Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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geringe Schicht ist. die sich von uns deutschen Juden entweder persönlich herausstellt, oder, die bereit ist. wirtschaftliche Opfer in einigermatzen erheblichem Umfange zu tragen. Wir wissen seit Jahr und Tag. datz die Völkischen ihre Erfolge niemals errungen haben würden, wenn die Juden so opferbereit gewesen wären, wie ihre Feinde. Die letzte Nummer der Centralverein»- zeitung bekannte offen, datz der Wahlagitation der Völkischen in Sachsen aus Mangel an finanziellen Mitteln keinerlei irgendwie erhebliche Gegenagitation entgegengeftellt werden konnte. Die Frage der Persönlichkeiten kann natürlich mit Zwangsmitteln nicht gelöst werden, aber für die Frage der zwangsweisen Aufbringung der wirtschaftlichen Mittel gibt es eine 'Lösung. Diese Lösung geht dahin, sämtliche deutschen Juden zwangsweise zur Abwehr heranzuziehen. Es ist unzweckmäßig, in diesem Zusammenhang Zistern anzugeben, um damit darzutun, in wie geringem. Umfang die deutschen Juden ihre einzelnen Abwehrorganisationen wirklich unterstützt haben, wie gering die Opfer gewesen sind, die auch die wirklich Zahlungswilligen gebracht haben. Die Abwehrorganisätioneu haben keinerlei Zwangsmittel, um die Gesamtheit an sich zu fesseln oder sie wirtschaftlich in einer ihrem Leistungsvermögen entsprechenden Art in Anspruch zu nehmen. Tie einzige jüdische Gemeinschaft, die über diese Zwangsmittel verfügt, ist die Gemeinde. Die Gemeinde mutz, wenn überhaupt ein Erfolg der Abwehr beschieden sein soll, in allernächster Zeit Trägerin der Abwehr werden. Das Steuerrecht, das den Gemeinden zusteht, und« zwar gegen alle Juden zusteht, «nutz für Abwehrzwecke in Anspruch genommen werden. Es ist nicht einzusehen, warum wenige das tragen sollen, ivas allen zugutekommt, und was zur Ausrechterhaltung aller notwendig ist. Tie bisherige Auffassung, als fei die Gemeinde lediglich Trägerin des religiösen jüdischen Gedankens, ist unter den Heu, tigen Umständen nicht ausrechtzuerhalten. Ob überhaupt jemals der Aufgabenkreis der Gemeinde auf die Erledigung der kulturellen und jüdischen Tinge beschränkt war, möge unerörtert bleiben. Heute, wo die Frage der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden nicht nur angezweifelt, sondern von Millionen von deutschen Volksgenossen mit stets stärkerem Erfolg bekämpft wird, ist die selbstgewählte Beschränkung des Aufgabenkreises der jüdischen Gemeinden unerträglich. Auch ist die Beschränkung unlogisch, denn die Ausübung der religiösen Gesetze und Gebräuche setzt ja voraus, datz die staatsbürgerliche Gleichberechtigung und die staatsbürgerliche Freiheit der Juden uneingeschränkt vom Staat, in dem wir leben, und dessen gute Bürger wir sind und sein wollen, garantiert ist. Unter der Aegide Hitler wird auch vom religiösen Judentum nicht allzuviel übrig bleiben. Tos mögen sich diejenigen gesagt fein lassen, die die Gegenwart nicht verstehen. Tie'Kultusgemeinden muffen sich bereit finden, erhebliche Teile ihres Etats für Abwehrzwecke zur Verfügung zu stellen. -Nicht geheim, offen, mit dem Bekenntnis, das die antisemitische Gefahr erfordert. Die Mittxl müssen innerhalb des Etats geschaffen werden, evtl, unter vorübergehender Zurücksetzung, religiöser und kultureller Einrichtungen. Falls die augenblickliche Steuerkraft nicht ausreicht, so müssen die prozentualen Zuschläge erhöht werden und die dadurch gewonnenen Mittel der Abwehr zur Verfügung gestellt werden. Das einzige, ivas ich von den matzgebenden Gemeindemitgliedern gegen meine hier vorgebrachte Auffassung gehört habe, ist das Bedenken, datz bei Erhöhung der Steuerumlage eine Flucht aus den Gemeinden einsetzen würde. Ich halte diese Gefahr nicht für vorliegend. Es ist nun einmal so, datz heute nur noch ein gewisier Bruchteil der deutschen Juden aus rein religiösen Motiven am Judentum festhält. Hunderttausende deutscher Juden sind unreligiös und doch gute Juden. Gerade von diesen erfolgt die Flucht aus den Gemeinden. Diese werden aber bei den Gemeinden bleiben, ivenn sich die Gemeinden entschlietzen — wenn auch unter dem Druck der Notwendigkeit — ihren Ausgabenkreis über das Religiöse und Kulturelle hinaus zu erweitern. Wir dürfen die Augen nicht vor der Tatsache oerschliehen, datz Hunderttausenden deutscher Juden die Abwehr mehr am Herzen liegt, als die religiöse Einstellung. Dos ist bei dem Judentum nicht anders, «vie bei allen anderen Konfessionen. Ich beobachte als Vorsitzender des Landesverbandes Südivestdeutschland des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten die Entwicklung der Dinge in unserer Gegend seit Jahr und Tag. Wenn Nicht mehr zur Abwehr geschieht, als es im letzten Jahrzehnt geschehen ist. dann sehe ich für das deutsche Judentum sehr schwarz. Das Anschwellen der antisemitischen Bewegung hot gezeigt, datz die bis jetzt bestehenden Abwehrorganisationen ungenügend sind. Die Abwehr mutz auf breitere Basis gestellt, neue, besiere Wege zur Abwehr müssen gefunden werden. Hier liegt ein zwingender, neuer Aufgabenkreis für die Gemeinden. Ich fordere, datz die Gemeinde diese Aufgaben erfüllt. Diejenigen. die sich aus persönlichen, oder nicht restlos durchdachten sachlichen Gründen gegen den hier in Kürze niedergelegten neuen ,86 Weg wehren, tragen die Verantwortung dafür: sie mögen sehen, datz das, was uns allen lieb und teuer ist, nicht durch eine Ver Kennung der Lage nie wieder gutzumachenden Schaden erleide! Wenn sie aber den Weg nicht gehen wollen, werden andere ihr. gehen müssen! (Der interessante Autsav untere« Kameraden ist im «emetndebl«,, von Arankfurt a. M. erschienen.) Hakenkreuz vor den Schranken Berufungsverhandlung in Bremen. Unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors T ö w c öo gann die Berufungsverhandlung gegen 7 Nationalsozialisten tvr der Grotzen Strafkammer II des Landgerichts Bremen. In der Zeit von Juni bis Oktober des vorigen Jahres tut., den in Bremen jüdische odler jüdisch aussehende Passanten wie verholt von einer Horde von Hakenkreuzlern auf offener Stratzo angepöbelt und mißhandelt. Man erinnert sich, datz jene Bur schen sich damals auch an dem brasilianischen Konsul vergriffe- und datz der Bremer Senat in aller Form bei dem Vertreter des südamerikanischen Staates um Entschuldigung bitten mutzt- Einer von den Verprügelten, der Kaufmann Abram We ic, hc.i noch heute unter den Folgen dieser Roheiten zu leiden. Die anständige, nicht durch Rassenhaß verblendete Beoöllr rung Bremens beantwortete jene nationalsozialistischen Gemein heiten mit tiefer Empörung und mit der Forderuna nach streu ger Bestrafung. Vor den Schranken der ersten Instanz stände im Januar dieses Jahres 8 halbwüchsige Gestalten in den, rosigen Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Das Gericht hatte ,uzu Gefängnisstrafen von 6 Wochen bis zu einem Jahre ver urteilt. Einer von ihnen, der Chauffeur Thelen. offenbar bot Hauptmann der Räuberbande, hatte das Urteil — 1 Jahr Ge fiingnis — angenommen. Er verbüßt zur Zeit seine Strafe. Vor der Berufungsinstanz stehen, von drei Anwälten ver teidigt, seine sieben Kumpane. Einer dieser Anwälte ist ein große, Hakenkreuz-Mann, der Münchener Privatdozent fstr Staatsreckt Dr. Frank. Von den 17 Zeugen treten vier mitzhandelte Juden als Nebenkläger in dieser zweiten Auflage des Pro zestes auf. Eine alte Erfahrung wiederholt sich auck hier: die .«naher kreuzler beweisen nur Mut. solanae sie ■ glauben, nichts kc stirckten zu wüsten. Mit anderen Worten: sie sind teige. Die sieben Angeklagten verteidigten sich, tapfer w>e Löwen, mit einer wahrhaft bewunderungswürdigen Schwäche ihres Ge dächtniffes. Sie können sich beim besten Willen an nickts mehr erinnern. Wie Schulbuben, die ..kneifen", beteuern fii hoch und heilig, nicht dabei gewesen zu sein. Aber die große Geste, das kitschige Heldenoathos.des Räu berhauptmanns — das haben sie von ihren Führern tresslick erlernt. Als der Hauvttäter Tkelen als Zeuge aus dem Go fängnis vor die Schranken geführt wird, streckt er beim Betrete, des Gerichtssaales nach Faschistenart den rechten Arm aus und grüßt die angeklagten Gefährten mit dem Zuruf: ..Heil Hitler'" Und als er wieder abgeführt wird, verabschiedet er stck vor ihnen mit dem Trostwort: „Nur den Mut nicht sinken lasten" Ein interessanter Zwisckenfall ereignet sich bei der Ver nehmung des Angeklagten Brand, der gleich den andern alle ihm zur Last gelegten Uebeltoten mit den inhaltvollen Wortei bestreitet: „Dem ist nicht so." Im Zuschauerraum svringt. eii jüdischer Antiouitätenbändler erregt auf und rutt. auf den Au geklagten zeigend, in die Verhandlung hinein: „Das ist er. Herr Richter!" Er behauptet am 25. Juni vorigen Jahres von Brand überfallen worden zu sein. In den nächsten Tagen wird das Urteil gefällt werden Konteradmiral Iosephthal in New York gestorben Konteradmiral Louis M. Iosephthal. Kommandant der New-Uorker Seemiliz, ist im Alter von 61 Jahren in New Jork verstorben. Sein Vater, Moritz Josephthal, kam 1835 aus Deutschland nach Amerika. Louis M. Iosephthal trat 1891 als gewöhnlicher Matrose in die Seemiliz des Staates New Kork ein, zu deren Organisatoren er gehörte, und stieg allmählich bis zum Range eines Generalzahlmeisters (i. I. 1917) auf 1918 und 1919 diente er in der Marine der Vereinigten Staaten und wurde zum Kommodore und Berwaltungschef der Seemiliz ernannt. Während des spanisch-amerikanischen Krieges machte er Dienste auf dem Panzerschiff „Nahant". Seit 1916 war er Chef der Bankfirma Iosephthal and Company. Auch im jüdi schen sozialen Leben tat er sich hervor. Er war 9 Jahre lang Sekretär, dann Direktor des Mount-Sinai-Hospitals.