Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 46/47 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin als die Gedurtsstadt der endgültigen Iudenenranzipation Von B. W. Segel (Fortsetzung.) Das Kongreß-Protokoll fährt fort: „Fürst Bismarck beruft sich auf die Prinzipien des öffentlichen Rechtes, welche nach der Verfassung im Deutschen Reiche gelten und quf das Interesse, welches die öffentliche Meinung daran knüpft, daß die Prinzipien der inneren Politik auch in der auswärtigen zur Geltung gebracht werden: er erklärt also im Namen Deutschlands, sich dem französischen Antrag anzuschließen." Das gleiche tut Graf A n d r ü f f y. Lord Beaconsfield^ erklärt im Namen der englischen Regierung, dem französischen Vorschlag vollständig zuzustimmen. Er fügt noch mit besonderem Nachdruck hinzu, er könne nicht annehmen, daß der Kongreß die Unabhängigkeit Rumäniens ohne diese Bedingung anerkennen wickle. Dieselbe Erklärung geben die italienischen Vertreter ab. - Man wartete mit Spannung auf die Stellungnahme Rußlands. - Zur größten Ueberraschung aller Anwesenden erklärte Fürst Gortschakow: Mit Bezugnahme auf die Gründe» durch welche der französische Antrag motiviert wird, und welche dahinzielen, der religiösen Freiheit eine möglichst große Ausdehnung zu geben, schließe er sich dem französischen Antrag an. Ter Graf Schuwalow erinnerte daran, daß die Zustimmung Rußlands zur Unabhängigkeitserklärung Rumäniens in erster Reihe durch die Rückabtretung Beßarabiens bedingt sei, und unterstrich damit das vorwiegende Interesse seines Staates. Ta die ottomanischen Bevollmächtigken Keinen Widerspruch erheben, saßt Bismarck das Ergebnis der Beratungen dahin zusammen, daß laut einstimmigem Beschluß des Kongresies die Unabhängigkeit Rumäniens an die gleichen Bedingungen geknüpft wird, wie jene Serbiens (abgesehen von der Abtretung Beßarabiens). 'Damit war die Sache erledigt: Das wachsame, Interesse Bismarcks an der Juden frage auf der Balkänhalbinsel zeigte sich noch bei folgender Gelegenheit: Am 4. Juli gab der serbische Minister Ristitsch Kongreß im Namen des Festen Milan ObrenooitM bekannt, er'fei ermächtigt,^zu erklären, daß seine Regierung beschlossen habe, die nächste Gelegenheit nach . endgültigem Friedensschluß zu ergreifen. um auf gesetzlichem Wege (per la voie legale) die letzten in Serbien noch bestehenden Rechtsbeschränkungen der Juden zu beseitigen. Hierzu bemerkte Bismarck als Präsident des Kongresses, ohne in eine Untersuchung der Frage sich entlassen zu wollen, daß die Worte „par la voie legale" einen Vorbehalt zlt involvieren scheinen, aus den er die Aufmerksamkeit der hohen Versammlung lenke. Er fühle sich verpflichtet, zu erklären, daß ein solcher Vorbehalt auf keinen Fall die Verbind- . lichkeit der Entscheidungen des Kongresses abzuschwächen vermöge. * Wir vermögen uns heute nur schwer eine Vorstellung von dem Jubel zu machen, den der Kongreß durch seinen Beschluß voin 1. Juli 1878 unter den Juden in ganz Europa und in Amerika weckte. Nun war die Judenfrage in Rumänien endgültig gelöst, eine Quelle ewiger Beunruhigungen und unaufhörlicher Klagen verstopft, eine Viertel,nillion Glaubensgenossen von einem 372 Joch unerträglicher Qualen und demütigender Bedrückungen erlöst. Und diese Erlösung war durch das höchste und maßgebendste Forum von ganz Europa vollzogen worden. Die ersten Staatsmänner des Zeitalters, die Lenker der zivilisiertesten und mächtigsten Reiche der Erde hatten bei dieser feierlichen Gelegenheit als einen unstreitbaren, selbstverständlichen Grundsatz ausgesprochen und wiederholt und mit ihrer Unterschrift be- - kräftigt, daß kein Staat einem Juden lediglich aus dem Grunde, daß er Jude ist, die bürgerliche und politische Gleichberechtigung oorenthalten dürfe. Wer würde es wagen, sich fürderhin der Ansicht solcher Männer zu widersetzen? Nicht nur die Iudenfrage in Rumänien, sondern die IuÜenfräge überhaupt schien für immer, wenigstens theoretisch, aus der Welt geschafft. Eine Wiederkehr der Zustände, die noch vor einem Jahrzehnt sogar in hochzÄilisierten europäischen Staaten herrschten, schien für immer ausgeschlossen. Bert hold Auerbach schrieb am 2. Juli an seinen Vetter Jakob: „Wir waren sehr bewegt, wir hatten lange und tapfer für die Sache gekämpft und es ist eine Freude, daß der Erfolg ein so volsschöner ist." Ludwig Philippson brachte in seiner „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. 31 einen Leitartikel unter der Ueberschrift: „Der Sieg durch den Kongreß", in welchem ausgeführt' wird: der Kongretzbeschluß sei von einer großen allgemeinen humanen und politischen Bedeutung. „Man muß es uns gestatten, hieraus in der gegenwärtigen Zeit einen besonderen Nachdruck zu legen. Zu heftig, zu schmählich waren in den letzten Jahren die Angriffe und Verleumdungen der Ultramontanen, Pietisten, Deutsch-Konservativen, aller reaktionären Parteien überhaupt gegen die Juden, als daß es uns nicht zu einer großen Befriedigung gereichen müßte, die Beschlüsse des höchsten europäischen Rates das Prinzip der bürgerlichen -Gleichheit und der Glaubensfreiheit allen jenen unermüdlichen Invektiven gegenüber sanktionieren zu sehen. Hierzu nun das besondere Interesse, unsere Glaubensgenossen in den gedachten Ländern von dem Joche der Ausschließung und gesetzlichen Beschränkung befreit zu wissen, so daß hiermit abermals ein dunkles Stück Mittelalter aus der Welt geschafft ist. Wahrlich Gründe genug, um dem Berliner Kongreß in der Geschichte der Humanität und in der Geschichte des Judentums einen besonders rühmlichen Platz zu gewähren." Auf der nächsten Jahresversammlung der Alliance beantragte der Grand Rabbin von Brüssel» A st r u c. eine Medaille auf die Gleichstellung der Juden im Orient prägen zu lassen und jedem Mitglied des Kongresses ein Exemplar zu überreichen. (Schlutz folgt.) Schließt Versicherungen ab! ' Die Lebensversicherung des ' RjF. ist eine soziale Fürsorge. Darum hinein in die Lebensversicherung des RjF!