Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 8 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4911661-5448578-5449573--069-4915754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
L er Mitt HERAUSGEBER: REICHSBUND 3ÜDISCHER FRONTSOLDATEN E.V. Erschdat Jadta Fraftai Mit der illustrierten Beilage ffDIE fctrDMlm an« Vokfi Berlin W13, KarfO/siaDdeat» ZOO (Balebibod jBdisefcer TnalmMhw E. V.). Feraspr.: J 1 Btanarek 7438, 8883,8884. FMbdatk: BerHa 78883. Tefcfmm» aaaekrifti 8nMMks»srart Redaktionsi ehJnS: Jaden Dienstag: vor Erscheinen. Für Aofnaha» «ad Rflckaeodaag oaverlaaft aingab oder Uannakripte wird ludaa Ovwlhr übernommen. I Bei Nlebüiefsnutg oi ne Verschoidea kein VergOtuagsaaspruch. fOr Sport und JugendertQchtigung Preis 20 Pfsaal| Beeagsprais: BM 0,33 I® *Uonat tariflich Poetbeettllgeld. Anxaigaapraie: Die ttpipill— UiMmeter-Zeile RU 0,18. Stellenangebote und -Qesuahe, FamUienanzeigea RU 0,10. AaaeigeoachiuB: Jeden Dlenitag vor Erscheinen. Uan verlange genauen Anzeigentartf! Aetelgeovenraltaag: Bepa-Verlag Renakl A Pakaaober, Berlin W 30, Regeaabarger 8traSe SL Fernapr.: B 4 Bavaria 6897. — Po flach «ck: Berlin 88689. Berlin, 21. Februar 1936 Nr. S / 15. Jahrgang jüdischen rMeiegsseeiwilligen .Liber dir Pflicht hinaus!" dieses Wort in einem Bericht, dl rsten Wochen nach Kriegsbeg oon einer jüdischen Organisaton oe wurde: ^»ir ü T finden in den nn 1914 öffentlicht war das .über die Pflicht hinaus, das Zeichen, unter dem wir standen. L rzerhebend war es zu sehen, wie in allen jüdisiftn Familien die Jugend sich zu den Waffen stellte, und wie die Älteren, und wir die Fragen in der Wohlfahrtspflege tätig wurden . Wenn wir heute in innerem Ringen um Selbsterkenntnis und Eigenwert zu d m wahren Quellen jüdischer Geschichte Vordringen wollen, gebührt dem hier angeschlagenen Thmta ernste Betrachtung und Beachtung. Geschichte ist der Vollzug des Ächitksals Wenn wir beute Schicksal zu! meistern, jüdische Geschichte in säkularen Erschütterungen zu gestalten haben, so wäre es jiht an der Zeit, uns über jüdisches Leben und Erleben im historischen Moment jener Zeitenwende! Rechenschaft zu legen, dchen Aus- Daa Bild zeigt den Kriegefrei Meyerowitz, geb. am 2.8.1899 irelarM^ger am 2.8.1914 beim Königin GardegtenacBer-Regiment elngetretc a Feldgrau vor «einem Aufmarsch nadi der Weatftonti neben ihm steb t oifixierDas Foto erachlen damala in von Zeitungen, ao In den „Bildern dee Berliner Lokalanzeiger und im Kader"; igen Hans als Kriegs- -Anguatai. bereits in IS. 8.1914 ein Untereiner Reihe vom Tage" Deutschen AfdOrWld strahlungen bis in die Gegenwart und Ankunft wirken, und die auch unser Sein und Wesen entscheidend geformt hat. Wie sah es in uns aus in jenen Tagen, in jenen Zeiten, da der Ruf des Schicksals mit eherner Stimme über den Erdball ertönte und Geschichte, Weltgeschichte sich vollzog? War das Audenium damals, als der geschichtlich« Atffnck zu höchster Opserbereitschast und zu äußerster Pflichterfüllung erging, innerlich bereit und gewillt, über die Pflicht hinaus seinen Mannn zu stehen? Wenn wir die Frage zu bejahen, vor uns und unseren nachwachsenden Generationen den Beweis zu erbringen vermögen, so haben wir für unser« Gemeinschaft die Erkenntnis und Gewißheit gewonnen, welch« Fähigkeit des Aufschwungs, welche unvergänglichen moralischen Kräfte in ihr strömen, die auch für jüdisch« Gegenwart und Zukunft Bürgschaft und Beispiel bedeuten. .Das Moralische versteht sich von selbst." Eine Selbstverständlichkeit ist die Erfüllung der Wehrpflicht, der Verpflichtung zur Vaterlandsverteidigung. Daß dieses .Muß", dessen Imperativ bis zum Einsatz des Löchsten geht, was der Mensch zu verlieren hat, des Lebens, seit urältesten Zeiten eine besondere Bewertung in allen Völkern und Ländern erfahren hat, ist ebenso selbstverständlich. Die uralten Grundsätze der jüdischen Sittenlehr», wie sie 1885 vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund verbindlich zusammengefaßt und veröffentlicht worden sind, schreiben vor: .Da« Judentum gebietet: da« Vaterland za lieben, nab für dessen Ehr«, Gedeihe» nab Freiheit vnt und Bin« willig za opfern." Wenn die jüdischen Männer des Weltkriegs voll ihre Pflicht erfüllt haben, so haben sie damit nur jüdisches Gebot mit ihrem Leben und Sterben vollzogen, .über die Pflicht hinaus" aber bedeutet freiwilligen Einsatz. Für den Gedanken des Mehr-als-dte-Pflicht- Tuns ist zum Symbol geworden di« Gestalt des Kriegsfreiwilligen. Darum ist der Gedanke an die Kriegsfreiwilligen des Weltkriegs auch stets so lebendig geblieben und selbst in den Geschlechter-Folgen, die den Krieg nicht mehr erlebten, nicht allein nicht verblaßt, sondern zu einem Idealbild geworden. Immer wieder wendet sich das Interest« der öffentlichen Meinung den Kriegsfreiwilligen zu; so hat kürzlich der .Kyffhäuser" festgestellt, der jüngste detttsch« Kriegsfreiwillige des Weltkrieges sei Emil D. Luder gewesen, der am 7. Oktober 1900 geboren, am 31. August 1914, also mit 13 Jahren und 11 Monaten, beim Ersatzbataillon Infanterie-Regiment 172 als Kriegsfreiwilliger «intrat. Er war also jünger als der im vorigen Jahr im .Steglitzer Anzeiger" genannte Kriegsfreiwillige Lothar Schmolle, geboren 18. Januar 1899, und der gleichfalls von der Tagespreffr genannte Dipl.» Kaufmann Staor aus Berlin-Wilmersdorf, der am 14. September 1899 geboren, im Juni 1915 nach dem Roteinjährigen mit 15% Jahren als Kriegsfreiwilliger ins Leer trat. Auch wir jüdischen Frontsoldaten können darauf verweisen, daß zu unseren Reihen Jüngling«, fast Knaben gehörten, die es trotz ihrer jungen Jahre nicht in der Leimat litt, als rundum der Weltkrieg tobt«. Eine Neine Ehrenliste der uns bekannt gewordenen jüngsten jüdischen Kriegsfreiwilligen sei hier zusammengestellt. Krlegsfretw Älter am Laus Meyerowitz 2.8.14 14 3-11 Mon. Scheyer-Königsb. 26.8. 14 14 I. II Mon. Josef Steinhardt Aug. 14 15 3. I Mon. Dr. «ed. dent. Tichaner 15.6.15 15 3. 4 Mon. Richard Ring Aug. 14 15 3. 6 Mon. Fritz Ban« 1.7.15 15 3-10 Mon. Einige Daten über das Schicksal der Träger dieser Namen werden interessieren: Land Meyerowitz besuchte in Berlin bas Dorotheenstädtisch« Realgymnasium. Obwohl erst 14 Jahre meldet er sich am 2. August 1914 krieg«-' freiwillig beim Königin-Augusta-Gardegrenadier- Regiment. Schon am 15. August geht er vom Ersatzbataillon mit einem Transport nach der Westfront. Am ü. Oktober 1914 wird er leicht verwunde«. Nach einem Lazarettaufenthalt entläßt man den Jungen, und er kehrt auf die Schulbank zurück, di« er wieder bi« 1917 drückt. Nun meidet er sich nochmal« krlegSfteiwillig beim FeldartLerieRegiment 73 in Allenstein und geht erneut in« Few. Der Obertertianer Schey»-r au« Königsberg i. Pr. besuchte da« Löbenichtsch« Realgymnasium, erklärt« seinen Eitern kurzerhand hei Kriegsausbruch, sein weiterer Schulbesuch ,sei zwecklos, er sei mit seinen ganzen Gedanken doch unablässig draußen an der Front... und rückt« au«. Am 28. August 1914 ist er bereit« Soldat und kämpft schon im November 1914 in Polen, wo er sich bet einem Sturmangriff, bei dem seine Kompagnie über 500 Rußen gefangen nahm, di« erste Verwundung holt. Josef Steinhardt, am 10. Juli 1899 geboren, stammt au« Mannheim, wo er sich bei Kriegsbeginn« freiwillig stellt. Sein Vater, Buchdruckereibesitzer, ließ' ihn erst nach langem Widerstreben mttziehen. 1917 ist er gefallen. Ohne Einjähriger zu sei», war er Unteroffizier geworden und hatte das LK. II und die Badisch« Silberne Tapferkettsmedaille. Di« väterlich« Buchdrucket ei in Mannheim führt heute sein Schwager, unser Kamerad Adolf Dettduer. Dr. T i ch a u e r stammt an« Tichau O/2, und ist von vier Geschwister» der einzig» Sohn. In Kattowitz besuchte er die Untersekunda. ’ Als der Gymnasialdirektor die Jungen« übet 17 Jahre zur freiwilligen Meldung anfeuene, entschloß sich Tichauer, obwohl erst 15 Jahre 4 Monate, gleichfalls als Kriegsfreiwilliger einzutreten. Die Estern wandten sich zwar an den Direktor, doch auch er konnte hiergegen nicht« machen. In BreSlau wurde er als zu jung bei sämtlichen Kasernen abgewiesey, obwohl er sich als sechzehnjährig auS gab, ebenso in Neiße. Darauf meldete er sich bei den 8. Husaren in Leobschütz, wo er sich nun alS siebzehnjährig auSgab. Als man den Schwindel merkte, war er bereit« vereidigt. Er ging als befreiter in« Feld zum aktiven Regiment, war mit 18 Jahren Unteroffizier und wurde Januar 1919 nach dreijährigem ununterbrochenem Frontdienst als Vizewachtmeister d. R. entlasten. Er ist heute Jadnarzt in Berlin. Auch Ri ch"« r d R i n g , besten Bild 1914 durch di« Zeitungen ging, ist Oberschlesier. Von der Schulbank in Beuthen stellte er sich nach Kriegs^ auSbruch beim Infanterie-Regiment 158. Schon im November 1914 erhielt er im Wiesten sein«-. Feuortaufe. Noch vor seinem 16. Geburtstag wurde er vom Kronprinzen persönlich mit dem ER. 11 ausgezeichnet, der an der ilnterbaltung mit dem geweckten, tapferen Jungen soviel Freude hatte, daß er ihm «in goldenes Jwanzigmarkstück überreichte. Bald darauf erhielt er einen Kopfschuß. Nach seiner Genesung ging er wieder zur Westfront, wurde abermals schwer verwundet, so daß ihm Muskeln des linken Armes enffernt werden mußten. Mit dem Dienst als Infanterist war es nun vorbei, aber nun meldete er sich zur Flak und zeichnete sich hier in Mazedonien aus; er wurde zum drittenmal schwer verwundet, so daß ihm zwei Rippen entfernt werden mußten. Jetzt lebt er als Ingenieur in Ne» Tsork. Fritz Daum, der jetzt als Kaufmann in Lauenburg lebt, war am 8. September 1899 geboren: machte im Mai 1915 das Noteinjährige, trat mit 154$ Jahren am 1. Juli ins Leer ein, wurde am 12. Juli 1915 schon vereidigt und kam am 19. September 1915 an di« Dogesenftont. - * . e . Das also waren (soweit uns bekannt) di« Jüngsten aus unseren Reihen, die »Benjamin«". Dir tatsächliche Zahl der Kriegsfteiwilligen, die — jung oder alt — zu den Fahnen eilten, ohne daß ein Gestellungsbefehl sie dorthin beorderte, war sehr beträchtlich. Li« eine Ziffer zu nennen, ist nicht möglich. Nirgends lag in den Jahren 1914 und 1915 ein Interest« für Feststellung der Abstammung bz«. Konfrsfionszugehörigkeit vor. Auch auf jüdischer Seite empfand man keinen Anlaß zu solche^ statistischen Erhebungen. Erst später wurde mit dem Stichtag vom 1. November 1916 jm Leere jene Iudenzählung durchgeführt, die noch in Erinnerung ist. Wenn hierbei die Zahl der jüdischen- Kriegsfreiwilligen bei Fronfformationen für den 1. November 1916 mit 6600 ermittelt wurde, so ist dies« Zahl zwar eindrucksvoll, da man sie an der Tatsache bewerten muß, daß normalerweise die jüdisch« Bevölkerung Deutschland« vor dem Krieg« etwa 3300 Rekruten i» Jahre stellt«; die Zahl