugeln gegen den dunklen Himmel. Vereinzelt hören wir in der. Ferne Kanonendonner. Der Regen rieselt weiter. Die Zeltbahn, die wir uns zum Schutze gegen den Regen umgehangen haben, ist vollständig durchnäßt. Jetzt hören wir die Ablösung kommen. Es ist 1 Uhr Nachts.! Nun haben wir 6 Stunden Zeit zum Schlafen.! Das feuchte Strohlager in dem einsamen ufrd schiefen Häuschen nimmt unsmüde Krieger auf und bald sind wir auch hinüber.. ” ' 1 Am folgenden Tag, den 22. Oktober gegen 3 Uhr Nachmittags werden wir abgelöst, unser Wachdienst in Blerancourt ist beendet. Um 5 Uhr tritt das Bataillon zum Marsch nach Nampcel an. Das Wetter hat sieh im Laufe des Tages beruhigt. Es ist auch wieder wärmer geworden. Blerancourt liegt schoi hinter uns. Ein dunkler Buchenwald nimmt mns jetzt auf. Wir kommen immer näher an die Front heran. Ununterbrochen suchen helle S:henkel der französischen Scheinwerfer unsei Vorgelände ab. ln der Richtung Soissons hören wir dumpfes Rollen von schweren G schützen.... Am späten Abend schnallen jwir in der Höhle von Nampcel din Tornister ab und legen uns darauf mit dem! Gewehr im Arm zum Schlafen nieder. Kein Stroh als Unterlage, auf den bloßen Erdboden und mit dem noch feuchten Mantel zuge«ieckt, strecken wir unsere müden Glieder. In 1 dem matten Licht einiger Taschenlampen erkennen wir erst diese seltsame Höhle. Sie ist| ungefährlich, — von wilden Tieren ist nichti zu spüren; nur andere kleine Tierchen machen sich als Mitbewohner unangenehm bemerkbar- — Ein klarer frischer Herbstmorgen lockt mich schon zeitig aus der dumpfen und muffigen Höhle heraus. Ich nehme Augenschein von unserem Nachtquartier und seiner Umgebung. Diese Höhle gehört zu einer i Ferme. Das Dorf liegt anschließend eingebettet in einem Bergkessel, ringsherum von Sjandsteinfelsen umgeben. In einem solchen, etwa" 25 Meter hohen Felsen befindet sich diese eigenartige Höhle. I Unser Bataillon findet in diesem natürlichen Unterstand bequem Platz, denn es ist ein tief ausgehöhlter Raum mit nisenenartigen Erweiterungen und Gängen. Ich kann nicht erfahren, welchen Zweck diese Höhle zuletzt und überhaupt gehabt hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach diente sie in vorgeschichtlicher Zeit Mensch und Tier als Wqhn- und Zufluchtstätte. Jedenfalls waren wir hier zwei Tage und Nächte bombensicher pntergebracht, dessen zer* en umgeben bst als eine Die Eichen- Das dunkle ein goldenes gen. Nur die ir und die mit rfstraße paßt rbststimmung Die Front zieht sich wie ein unersättliches Ung:heuer um dieses Dorf. Auf meinem Weg durch die Ortschaft befegne ich einigen Artilleristen, die aus der tellung kommen. Sie warnen mich, hier weiter zu gehen; denn der Franzmann hat die Gewohaheity regelmäßig um diese Zeit seinen Mor zengruß in Form einer Lage Granaten zu schitiken. Ich beherzige die Mahnung und suche einen nahegelegenen Keller auf. Es geschieht nichts; alles bleibt ruhig. Schon will ich den schutzbietenden Keller verlassen, um mich einigen Kameraden von meiner Kompagnie anzt schließen, die eben Vorbeigehen. In diesem Augenblick heulen zwei, drei vielleicht auch sechs Granaten durch den Herbstmorgen auf die Dorfstraße. Mit nervenpeitschendem Raatscb bum, Raatsch bum streuen siq_das todbringende Eisen umher, und von den eben vor!ieigegangenen Kameraden brechen zwei mit einem Aufschrei zusammen. Mit Hilfe anderer Kameraden^kann ich die Verwundeten in den einigermaßen sicheren Keller bringen und für schnelle ärztliche Hilfe sorgen. Bei dem einen Kamerad kommt leider die Hilfe zu spät. Noch vor wenigen Tagen erhielt er das EK. für Tapferkeit vor dem Feinde während des Sturmangriffes auf Cuts. Nun stehen wir in der Abendstunde vor seinem offnen Grab. Nach der Ehrensalve seiner Korporalschaft nehmen wir Abschied von dem guten-Kameraden. Mit Herbstblumen schmücken wir den Hügel und ein Kreuz von Holz setzen 'wir auf sein Grab. Und wieder das Heulen in der Luft und wieder das Raatsch bum, Raatsch bun. Noch eine Granate und noch eine, und dann eine ganze Lage. Der Franzmann schickt uns den Abendsegen, aus seinen Steilfeuergeschützen. Unter ihren Pranken werden Kirche und Häuser zermalmt, und langsam aber stetig fressen die stählernen Zähne der Granaten einen Stein nach den anderen.... Der Oktobernachmittag ist dunstig und unfreundlich; es regnet wieder. Schweigend marschieren wir über die aufgeweichte Chaussee nach Cuts-Pointoise-Noyon Chiry Frü l schon brach der Abeqd ein und vom Tale der Oise steigen Nebel und :Schwaden hoc i. In dieser Nacht besetzen wir ..-die Sch itzengräben westlich von Dreslincourt und i Pimprez. Unbeschreiblich ist das Schauspiel dieser näciitlichen Front. Von Antoval blitzen die Müiidungsfeuer der feindlichen Geschütze auf, und erhellen das vor uns liegende dunkle Oisctal. Kurz vor Mitternacht Beginnt es in Stre men zu gießen, bis niemand mehr ,einen trockenen Faden am Leibe hat. Die Stiefel versinket in Schlamm und Modder, kurzum es Ist eine Schw...., wie sie wir Feldgraue schon so häufig kennen, aber keineswegs schätzen gelernt haben und gegen diese Naturereignisse helfen schließlich auch die grimmigsten Soldatenflüche nichts. Ein Pionierkommando arbeitet an neuen Unterständen. Die schaffen Gewaltiges, sie graben, sprengen, schanzen, bauen und sind hart und tapfer. In den vorgeschobenen Sappen stehen die Posten und drücken hin und wieder einen _ Schuß aus ihren Gewehren in die dunkle Nacht. linter der gleißenden Helle der hochgehenden französischen Leuchtkugeln geht* die Ablösung vor 6ich. Nach Mitternacht marschierend* abgelösten Kompagnien in ihre hinter der Front liegenden Or^squartiere. _ \i/ir stehen bereit, iind sind eingereiht in die lebende Mauer der feldgrauen Männer, die^ von den Schweizer Bergen bis zur flandrischen Küste führt. I Kam. Heinrich Silberstein I Berlin, Bez. Zoo.

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