Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 40 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I <Aus einem in der -Völkischen Zeitung" veröffentlichten Briese Ltrcscmanns > Der Tod, der seit Jahren drohend hinter ihm stand, hat den Außenminister des Deutschen Reiches mitten aus bewegter und fruchtbarer Arbeit gerissen. Diese Arbeit war auf den Wiederaufbau, auf die politische und wirtschaftliche Erstarkrung Deutschlands als einer europäischen Weltmacht gerichtet. Der Weg, den Stresemann zu diesem Ziele mit dem Einsatz seiner ganzen starken und bezwingenden Persönlichkeit einschlug, mar die zugleich nationale und europäische Politik der V e r st ä n d i - gung. Wir Juden bekennen uns in unserer Religion zu der messianischen Idee des Friedens unter den Völkern. Und gerade aus diesem Grunde werden wr dem großen Staatsmann der Verständigung ein ehrendes Andenken bewahren und seiner aus edler Vate:landsliebe und Menschheitsgefinnuntz geborenen Tat ein Denkmal in unserer Erinnerung setzen.! Er hat sich durch diese Politik den Haß der Reaktion in überreichem Maße erworben. Die Deutschnationale Partei hat ihn in gehässigster Weise btkämpft. Seine deutsch-völkischen Gegner haben diesen leidenschaftlichen Patrioten des Landesverrates bezichtigt und mit dem Unrat ihrer Verdächtigungen beworfen.1 Da seine Frau jüdischer Abstammung ist, so war er nach dem hakenkreuzlerischen Jargon ein „Iudengenossse", ohne eine Spur deutscher Gesinnung.!! Wir aber werden, dankbar und pietätvoll, wie es, gute jüdische Art ist, niemals vergessen, daß dieser große Politiker auch darin groß, wahrhaft deutsch und zugleich ivahrhaft menschlich gewesen ist, daß sein Charakter durch keine Spur Antisemitismus entstellt wurde. *! Die Deutsche Volkspartei verliert in Gustav Stresemann ihren Gründer zmd Führer, das Reichsparlament eines-seiner redegewaltigsten Mitglieder, das Kabinett der Regierung seinen einflußreichsten Mitnster und das deutsche Volk seinen klügsten Staatsmann seit dem Beuchen der Republik. Seine Gestalt ragt weit über den politischen Alltag hinaus. In der kurzen Frist von sechs Jahren war er vom Parteimann zum Staatsmann gewachsen. Sein Name war die Signrtur eines Programmes von geschichtlicher Größe. Gieine Persönlichkeit hat der Stellung Deutschlands.unter den Völkern das Gepräge gegeben. Auf dem verkehrsreichen Marktplatz der internationalen Politik ist er der unumstrittene Repräsentant des deutschen Volkes gewesen. Für immer ist mit seiner Persönlichkeit die politische Wiederherstellung des im Weltkrieg geächteten Deutschland und seine gleichberechtigte Aufnahme in die Gesellschaft der Nationen verknüpft. Wenn wir uns heute vor der Bahre des großen Toten verneigen, so mischt sich in unser Gefühl des Abschiedes zugleich das schmerzliche Bewußtsein, daß dieser Tod eine Lücke tt|j; die nicht leicht'zu schließen sein wird. ■ * Am 13. August 1923 wurde Dr. Gustav Stresemann in einer Zeit höchster Gefahr, als die Franzosen das Ruhrrevier besetzt hielten und die Geldentwertung fast ihren höchsten Gipfel erreicht hatte, vom Reichspräsidenten Ebert zum Reichskanzler Ernannt. Seit diesem Tage hat er ohne Unterbrechung beim Kabinett angehört. Ein halbes Dutzend gewichtiger Daten bezeichnet die Leistung des Mannes: 1923 die Räumü der Inflation, 1924 das Londoner Konferenz. 1925 1926 Deutschlands Eintritt in 1928 die Tagungen in Genf der Kongreß im Haag und der Beginn der Räumung des ng der Ruhr und das Ende P>awes-Gutachten und die der Vertrag von Locarno, den Völkerbund. 1927 und md der Kellogg-Pakt, 1929 Rheinlandes. Das sind die mählich aufsteigenden Weg Kein Jahr ohne Fortschritt u td ohne die weithin lesbare Aufschrift: Stresemann. Meilensteine auf dem allder Verständigungspolitik. kurze Spanne von sechs Jahren ist mit der Arbeit und den Erfolgen dieses einen Mannes erfüllt. Von der Räumungpcher Ruhr bis zur Räumung des Rheins geht die Linie ^der Entwicklung, die feine Tatkraft gezogen hat. Am Vorabend seines Todes hat er noch das Ziel seiner Fahrt, am erhellten Horizonte emporsteigend, erilickt: die Befreiung deutschen Bodens von fremder B Satzung und die beginnende Liquidation des Weltkrieges. Das Seltsamste ist: daß qiese Arbeit europäischer und deutscher Befriedung von eiüem Politiker getan wurde, dessen Werdegang ursprünglich in die entgegengesetzte Richtung hinwies. Als er nr Jahre 1923 die Zügel der Regierung ergriff mit der Absicht, die Ruhrbesetzung zu liquidieren, stand er am Anfing einer gründlichen Revision seiner früheren Anschauungen, im beginn einer tiefen inneren Wandlung, der seine eigene Partei nur langsam, nur zögernd zu folgen vermochte. Und es ist ein Zeichen seines überaus beweglichen Geistes, daß er