Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 8 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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selbst besonnen. Das ist die Leistung und das Verdienst des Arontbundes, daß wir von einem salschen Ideal uns zum echten durchgerungen haben, das ist der Lohn der Tat: weil wir verkannt wurden, haben wir uns und unsere jüdische Eigenart und unsere jüdische Pflicht erst recht erkannt. Und wenn wir wieder vom Brauch des Tages sprechen wollen, der bei der Reumondsfeier neben dem üblichen Gebet ein muffas, einen Zusatz der Andacht kennt, dann wouen wir es so formen: die Gründung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten ist eine Mehrung gegenüber allen bisher Besteheicden. Heraus aus der Lede der Parteien, ohne Unterschied, oo rechts oder links, fromm oder frei, dieser oder jener jüdischen Auffassung, hat unsere Organisation im ganzen Vaterlande, aus vielfacher Zwietracht und Gleichgültigkeit den Geist der Einigkeit, des treuen Zusammenhaltens zu wecken vermocht. Darum können wir ruhig sein und auf die Anerkennung harren, deren Voraussetzung das Bewußtsein des eigenen Wertes und der jüdischen Würde ist. „Hemme deine Stimme r>om Weinen und deine Augen von den Tränen, denn es gibt einen Lohn für dein Tun, sie kehren heim aus dem Lande des Feindes." Wenn wir in diesen Wochen des Frostes und der Erstarrung, aus der Oede und dem Dunkel und dem Kaltsein uns dem Anblick eines Lichtes nähern, dann fühlt der Freund der Heiligen Schritt die Echtheit des prophetischen Wortes: heoch chamauffi roiffi ur, „Ha, mir wird warm, ich sehe eine Flamme'" Wohl trägt das Feuer in der Entfernung noch nicht zur Erwärmung unseres Organismus bei, aber schon sein Schein beflügelt in unserer Seele die Vorstellung, daß Glut und Wärme, Feuer und Begeisterung sich bald einsteuen werden. So steht es auch mit unserer Organisation. Zwar hat sie noch nicht vermocht, alle Kräfte an sich heranzuziehen, aber sie ist den richtigen Weg gegangen, um dem Bund über die kurzen Jahre, in denen wir Frontsoldaten noch in ihm leben werden, dauernde und größere Aufgaben und Arbeiten zu schassen. Das meint das Wort unseres Propheten: w'jefch tikwo l'acharissech, w'schowu wonim ligwulom. „Ja, es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, deine Kinder kehren in ihr Gebiet zurück." Wenn der grötzte Teil der alten Krieger — wir wollen de» Ausdruck ge.ten lassen — lang schon droben beim himmlischen Heere vereint sein wird, dann werden unsere Kinder und Enkel den heißen Tank dafür empfinden, daß unser Bund ihnen neue Gebiete des Lebens und Arbeitens erschlossen hat. Es feien nur zwei große Bestrebungen genannt, die aber höchsten Wert in sich bergen. Eine Arbeit, deren Bezeichnung wohl zum erste» Male in einer Synagoge ausgesprochen wird, ist die Pflege des Sports oder, wie man es in der heiligen Sprache aussprechen könnte, chiluz azomaus. die Ertüchtigung der Glieder. Tas war, die Einsicht dafür, daß jene aufgezwungene Schmach vergangener Geschlechter von unseren Kindern abgewehrt werden müsse, damit sie nicht schon in ihren Iugendjahren und erst recht im Lebe» unter dem Spott und dem Hohn der andern leiden, sondern sich bewußt sind, daß die Pflege des Leibes und die Erstarkung des Körpers sich nicht nur mit der jüdischen Anschauung vertragen, sondern von ihr gepflegt und gefordert werden. Und noch mehr Beifall und Stützung verdient die Siedlungsarbeit unseres Bundes, die gegenüber und in Ergänzung der von uns sehr hoch geschätzten Kolonisierung des heiligen Landes dartut, -daß das Land an sich, daß jedes Land und jeder Boden eine Heiligkeit bedeutet, zu der wir zurückkehren müssen, wenn uns noch geholfen werden soll. Nicht nur unsere Gegner sollen dies sehen, sondern wir müssen es -«insehen, daß unsere Ahnen kein Volk von Händlern und Krämern waren, vielmehr ein Volk von Bauern und Fischern, Hirten und Viehzüchtern. Es muß gezeigt werden, daß der Jude mehr versteht, als Brot zu erwerben und zu essen; erst wenn er das Korn pflanzen und den Boden mit der Mühe seiner Hand wieder bearbeiten wird, dann wird ihm die Frucht des Bodens auch schmecken und gut bekommen und wohltun. „Ja, es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, deine Kinder kehren in ihr Gebiet zurück." Es ist, kein Zufall, daß der Frontbund und seine Führer die Lösung dieses Problemsauf ihre Fahne geschrieben haben, denn wer so oft wie wir durch Not und Tod gegangen ist,' der empfindet das soziale Elend besonders stark, und darum können wir uns untereinander reim, arewim, chawerim. „Freunde. Bürgen. Gefährten" nennen. Am besten ist wohl im Worte chower rer Begriff eines edlen Angehörigen unseres Bundes wiederge geben, ^hower. das ist ein altjüdischer Ehrentitel, und er bedeutet einen sturmerprobten, bewährten Menschen, einen treuen, charaktervollen Mann, auf den man sich unbedingt verlassen kann. Möge darum unsere.Gemeinschaft immerdar wie heute aus Freunden. Bürgen und Genossen der Gefahr, aus chawerim bestehen! Und nun noch eins, der Hinweis, daß wir uns nicht einen Verein genannt haben, sondern einen Bund, briß vorsteilen wollen. Mit dem Ausdruck briß geht unsere Heilige Schrift sehr sparsam um. und nur bei den bedeutendsten und denkwürdigsten Ereignissen unserer ruhmreichen Geschichte wird er gebraucht. Gott schloß mit unserem Stammvater Abraham einen Bund, und am Sinai — das hat uns die Thora erst un- 66 klängst verkündet — schloß der Ewige einen Bund mit den Kin dern Israel. So soll auch unser Frontbund weit mehr sein al, ein lose- Gefüge, er bedeute immer eine stet» fester werdende, unauflös liche Bindung der Männer unsere» Blutes zur Rettung und B« freiung der jüdischen Seele! Menschen solcher Prägung werdei. auch immer wahre Männer sein, auf die sich das Vaterland ver lasten kann. Tiefe Ueberzeugung setzt sich durch, darum grüße, wir unfern Bund mit Dankbarkeit und Freude an seinem fest lichen Tage und beten jetzt mit Innigkeit die Psalmworte aus dem Halle!: ad. s choronu j worech j'worech es best jilroel, j'woxect - es best aharaun j'worech jire ad. haktanim im hagoaulim. „Der Herr hat unser gedacht, er segne, er segne das Haus Israels, er segne das Haus Aarons, er segne die Gottesfllrchtigen, die Klei nen und die Großen. Es mehre euch der Hert, euch und eure Kinder. Seid gesegnet dem Ewigen, der Himmel und Erde ge schaffen hat. Ter Himmel gehört Gott, aber die Erde gab er den Menschenkindern. Nicht die Toten preisen Gott und nicht die in die Gru>t hinabstiegen. Aber wir wollen Gott preisen, von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja!" Wa' anachnu nworech joh meato w'ad aulom. Hall'lujoh. Brief an den «Schild" Sie oerleumdea. An die Redaktion des „Schild" Berlin W 15. Es war in der Zeit von August bis Mitte September 1918, Ich lag auf Blinkstelle in einem Steinbruch auf den östlichen Moselhöhen, zwischen der Burg Preny und dem Dorfe Arnaoine. In diesem Steinbruch waren auch einige Artillerie-Beobachtungen eingerichtet. Eines Tages nun kam, um die oben angegebene Zeit eine neue Beobachtung hin. Diese war vom Fußart.-Reg. 9. Dieses Regiment war bis dahin in der Türkei gewesen und zuletzt zur Erholung eine zeitlang in Konstantinopel. Ter Beobachter, damals noch Fähnrich, Rosenbaum, (Katholik), hatte auch noch einen Batterietelegraphisten mit. Zwischen diesem, dessen Namen mir leider entfallen, und mir, entspann sich eines Tages eine sehr lebhafte Unterhaltung. Er schimpfte mächtig auf die Zudem die nach seiner Meinung keine 109 Prozent Deutsche wie er seien. Er stammte nämlich aus Odessa und seine Mutter war eine Russin. U. a. erzählte er mir nun, daß sie bei ihrer Batterie einen Einjährigen, mit Namen: Levy, hätten, derselbe sei Unteroffizier und hatte, als sie in der Türkei lagen die Verteilung der Zigaretten an die Mannschaften unter sich. Und da hätte er, der Vorgesetzte, diese Zigaretten nicht verteilt, sondern einfach an die Mannschaften verkauft, um sich gleich ein Geschäft daraus zu machen. Wie erstaunt war dieser Kamerad, als ich ihm erklärte, daß ich auch der jüdischen Religion angehöre und diese Sache weiter verfolgen werde. Denn so unglaublich mir alles, was er sagte, sei, so müßte der Herr Einjährige für ein derartiges Verhalten, wenn es den ungeheuerlichen Tatsachen entsprechen sollte, doch empfindlich bestraft werden. Auch sonst hielt ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg, wie ich über ihn. seinem 100 Prozent Deutschsein und Leute seinesgleichen denke. Ganz erstaunt war er natürlich zu hören, daß ich „Jude" sei. Das hat er, obwohl wir schon einige Wochen zusammen waren, nicht gewußt. Er habe alles natürlich nicht so gemeint, und ich möchte nur ja alles vielmals entschuldigen Ich erklärte ihm, daß da nichts zu entschuldigen wäre. Entweder, es.stimmt, was er vorbringt, und da brauche er sich doch nicht zu entschuldigen. Oder es ist erlogen und nichts weiter als Verleumdung, da müßte er auch die Folgen tragen. Als ich dem-Fähnrich Rosenbaum nun den Fall oortrug, war er ganz außer sich. Nanu, sagte er. Ich kenne doch den Einjährigen Levy. Er ist doch von meiner Batterie und wir gehören demselben Unterofsizierskorps an. Ganz ausgeschlossen, was Sie da sagen. Aber ich werde die Sache sofort melden und eine Untersuchung einleiten lassen, Aber Sie wissen doch, zum Kanonier gewandt, was mit Ihnen geschieht, wenn es sich herausstellt, daß.Sie Ihren Vorgesetzten verleumdet haben. Ta eines Tages werden wir Juden des Abschnittes nach Neustadt, dicht an der französisch-lothringischen Grenze,- - zum Feldgottesdienst beordert. Dieser fand in einer katholischen Kirche statt. An Stelle der Orgelbegleitung, die wohl sonst den Gottesdienst der anderen Religion in dieser Kirche begleitet hatte, spielten die französischen Granaten, die den anliegenden Kirchhof durchwühlten, ein anderes Liebvor. Bei dtestm Feldgottesdienst sehe ich nun einen Unteroffizier mit dem Einjährigen-Abzeichen und Achselklappen: Artillerie 9. Sofort fiel mir die Sache von der Beobachtung ein, und ich redete ihn än: „Sie sind doch der Einjährige Levy?" Erstaunte Rückfrage! Dann klärte sich alles sehr schnell auf. Natürlich war alles Verleumdung und der betreffende Kanonier war hart besttaftworden. Kam. LeoRynarczewski. Rastenburg. Ten Bericht über dte.Keier veröffentlichen wir auf Seit« 60.