Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 39 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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III. Es ist herbstlich trübe und stürmisch geworden draußen in der Natur und drinnen in unserem politischen Leben. Schwere Ahnungen von kommenden Tingen bewegen unsere Seele, wenn wir in diesem Jahre die Synagogen zur Feier des Rofch haschanah betreten. Es ist nicht jüdische Art, den Beginn des Jahres in überschäumender Fröhlichkeit zu begehen. Die Majestät unseres Gottes, die Strenge unseres Religion und unser vieltausendjähriges Schicksal haben alle Zeit unseren Jubel gedämpft und uns daran gewöhnt, unsere Freude mit ernster Nachdenklichkeit, mit ein paar Tropfen Trauer, mit der Erinnerung an unsere Leiden zu mischen. Als Söhne des alten Volkes sind wir imstande, die Geschichte der Völker und unsere eigene Geschichte in großen Zusammenhängen zu betrachten und mit geduldigem Mut und von historischer Besinnung erfüllt, den geheimnisvollen Wendungen des Schicksals zum Guten tros allem entgegenzuleben; am stärksten gerade dann wenn uns Finsternis drohend umgibt. Es hat eine tu' Bedeutung, daß die Thora-Abschnitte und die Haftar... an'den beiden Neujahrstagen alle eine solche beglückend Wendung des Schicksals, eine Errettung, eine Erlöst, im Leben biblischer Gestalten, wie in der Erzählung v der Opferung Isaaks und in dem Iubelgesang Hanna zumsGegenstand haben. Und ganz besonders sinnvoll es, daß die Haftarah des zweiten Tages, die der Dicht« > des Propheten Ieremia entstammt, dem weltgeschichtliche Optimismus des Judentums, dem unauslöschlichen Gladen vn die Wendung des Schicksals zum Guten erschü ternpen Ausdruck verleiht. „Mit Freudentränen ko-, men sie und unter Gebeten geleite ich sie... ich wand!> ihre Trauer in Wonne und gebe ihnen Trost und Freudnach ihrem Leiden." Zn dieser Gewißheit feiern wir auch diesmal den Beginn seines Jahres. lluxen Lewin-Dorsch. Auf den Ehrenfriedhöfen in Frankreich Bon «am. Hans^Friedheim, Rilenburg Weser. Meiner Mutter und mein langgehegter Wunsch, die Ruhestätte meines gefallenen Bruders aufzusuchen, führte uns um die Pfingstzeit nach Frankreich. Durch die deutsche «riegsgräbersürsorge hatten wir erfahren, daß eine Umbettung der sterblichen Ueberreste meines Bruders vorgenommen war. und daß statt Faoreuil jetzt Sapignies, ein Dorf etwa 3 Kilometer von Bapaume. der Ort des Friedhofs war, auch wußten wir durch die Kriegsgräberfürsorge die Nummer des Grabes. Abends kamen wir in Bapaume an und stiegen im Hotel Moderne ab. Am folgenden Morgen machten wir uns auf den Weg zum Friedhof, den wir nach einer Stunde erreichten. Ter Friedhof ist am Nordrande des Dorfes Sapignies gelegen, in Wiesen eingebettet. 1551 deutsche Krieger fanden hier ihre Ruhestätte. Fm traurigen Gedenken an die Unzahl von nüch- , lernen, ungepflegten Gräbern und ihrem trostlosen Anblick ' kamen wir mit geringen Erwartungen. Tatsächlich waren wir - dann erfreut, den schlichten Friedhof Sapignies in so guter Ordj nung vorzusinden. > Die liebe Sonne tat das ihrige und verklärte mit ihrem - hellen Schein den erschütternden Eindruck, den wir beim Anblick dieser Gräber empfingen. Aus einem Hohlweg führen 11 Stufen zu dem Eingangstor, einem schmiedeeisernen Gitter, das das Abzeichen, die drei Kreuze der deutschen Kriegsgräberfürsorge trägt. Das Gitter ist in eine wuchtige Sandsteinmauer eingelassen, so daß der Eingang in den Friedhof ein durchaus würdiger ist. Rechts vom Eingang findet man eine von gleichem Sandstein gebildete Einfriedung, in der ein großes Ehrenmal errichtet werden soll. Tie Einfriedung des Friedhofes besteht nus jungen Holunderbüschen. Ter Friedhof selbst ist erst kürzlich mit Rasen besät. Tie ' Gräber sind nicht erhöht, sondern durch schlichte schwarze Holzkreuze bezeichnet, deren weiße Anschrift Name, Geburts- und Todestag, Regiments- und Kompagnie-Nummer angibt. 125 Akazien wurden vor einem Jahre auf dem Friedhofe angepflanzt! und drei große, alte Bäume bilden mit ihnen den schönsten Schmuck des Friedhofes. Wir hörten mit Freude, daß für die -drei ersten Grabreihen Einzelsteine in Austrag gegeben worden j waren, die wir später beim Steinmetz in Bapaume in Augenschein nahmen. Wohltuend berührte es uns, einen freundlichen .Friedhosswärter vorzufinden, der uns während der ganzen Zeit unseres Tortseins bereitwilligst über alles uns Interessierende Auskunft gab. Dieser Mann ist ein französischer Kriegsinoalide -mit einem Holzbein, er hat eine kleine Gerätehütte auf dem Friedhose und wargerade damit beschäftigt, verwitterte Inschriften auf den Kreuzen zu erneuern. Meine Mutter hat dankbar die Aufmerksamkeit dieses Wärters empfunden, der ihr stets einen Stuhl an die uns teure Grabstätte brachte. Drei Bormittage verweilten wir hier in stillem Gedenken. Für den Fall, daß der Wärter einmal nicht anwesend ist, befindet sich in einem Kasten, der in die Eingangsmauer eingelassen ist. ein genaues Verzeichnis der Gräber des Ehrenfriedhofes, die Nummern derselben und die Angabe der Namen, der Regiments- und Kompagnie-Nummer und des Geburts- und Todestages des Gefallenen. Außerdem befindet sich dort ein Buch der französischen «riegsgräbersürsorge, in dem man etwaige Wünsche oder evtl. Beschwerden eintragen kann. 314 Auf der gleichen Reise besuchte ich die. Dörfer Mönch« und Touchk, in deren Nähe ich als 73er Füsilier in Stellung gelegen und schwere Gasangriffe mitgemacht hatte. Den ehemals prachi voll angelegten Ehrenfriedhof unseres Regimentes fand ich^voll kommen zerstört. Die Kameraden waren umgebettet. Anschließend besuchte ich Meaulte. wo ich in den Jahren 1918/18 in einem englischen Kriegsgefangenenlager war. Dort wollte! ich die Gräber einiger Kameraden aufsuchen, die durch Handg anatenexplosion bei Geländeräumungsarbeiten noch in der Gefangenschaft ihr Lebep lassen mutzten. Wir hatten die Käme roden . Zt. auf dem englischen Soldatenfriedhof beerdigt Den wunde-voll angelegten englischen Friedhof fand ich leicht. Leider — obg eich mir von 2 älteren Dorfbewohnern versichert wurde, daß 15 deutsche Soldaten auf dem englischen Friedhof bestattet wären — fand ich trotz Absuchens des ganzen Friedhofes diese Gräber nicht. Es wäre vielleicht eine Ausgabe der deutsche» Kriegsj räberfürsorge, die Ruhestätte dieser Kameraden festzu Jedenfalls fand ich keinerlei Anzeichen auf dem Fried auf die Bestattung jener Kameraden hingewiesen hätten. stellen Hof, die Zu n Schluß meines Berichtes möchte ich noch über den Ge fumtein druck der Reife schreiben. Wir hatten die Reise von Jahr zu Jahi aus mancherlei Gründen aufgeschoben, nicht zuletzt aus. dem Giunde, weil ich befürchtete, daß der Eindruck der vielen nüchternen Gräber auf meine Mutter niederschmetternd wirken würde. Demgegenüber kann ich berichten, datz meine Mutter die ihr--n geliebten Sohn ganz besonders tief betrauert, viel ruhiger zurückgekommen ist, nachdem sie selbst an feiner Ruhe statte giweilt hat. Auch ich bin froh, diese Fahrt gemacht ,«• haben. P. 5. Gern bin ich jederzeit bereit, denjenigen Angehöri gen, die auf dem Friedhof Sapignies das Grab eines lieben Der storbener aufsuchen wollen, nähere Auskunft über Reifeweg Reisekosten, Unterkunft, Autos usw. zu geben. Für die Gefallenen Dienkmalsweihe de« Bereins »Neustadt bei Pinne". Ter> rührige, erst seit wenigen Jahren bestehende Bereu „Neustadt bei Pinne", dessen Hauptaufgaben Zusammenkünfte ehemaliger Neustädter zu veranlassen und die Gräberpflege in der ehenfaligen Heimat sind, setzte auf dem neuen jüdisa. ’ '• [)of in Peißensee den gefallenen jüdischen Neustädt crn ci: Ehrenmal. Trotz des schlechten Wetters hatten sich über 300 Per fone, ju den ^nthüllungsfeierlichkeiten eingefunden. Nach einle ‘,er den Gefangen von Oberkantor Magnus Davidson, der liebenswürdigerweise in den Dienst der guten Sache gest> ’1!' enthüllte der Bereinsoorsitzende. Iustizrat Pinner,. d Denkmals einen schlichten vierteiligen Granitblock, in den dl r Dank des Vaterstadt Neustadt an seine gefallenen Söhne, sonn 'c deren Namen eingegraben sind. Iustizrat Pinner bedankte sich für das Entgegenkommen der Berliner jüdischen Gemeinde, die