Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kreuzzug um die Lux-Lampen Von Arthur Koestler. Der Berichterstatter der „Voss. Ztg." schreibt uns: Der Gouverneur Jerusalems läßt den Oberrabbiner und einen Stadtverordneten holen und verlangt von ihnen, sie mögen verordnen, daß die 6 Lux-Lampen jüdischen Besitzes, die die Klagemaue.r bei Nacht erhellen, entfernt werden mögen: denn auch sie verletzen den status quo. Darauf wird der Oberrabbiner, ein alter, ebenso weiser wir temperamentvoller Mann, wütend: und hält Seiner Exzellenz dem Gouverneur eine zweistündige wilde Rede über Menschenwürde, Religion und Politik. Er lehnt alles ab; der Herr Gouverneur möge tun, was er wolle: und falls dann wegen der status-quo-verletzenden Lux- Lampen wieder Blut fließen wird, so möge er selbst die Verantwortung tragen. Ehe der Herr Gouverneur zu Atem kommen kann, ist Hochwürden fort. Am nächsten Tag fährt ein Auto vor dem Rabbinate vor: der Gouverneur teilt Hochwürden mit, daß er sich die Sache überlegt hat: die Luxlampen mögen bleiben. Jerusalem atmet auf. Aber der mohamedanische Oberrat rüstet zu neuen Taten: eines Tages erscheinen arabische Bauarbeiter und fangen an — ein Zimmer auf der Klagemauer zu bauen. Wer wird dorr oben wohnen? Niemand. Aber aus irgendwelchen ver gilbten Dokumenten geht hervor, daß die Araber das Recht haben> ausgerechnet auf der Klagemauer ein Zimmer zu bauen. Und sie bauen. Aufregung wieder auf dem Höhepunkt. Eines Tages entfällt einem der Bauarbeiter zufällig ein schweres Eisenstück. Fliegt zufällig 5 Meter weit: gerade einem Juden auf den Kopf. Jude wird verwundet sortgetragen. Ansammlung: Schlägerei. Pogromstimmung in der Stadt. Für den nächsten Samstag werden neue Ausschreitungen erwartet. Der Jüdische Nationalrat erklärt, daß die Regierung die Verantwortung für alles trage. Fordert, daß sie alle Maßnahmen ergreife, um Widerholungen unmöglich zu machen. Und die Regierung ergreift für den kritischen Samstag tatsächlich ihre Maßnahmen: sie richtet ein Rundschreiben an die Jerusalemer Spitäler, diese mögen Betten für etwaige Verwundete an diesem Tage freihalten. Und die Prophylaxe erweist sich als ausgezeichnet: es kommt an diesem Samstag tatsächlich zum neuerlichen Zusammen st oß: wieder Verwundete. und die Betten warteten nicht umsonst. Das letztgeschilderte Ereignis spielte sich Ende Oktober ab: und die Gemüter im Lande sind weit davon entfernt sich zu beruhigen. ( Was weiter geschehen wird, weiß niemand: eines aber weiß jeder: daß, falls etwas geschehen sollte, die Regierung nicht verfehlen wird, dafür zu sorgen, daß genügend Betten in den Spitälern frei sind. Analog wie im Jahr 20, als drei Tage lang der Pogrom in der Altstadt wütete und das britische Militär Gewehr bei Fuß vor den Toren der Altstadt darüber wachte, daß kein Mensch die Tore zur Altstadt passiere, und während die freiwillige Selbstwehr draußen bleiben mußte, die Sanitätszüge mit den Toten und Verwundeten stets loyal passieren ließ. Nachher telegraphierte dann der High Eommissioner nach London, daß „das Militär keinen Anlaß zum Einschreiten gefunden hat." Blut ist «ln ganz besonderer Saft. Wir lesen in der WieneI^„Wahrheit": In einem Wiener Spital ereignete sich jüngst folgender Borfall: Ein Kranker war durch Blutverlust sehr erschöpft. Die Aerzte erklärten, es müsse rasch eine Blutübertragung vorgenommen werden, um den Kranken am Leben zu erhalten. An die anwesenden Studierenden der Medizin wurde die Frage gerichtet, ob einer hierzu bereit sei. Es meldeten sich sofort mehrere. Die Blutgruppe, zu der die einzelnen hilfsbereiten Studenten gehörten, war bereits früher festgestellt worden. Bekanntlich darf nur eine Blutübertragung von Angehörigen derselben Blutgruppe vorgenommen werden. Einer der Etüdenten, der derselben Blutgruppe angehörte wie der Kranke, wurde als Blutspender herangezogen. Die Blutübertragung rettete dem Kranken das Leben. Nachher hatte man Zeit, sich mit den persönlichen Berhältnissen des Kranken und 'des Blutspenders zu befassen. Es stellte sich heraus, daß der Kranke ein antisemitisch eingestellter Student war und der Blutspender ein jüdischer Studierender der Medizin. Was ergibt sich nun aus diesem Borfall? Sicher ist nur das eine, daß in dem antisemitisch eingestellten Studenten jüdisches Blut rinnt. Vielleicht wird er aus Dankbarkeit für seine Lebeosrettung seine Gesinnung ändern. Wie wird sich nun die bekannte antisemitische Rassentheorie zu dem Geretteten einstellen? Kann sie ihn etwa bei einem Eintritt in einen Verein mit dem sogenannten Arierparagraphen noch als rein arisch betrachten, wenn er den Nachweis seiner arischen Abstammung erbringt? Wir überlassen die Lösung dieser Frage den zünftigen Rassensorschern. Iedensalls beweist der Dorfall, auf wie schwachen Füßen die Rassentheorie sieht. Sollte es "Fanatiker geben, die es vorziehen, in solchen Fällen einen' Kranken zugrunde gehen zu lassen, als ihn auf diese Weise zu retten? Dr. E. W- Flandern 1917 Wenige Bücher aus dem Weltkriege sind mit solcher Meisterschaft und mit solcher dramatischen Wucht geschrieben wie die von Werner Beumelburg. Seine in der Schriftenfolge „Schlachten des Weltkrieges" erschienenen Schlachtenschilderungen „Douaumont", „Ipern 1914" und „Loretto" bilden einzig artige Höhepunkte in diesem, an hervorragenden Veröffentlichungen so reichem Werke. Beumelburg ist an Stärke der Gestaltungskraft, die von einer dichterisch schönen und hinreißenden Sprache getragen wird, in der Tot kaum zu übertresfen. Das bestätigt erneut der soeben erschienene Band „Flandern 1917"*). Es ist erstaunlich, zu sehen,' wie der junge Schriftsteller für die Wiedergabe dieser Schlacht abexmals gänzlich neue Wege gefunden hat. Das war allerdings Voraussetzung für das Gelingen gerade dieser Arbeit. Handelt es sich doch hier um eine auf verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängte Darstellung der gewaltigsten Materialschlacht des Weltkrieges, die in einem sechsmonatlichen Ringen Divisionen gleich zu Dutzenden verschlang, um sie zu kümmerlichen Resten gebrannt, wieder aus dem Hexenkessel austauchen zu lassen. Allerdings hat die Cchristleitung für die Arbeit Beumelburgs selber die historischen Unterlagen geschaffen, indem von den Archivräten Brandt. Dr. Strutz und Oberst a. D. Lange der Verlauf der Schlacht ergründet und in einem umfangreichen Manuskript niedergelegt wurde. Es war unzweifelhaft ein glücklicher Gedanke, diese rein hi st arische Arbeit, deren Veröffentlichung wegen ihres Umfanges in der Schriftfolge nicht in Betracht kam, Beumelburg mit der Weisung zu übergeben, unter Festhaltung des großen historischen Verlaufs der Begebenheiten die Eigenart der Schlacht herauszuschälen und so dem Leser ein auf das persönliche Kampferleden eingestelltes Bild zu ermitteln. Das charakteristische Erleben der Flandernschlacht psychologisch herauszuarbeiten ist eine Aufgabe, wie sie schwieriger kaum gestellt werden kann. Beumelburg hat sie gelöst. Er hat mit einer geradezu verblüffenden Geschicklichkeit einen gefühlsmäßigen Einblick in das ungeheure Ringen vermittelt, das den Leser von Anfang bis Ende in Spannung hält, ihn zu hoher Begeisterung fortreitzt. um ihn im nächsten Augenblick zu seelischen Qualen herabzudrücken und ihn schließlich in Andacht vor der Größe deutschen Heldentums die Lektüre beenden läßt. Auch vom historischen Standpunkte aus muß eine derartige Darstellung persönlichen Erlebens, die Vermittlung menschlichen Empfindens, seelischer Eindrücke, die Zeichnung von Wirklichkeitsbildern, die jeder nachempfindet, der an den Kämpfen teilgenommen hat, als berechtigt anerkannt werden.'-Sie gestattet eigentlich erst, eine wirkliche Vorstellung von der Größe der vollbrachten Taten zu gewinnen, sie gibt einem Heranwachsenden Geschlrchte die Möglichkeit, die Schwere unseres Ringens zu 'erfassen, den Begriff „Materialschlacht" jedenfalls überzeugender in sich aufzunehmen, als das eine noch so vortrefflich« Aneinanderreihung der Kampfbegebenheiten vermag. Dieser von der *) Band 27 der Schriftfolge „Schlachten des Weltkrieges" bearbeitet und herausgegeben im Aufträge des Reichsarchivs. Verlag Gerhard Stalltng, Oldenburg i. O. Preis ln Halbleinen Mk. « 50. — l 37