Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 10 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Wieder einmal öffnen sich wie alljährlich zum Ostertermin die Pforten der höheren Lehranstalten Deutschlands, um die Tausende von Abiturienten, worunter Hunderte unserer jungen Glaubensgenossen sich befinden, zu entlassen. Deshalb erscheint es nicht unangebracht, die Aussichten des Studiums, das wohl nach alter Gepflogenheit die meisten Maturi ergreifen werden, in jetziger Zeit bei den seit 10 Jahren wesentlich veränderten Verhältnissen etwas mehr zu beleuchten. Fürwahr ein weitreichendes und schwerwiegendes Thema. Nach mehr als SOjährigem Bestehen des modernen Antisemitismus, haben sich die wirtschaftlichen Folgeerscheinungen nicht nur für die jüdischen Gewerbetreibenden. Kaufleute und Handwerker, sondern auch für den akademischen Nachwuchs in wahrhaft verheerender Weise bemerkbar gemacht. Zunächst einige Vorbemerkungen: In fast sämtlichen akademischen Berufsarten herrscht Ueberfüllung bis auf den Rabbiner st and, der ja wirtschaftlich mit der antisemitischen Strömung direkt nichts zu tun hat. Allerdings wird es den Großgemeinden bei der glänzenden Bezahlung lIahresgehalt 15 000—25 000 Mk.) nie an geeigneten Bewerbern fehlen, aber die Mittelgemeinden müssen vielfach, die Kleingemeinden ganz ohne Rabbiner bleiben. Diesem Mangel wird auch in Deutschland nicht so leicht abzukelfen sein, da ja, abgesehen von der im allgemeinen geringen Neigung zu diesem Beruf, vielen jungen Leuten von Hause aus bei den mangelnden hebräischen VorkenrUnissen, die Möglichkeit fehlt, sich in den Talmud zu vertiefen, der noch immer die Grundlage des jüdisch-theologischen Studiums bildet. (Uebrigens wird an Berliner höheren Lehranstalten an die jüdischen Abiturienten ein von dem Rabbiner Dr. Malwin War-, schauer verfahtes Merkblatt über das Wesen des Berufes verteilt.) Was die angebliche Ueberfüllung anlangt deretwegen in fast sämtlichen akademischen Berufen amtlich vor dem Studium gewarnt wird — angehende Philologen müssen sogar einen Revers unterschreiben, dätz sie auf staatliche Anstellung verzichten —, so ist diese nach meiner Ueberzeugung Nicht so tragisch zu nehmen. . Schon vor einem halben Jahrhundert hieß es. Iura und Medizin seien überfüllt, und trotzdem haben seitdem Tausende, S: Zehntausende jüdischer Aerzte und Rechtsanwälte ihr rot gefunden, und zwar nicht bloß trocknes Brot, sondern mit Butter und Schmalz, je nach dem individuell religiösen Geschmack, mit reichlichem, gutem Aufschnitt. In der Rechtspraxis kommen jetzt auch unseren GlaubensgenosteN. die ihnen jahrzehntelang so gut wie verschloffenen Richterstellen bis hinauf in die höchsten Gerichte in Betracht. Rechtsanwälte hatten jahrelang nach dem Kriege, besonders seit der für überaus zahlreiche Existenzen so verhängnisvollen Stabilisierung der Währung, wegen der massenhaften Aufwertungsklagen einen goldenen Boden für ihr Handwerk. Freilich ebben allmählich diese Klagen ab. Zivilrichter werden deshalb ebenfalls nach und nach weniger gebraucht werden, einen Ausgleich durch den steigenden Bedarf an Strafrichtern und Staatsanwälten bei der leider immer mehr zunehmenden Kriminalität, dürfte kaum in genügendem Maße geschaffen werden. Immerhin ist die juristische Vorbereiaeit bei den Referendaren, die auch im Falle nachener Bedürftigkeit 100,-=-r Mk. monatlich von Staats wegen Unterstützung erhalten, um ein volles Jahr gekürzt worden, während hei den Medizinern und Zahnärzten das Studium um die entsprechende Anzahl von Semestern, bei erstgenannter Kategorie auch noch um das sogenannte praktische Jahr verlängert worden ist. Dazu kommt die neuerdings bei den Kassen eingeführte Karenzzeit von 2 Jahren nach der Niederlassung. Nach meiner Erfahrung aber, können sich junge Anwälte, Aerzte und Zahnärzte bei der namentlich im Sommer sich reichlich darbietenden Gelegenheit zu Vertretungen. die im allgemeinen sehr gut bezahlt werden, was bei Philologen wegfällt, immer noch standesgemäß bis zur endgültigen Niederlassung durchschlagen. Für diese braucht döch nicht durchweg die selbstverständlich von Akademikern überfüllte Großstadt gewählt zu werden. Um auf die Anwärter des höheren Lehramtstandes zu rückzukommen, so sollen hier bis 1932 keine Neuanstellungen erfolgen. Auch dann kommen in der Regel Neusprachler. Mathematiker und Naturwissenschaftler in Betracht. da diese in allen jetzt so mannigfaltig vorhandenen Schulgattungen gebraucht werden. Wenn letzteres auch für die Lehrberechtigung in Deutsch und Geschichte als Hauptfach gilt, so kommen doch bei diesen sogenannten „Gesinnungsfächern" jüdische Bewerber immer noch erst in letzter Reihe in Frage. Die rein humanistischen Gymnasien sind bekanntlich im Aussterben begriffen. .Das Studium der klastifcken Philologie demnach in keinem Falle ratsam. Das höhere Lehramt hat auch sonst Klip- Familien. Anzeigen starken dev Gemeinschaftssinn. Daher gehören sie in den „6chüd"! -