Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4911661-5448526-5449083--2119-4913539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint »Schenettch. LdonnementKpret» M.1.Vb cn«tdWbct ait«Ichl. Postdeftel-ekb H«a»s-e-«m,d Verleg«: RelchNbunb,1. ^tsch 9nm(folbottn d P D«S4<ld kommt Fre tag. morgen durch da« Post, zettuaqramt zum «Versand. §ür ^tusna^me und Nü«k. sendung unverlangt «Inge» sandt« Manuskripte wird kein- Sewü r geleistet ZEIT6CHRIFT 9SHIS Lnzeiaen-Aima^«« durch •BL «Ven«, «verltn W SK. Vkumes-Mk^ Deriag und En^laenverma'tung. Tel.: Vollenders KS4L-42. Lnzetgentchluhrtzeden Sonnabend für die nächste erscheinende Nummer. Ln zeigen texte, dl« dt« tu diesem Tage nicht bei un« eingegangen lind, »erden in der darauffolgenden 9lumm« ausgenommen. DeranttvoriNch für den Anzeigenteil. ty ä o i •. DlnkWeistenlee Rümmer 13 Berlin» 29. März 1929 8. Jahrgang ' 1 „Wormser Juden—gute Juden" Religiöse Ausschreitungen im Mittelalter und heute Von Landgerichtsrat Raimund Eberhard In dem ausgezeichneten Werke von Graf o. Diethe r r „Deutsche Rechtssprichwörter" <2- Ausl. 1869) findet sich auch eine Reihe von solchen Sprichwörtern über die Rechtslage der Juden im Mi t t e l a l t e r, darunter auch das in der iieberschrift wiedergegebene Wort „Wormser Juden — gute Juden". Das Wort ist überliefert in Pistorius, „Thesaurus paroeiniarum Germanico-Judaicarum" Leipzig 1736. Die Herausgeber der sogenannten Sprichwortsammlung bemerken dazu unter Berufung auf Pistorius und andere, so insbesondere auf die „bekannte Schrift von Jeremias Gotthelf": „EinzigdieUlmerundWormserIudensind unbescholten und an der Kreuzigung Christi unschuldig, weil sie schon zur Zeit dieses Ereignisses in Deutschland sähen", wie denn bekanntlich in der Tat bereits vor Christi Geburt mit den römischen Legionen Juden an den Rhein und die Donau kamen. So steckt denn hinter diesem Sprichwort, das so ganz harmlos anmutet, eine geradezu entsetzliche Wirklichkeit: „Nur die Wormser (und die Ulmer) Juden sind — nach mittelalterlicher Auffastung — gut, aste anderen aber sind böse, denn sie haben unseren Herrn Iesum Christüm gekreuzigt und zu Tode gemartert." Das ganze Martyrium der Juden während des Mittelalters steht plötzlich mit ergreifender Deutlichkeit vor unseren Augen. Sie waren „die schnöden, hartnäckigen, stinkenden Gottesverächter", und selbst, wenn sie als Verbrecher gehenkt wurden, wurde noch zwischen ihnen und etwa gleichzeitig gehenkten Christen ein diffamierender Unterschied gemacht, „indem die Juden an einem eigenen Balken außerhalb des christlichen Galgens, einen Hut mit heihem Pech auf dem Kopfe, zwischen zwei wütenden Hunden aufgeknüpft wurden, und nur, wenn sie in der Todesstunde Christen wurden, fiel Hut und Hund weg." Denn auf diese Iudentaufe wurde nicht viel gegeben. „GetaufterIude, beschnittenerChri st!" hieh es nun, und „Juden seid ihr. Juden bleibt ihr und schnöde, ungetreue Menschen". So heißt es weiter von ihnen: „Sie sind der Handfeste des angeborenen Rechtes beraubt und in die Sünde der Verdammnis jämmerlich ^erführt; doch sind sie uns gleich an der Gestalt, und wir sollen die Menschheit an ihnen achten." — „Ein Wergeid (für Verletzungen und Schädigungen) kam ihnen nicht zu. weil sie unter aller Scheidemünze standen: denn als Jerusalem erobert wurde, bot man die Juden feil und gab ihrer dreißig um einen bösen Pfennig" (nämlich in die Sklaverei). So sind das ganze Mittelalter hindurch Iudenhatz und Judenverfolgungen — jedenfalls in der Hauptsache — religiös motiviert. Wir sehen hier eine geradezu entf setzliche Verzerrung des wahren Geistes Christi, der noch in der Todesstunde am Kreuze für-seine Feinde, die ihn töteten, betete und dessen Grundgebot Liebe war, Liebe auch für die Feinde. Es ist dieselbe Verzerrung der Lehre Christi, wie sie uns in der Inquisition mit ihren grauenvollen Autodafes oder in den Religionskriegen, den -Hexenprozessen, der Bartholomäns-Racht u. a. in. entgegentritt. Wahrlich, man kann.es menschlich begreifen, wenn weit!e Schichten der -damaligen Iudenschaft dem Christentum mit schroffer Ablehnung gegenüberstanden, jenem Christentum, von dem ihr Volk unter völliger Verkennung des Christus-Geistes, jg angeblich um Christi willen und in seinem Nam e n verachtet, verhöhnt, verfolgt, gepeinigt und in den Tod gehetzt wurde; es ist aus der Zen heraus auch durchaus zu verstehen, daß diese Ablehnung zuweilen die Form eines'geradezu fanatischen Hasses gegen das Christentum und den Stifter dieser Religion annahm. Ein großer Teil der Juden wird — und auch das ist zu begreifen — so lange mit schroff ablehnender Skepsis dem Christentum gegenüberstehen, al4 es Christen gibt, die den höchst unchristlichen Iudenhatz ohne jede wirksame Dämpfung durch die christlichen Kirchen propagieren. Hier kann nur langsam eine Wandlung zum Besseren eintreten, angeregt und-gefördert einerseits durch führende Juden, Männer wie Martin Buber. Walther Rathenau. Constantia Brunner. Hermann Cohen usw., die ehrlich bemüht sind, dem Christentum, seiner Äehre und dem Künder dieser Lehre auch, ja gerade von ihrem Standpunkt aus, gerecht zu werden; auf der anderen Setze herbeigesehnt und unterstützt im christlichen Lager, in dem sich —- wie die Stimmen von Christen in diesen „Abwehrblättern" zur Genüge dartun — immer wieder Männer und Frauen finden, die unter voller Anerkennung der Schwierigkeit des mit der Tragik von Jahrhunderten belasteten Iudenproblems dem Pöbel-_ wahn, Aberglauben und Rasteilhochmut des Antisemitismus unerschrocken entgegentreten, ' — Es ist nun allerdings richtig, daß die religiöse^ Motivierung des Antisemitismus, wie sie im Mittelalter vorherrschend war und wie sie in jenem Sprichwort über die Wormser Juden drastisch zum Ausdruck kommt, stark an Bedeutung verloren hat. wenngleich sich heute unter dem Zeichen des „Deutsch-Christentums" und des Dinterschen „Geistchristentums" und der diesen beiden Richtun ■