Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 25 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 25 / 16. Jahrf. Berlin, 18. Juni 1937 Prele II Pfennig H E RAUSGEB ER: REICHSBUND JÜDISCHER FRONTSOLDATEN E.V. WÖCHENTL Beiblatt: „DI CH . MIT DEN OFFIZIELLEN MITTEILUNGEN i KRAFT*!, Offizielles Organ des Schild, Sportbnnd DER KRIEGSOPFER - ABTEILUNG des Relchibondes jüdischer Frontsoldaten RddMfcmd oad VcrlaSi n. An»«l<f«rtiln> j«d«a , RM 0,40 ■wätHrii d«rdi dfk JOdltdMr Frontsoldaten E- V. Berlin W15 KnrfOrstsndsnim 200. Fsnmif 91 SS I HsnstsO tot Bnjdwtos». POr asrvlsn^t dnOshssns Msmukrlpt« wird keine Oswthr Sb« nuOgUdi PoetheetellQeld Anzeigenyrele, DU 9 Qsepeltene MllHmetsr-ZsO« RM i B«pa-Varlag. Beneid 4 PeknsdMC, Berlin W 50, PeQenitinrQer n. Postscheck t Berlin 70142. TeteOremmensdnifli Schildkemersd. Bei NicbtUeltninO ohne Verschulden kein VerttktanOsenspnich. 040. Stellenen|ebote and ' Oesache, FemilienenieHen RM 0.10.' gnie 21. Fernsprecher, 24 00 97. Poetscheck, Berlin 325 29. bet icenmff, | Briefe sind Dokumente Briefe sind Dokumente. Sie verbinden nicht nur Menschen und Ländtr miteinander und sind Ausdruck und Wiedeigabe persönlichsten Empfindens, eie spiegeln in mer auch, den Oäist ihrer Zeit und enthüllen in wenigen Sätze l oft mehr von ihr, als es > ielleicht werke der Geschichtsschreibung und der Literatur vei - mögen. Es ist eigentümlich, daß unsere sr reiche und bewegte Oes:hichte kaum eine Briefliteratur erzeugt oder 1 ins hinterlassen ha Weder die Helden, Führer und Märtyrer, n©c| die Denker und Forscher, die ihr Dasein de: Studium und der Erläuterim g der heiligen Sch ritten weihten haben uns in g rößerer Zahl Do clernen te dieser Art hinterlassen. Als ein Wp in Briefform ließe sich riellekht das Cohens „Tal der Tränen“, das sicher! Vielen bekannt sein dürfte, ansprechen, 1496 geboren, über einen weiten Ar unserer Geschichte berichtet. Aber erst serer Jetztzeit dürfte es Vorbehalten gew sein, ein Briefwerk eigens er, unvergängüi und zeitnaher Art gescha allen Kommenden wie ein und Sinnbild von der Sefle und dem Em(> finden einer Generation, bestehen hatte, künden die Briefe unserer gefallenein Kameraden, der^n die Schwerstes; u vird: es sind dis Herausgabe sich der R< Frontsoldaten zu einer macht hat. keil spn Gai meingüli Diese meines Wissens n ratur erstmalige, gruppei Stellung von Briefen derartiger Ausgabe behäm und letzten Endes — unc das Eigentümliche — disohes Schicksal. Aber unnennbaren und heiligen sind durchweht vom reue lenden Weltkrieges und teren und reinen Sprache von Opferwilligkeit und die jüdisch und allge war, und der wir Alle Faser unseres Lebens und unser Bestes gaben. Briefe sind Dokumente binden sie miteinander. Kriege nach starker vorhey; riebeschießung in ein drangen und uns dort fanden wir in den Unterajt eine riesige Menge A Habseligkeiten, Oepäcksti und zerstreut herum Heger Viele Schreiben und Briefe der Hast liegengeblieben konnten sie lesen, aber fühlten sich seltsam von angezogen. Das waren j sie selber bekamen und fen zu haben, leuchtendes Zeichen ichsbund jüdischer Ehrenpflicht gfeioh in unserer Litern mäßige Zusamme sischer Männer I in ilelt zwar eigentli :h das ist wiedef-um ausschließlich ü- Sie sind von elr er Glut durchpulst,!: ie ■ des alles aufwi hechen in einer Luvon einer Hinga ie, üben an eine Id lüg empfind! ar uihingen mit je« er für die wir gei ne Welten vjer . U» wir einmal ■gegangener Artille- L ager des Feinstes hpuslich einricht« änden und Grü tungsgegenst^dde, aller Art ipirr und — — Brifefe. waren es, die in waren, nur Wer ige die es vermoefren, lusiüs ficke ihnen bewegt md Briefe, wie wir erhielten aus jder Heimat. Das waren fast die gleichen Worte und Gedanken, die gleichen Sorgen und Nöte und Hoffnungen, aus dem gleichen Kieise kamen sie, wie bei uns, aus Haus, Familie und Vaterland. Nur die Sprache war anders in der sie geschrieben waren, das war das [Einzige, was uns von ihnen trennte. Ein unvergängliches Mal. sind die Briefe der jüdischer Gefallenen. Aber, um gleichzeitig auch einer ipöglichen Anregung das Wort zu reden, auch I die Briefe, die von der H« Unat ins Feld gingen, die Briefe jüdischer Ellern und Geschwister an ihre Söhne und Brüder würden sicherlich eine ebenso be edte und eindringliche Sprache reden und Zeignis ablegen von bestem jüdischen Wesen uni jüdischer Art. Aus den schon leicht vergi Ibten Blättern leuchten mir die Schriftzcichen der Eltern entgegen. So schrieb der Vater 1916: „Es ist eine Macht und eine Kraft wirksam in der Menschheit, die zwar zeitweilig unterdrückt, ihren stillen Weg dennoch stetig fortsetzt zu einem höheren Ziel. Nicht illein der Umstand, daß du mit Millionen das gl eiche Schicksal teilst, soll dich stärken: du hast auch das Bewußtsein, deine Person für eine erhabene Sqche eingesetzt zu haben. Dieser Krieg ist wie alle Kriege für mich ei i im Weltenplan nicht unumgängliches Ereignis, aber er ist es für uns geworden, und die aus der wir unser Bestes empfingen, uns ein heiliges Out sein, wert, mit ganzer Liebe geschützt zu werden“. Und die Mutter schrieb: „Ich habe für die Wocl ra-, muß «orgt? «enigja wird nächsten Wjochen viel zu schaffen, denh ich will auch sehen, recht viel für unbemittelte Krieger zu i tun. Sind in deiner Komj agnie Arme, die Niemand haben, der für sie — Gib die Adressen an, ich möchte ihnen stens eine Freude machen. Lange kann nicht mehr [dauern-ein Volk so kr iftvoll und eisern 1 In diesem Kriege ist jed< r ein Held, ob elf nun dekoriert oder befördert oder nicht Briefe —■ — mehr als je haben sie fiir uns Juden Wert und Sinn erhaben, mehr denn jfe werden sie uns zu Dingen, die, «ie sie uns seelische Pein und Schmerzen b« reiten, so doch auch wieder Halt und innere -estigkeit geben. Ob wir sie in Truhen oder Schränken finden, verstaubte Bündel, an de wir nicht mehr gedacht haben, ob wir sic lesen mit feuchtem Blick oder klopfenden Ferzens einpacken Koffer — ob sie zu zu dem Uebrigen in Kiste i und — ob wir bleiben oder windern, uns kommen über Länder, Meere, aus Uebersee — immer stärkere und festere Bande werden sie uns, Bande, die uz s miteinander verketten. „Aus Kindern ' verden Briefe“ — .— fast wie ein Sprl:hwort mutet dieser Satz an, den jüdische «legena£te SöCefafen. MtefC&SM'f'’ •> Zn einem Todesurteil Vor dem Warschauer Kreisgericht ist ein Mordprozeß abgerollt, der die jüdische wie die nichtjüdische (-Öffentlichkeit Polens in hohem Maße erregt hat und der uns als. alte Soldaten insofern interessiert, als er seinen Ausgangspunkt in der Militärdienstzeit des Mörders, eines Juden, hat. Nach dem ziemlich ausführlichen Prozeßbericht der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der unserer Darstellung zugrundeliegt, stellt sich der Fall wie folgt dar:. Der 33jährige Schneider Juda Leib Chatzkelewicz aus Kaluszyn hatte beim 7. Ulanenregiment seiner aktiven Dienstpflicht genügt. Neun Jahre später, am 11. Juni 1936, hat er einen seiner damaligen Vorgesetzten, den Sergeanten Bujak, erschossen. Die Folgen des Kapitalverbrechens hatten zunächst andere zu büßen; 'denn seine Untat führte zu dem schweren Pogrom in Minsk-Mazowieck. Als man ihm von den furchtbaren judenfeindlichen Ausschreitungen erzählte, die durch seine Tat hervorgerufen worden waren, äußerte er: Was geht das mich an; hole die Pest alle Juden!... (So hat sein jüdischer Verteidiger selbst es vor Gericht wiedergegeben). Und nun hatte der Mörder sich vor dem Gericht zu verantworten. Wie motivierte er seine Tat? Er stellte sie als einen Racheakt dar für Erlebnisse, die er in seiner Dienstzeit gehabt haben will. Bujak als sein Vorgesetzter habe ihn gequält und vor den übrigen Soldaten erniedrigt; er sei auf Befehl des Sergeanten mißhandelt worden: in ein Faß mit Unrat habe man ihn .gesteckt und stundenlang darin gehalten, bis er die Besinnung verlor. 9 Jahre lang habe er einen furchtbaren Haß gegen Bujak in sich getragen, einen Haß, der übrigens auch in den Tagebuchaufzeichnungen Chazkeiewics seinen einwart geprägt hat. Mit aller Bitterkeit, die in ihm verborgen ist, sprechen wir ihn. Aber auch mit aller Kraft und immer neuer Hoffnung. Aus Kindern werden neue Geschlechter, eine andere Sonne wird sie bescheinen, die kommende Generation, die sich aus der Finsternis eines europäischen Judenschicksals geflüchtet hat. Möge sie immer nur die Kraft finden und jene Lauterkeit der Gesinnung, wie sie in den Briefen unserer Gefallenen dargelegt ist. Niemals war die Pflicht für alle Juden, wo sie auch leben und sich befinden, größer als in unseren Tagen, an solchem Vorbild die eigene Haltung zu prüfen* und die Selbstzucht zu stärken. Kam. Paul Ollendorff.