Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Anlagekapital sich im Durchschnitt nicht hoher al» mit 34* Prozent verzinst. E» gehört also ein gewisser Idealismus dazu Landwirt zu sein, d. h. sein Geld in ein landwirtschaftliches Unternehmen zu investieren. Dieser Idealismus findet seine Befriedigung darin, daß der Landwirt in innigem Zusammenhang mit der Natur lebt, und tatsächlich bietet ja da» Leben auf dem platten Lande «in bestimmtes Aequioalent, das dem Städter nie geboten wird. Allerdings waren für unsere Grobgrundbesitzer auch noch andere Momente matzgebend, so die Befriedigung eines „Herrenrechtes", der Iagdpassion und ähnlicher Dinge mehr. Gegenwärtig in eine mehr als schwierige ökonomische Situation gebracht, handelt es sich aber um andere Sorgen als den Benutz dieser Rechte, denn heute entscheidet für die soziale Stellung auch de» Agrariers nicht mehr sein Schlotz. seine Reitpferde und sein Jagdrevier, sondern die Güte seine» Betriebes, seine Kreditfähigkeit u. a. m. Aber auch mit Fleitz und Entbehrung allein ist heute kaum das Notwendige im landwirtschaftlichen Grotzunternehmen zu schaffen. Hierzu gehört die volle Kenntnis der wirtschaftlichen Technik. Tüchtigkeit und vor allem auch kaufmännische Versiertheit. Aus Grund dieser objektiven und subjektiven Momente ist der Grotzbetrieb in Deutschland in eine schwere Krisis geraten. Jedoch ist durch statistische Erhebungen nachgewiesen, dak es zwar dem Bauern auch nicht gut geht, datz er aber auf keinen Fall in feiner Existenz bedroht ist. Er, der mit seinen Angehörigen selbst arbeitet, seine Muskeln mehr anspannt und dessen Mitarbeiter sich mehr anstrengen, der aber in der Hauptsache Selbstversorger ist, kann im schlimmsten Fall seine Bedürfnisse einschränken und deshalb viel eher durchhalten als der Grotzgrundbesitzer. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren. in denen die gesamte Volkswirtschaft schwer zu leiden hatte, und alle anderen Glieder der Bevölkerung vor dem Abgrund standen, blieb die bäuerliche Siedlung mehr als gesichert. Und jetzt im Frieden, wo wir aus den Wirtschaftskrisen immer noch nicht heraus sind, und wo es dem Grotzbetrieb sehr schlecht geht, ist der Bauer in seiner Existenz nicht gesährdet. , Wenn wir also von der allgemein bekannten schlechten Lage der Landwirtschaft sprechen, so bezieht sich diese hauptsächlich auf den Grotzgrundbesitz und trifft nicht die bäuerlichen Betriebe. Und hieraus ziehen wir eben die Konsequenz, indem wir an die schwierige Aufgabe Herangehen, unsere jüdische Jugend mit der Scholl« zu verbinden, um sie so doch mindestens von den Wohnung»- und Ernährungssorgen zu schützen. Trotz dieser Ausführungen, die unsere Siedlungsarbeiten begründen sollen, bin ich nicht naiv genug, um etwa jetzt schon für jeine Berufeumschichtung in dem Sinne zu plädieren, datz wir eine grohe Masse jüdischer Menschen auf die Scholle bringen. Ich bin mir mit meinen Mitarbeitern darüber im klaren, datz es sich in den nächsten Jahren vielleicht Jahrzehnten nur darum handeln kann, die tüchtigsten unserer Jugend, die seit Jahren im landwirtschaftlichen Berufe sich bewährt haben, sehhaft zu machen und ihnen eine selbständige bäuerliche oder gärtnerische Existenz zu verschaffen. Erst wenn wir den Beweis erbracht haben, datz diese neuen Siedler vorwärts kommen, haben wir das Recht und die Pflicht an die jüdische Oefsentlichkeit zu appellieren, um an eine Berufsumschichtung groher jüdischer Massen zu gehen. Und jetzt das Wichtigste zum heutigen Thema: Es ist gelungen. einen Siedlungsausschuh zu bilden, dem führende Persönlichkeiten aller jüdischen Parteien angehören, die fürj jüdische» Leben und Gedeihen Interesse haben. Ferner ist es dank den Vorarbeiten des RjF. und der Initiative des Siedlungsauvschustes gelungen, eine Siedlungsgesellschaft zu begründen. Diese Siedlungsgesellschaft, die „Jüdische Landarbeit G. m. b. H.". besitzt vorläufig nur ein kleines Kapital von R M. 25 000,— aber es genügt um wenigstens praktisch mit den Arbeiten anzufangen. So wollen wir bereits in den nächsten Monaten 4 bis 6 Gärtner in der Nähe von Berlin ansiedeln. Die Finanzierung soll derart geschehen, datz der Siedlungsanwärter da» notwendige Eigenkapital von R M. 5 0 0 0.— einbrtngt, jedoch datz, wenn er ein solches nicht besitzt die „Jüdische Landarbeit" es ihm vorstreckt. Diese Geldvorlagen sollen hypothekarisch gesichert werden, so datz wir nicht zu befürchten haben, Verluste zu erleiden. Es kann eintreten. datz' irgendein Siedler sich nicht bewährt, datz er trotz besten Willens versagt, dann haben wir die Möglichkeit auf seine Stelle einen anderen zu bringen. Jedenfalls ist diese Art der Siedlung mit irgendwelchen Geldverlusten für uns kaum verbunden. Autzerdem sind wir in den letzten Tagen in Verhandlungen über den Ankauf eines 1500 Morgen grotzen Gutes getreten. Es handelt sich in der Hauptsache um ein Waldgut, bei dem wir etwa 40 Juden und zwar grötzten Teils ungelernte Arbeiter 3 Jahre lang mit dem Fällen des Holzes, dem Abtransport, mit Aufforstungen und Kultivierung des Waldboden» beschäftigen können. Gleichzeitig wollen wir dort 10 bis 20 junge Menschen zum landwirtschaftlichen Berufe vorbereiten, um sie dann selbst zur Anstedlung zu bringen. Um dieses grotzzügige sozial« Projekt sinanzieren zu können, müssen wir natürlich an unsere wohlhabenden jüdischen Mitbürger und die hierfür in Betracht kommenden Organisationen appellieren, da selbstverständlich unser kleines Eigenkapital hierzu nicht ausreicht, und diese Mittel, wie oben ausgeführt, schon für andere Zwecke bestimmt sind. Seien Sie versichert meine Damen und Herren, datz wir sehr vorsichtig zu Werke gehen, datz wir nur erprobte Methoden bei unserer Siedlungsarbeit anwenden werden. Es wird schliehlich heute in ganz Deutschland gesiedelt, wir stehen mitten in einer Siedlungsepoche und haben die nötige Erfahrung hin. ter uns, um Fehler zu vermeiden. Ich glaube, datz ich damit das Wichtigste und all das, was meine Aufgabe war. gesagt habe: nur eines bleibt mir zu sagen übrig. Wenn Sie mit uns davon überzeugt sind, datz unsere-jüdische Jugend den hier von uns-' an sie gestellten Aufgaben gewachsen ist, so helfen Sie un», all die Mittel zu schaffen, die nötig sind, um in gröherem Mahstabt die von uns und von ihr geforderte Arbeit zu leisten. f - I Briese an den „Schild" Gefallenengedenkfeier nach 10 Jahren. An die Redaktion des „Schild- Berlin W 15. Vor mir im Gotteshaus eine stattliche Anzahl Kameraden- Frontkämpfer Männer aller Berussschichten-— Igereiste, ernste Gestalten. Wiht Ihr, datz ich vor nicht allzu langer Zeit Euch anders sah? Blitzartig werden seltsame, grausige Erinnerungen wach!- Dort! —'-der schwächliche Kaufmann — fast erdrückt von der Last seines hochgepackten Tornisters — Gasmaske umg« hängt — das Gewehr über der Schulter — so schleppt er sich in den Reihen seiner in Stellung marschierenden Kompagnie in der Glut der Sommerhitze, schweitztriesend, dahin. Aber die eiserne Disziplin, das soldatische „Mutz" läht ihn nicht „schlapp" und zum Gespött der Kameraden werden. — — — Nach kurzer Rast — bei Anbruch der Dämmerung gehts — Mann hinter Mann — in die vorderste Linie —^ durch enge Gräben — in Granatlöcher stolpernd — beim Aufleuchten feindlicher Leucht kugeln sich minutenlang zu Boden werfen — dann wieder — bei einem plötzlichen.Feuerüberfall — wie wahnsinnig — ums Leben rennend — vorwärts stürzend — zerkratzt, zerschunhen — endlich — in einem feuchten Stollen — bft Unterkunft für Wochen — todmüde sich auf die „Drahtfalle" iversend. —:- Krieg!- Alles fertig machen!-Los!! —-So ruft der junge. jüdische Lehrer — Bizefeldwebel und Stotztruppführer bei dem heutigen gewaltsamen Unternehmen. — --(Seine Mesusah — den Talisman — hat er feinem treuen Burschen als Anden ken an die Eltern — wenn er nicht wieder kommen sollte — zurückgelassen.) Ein Höllenkrach empfängt die kleine, tapfere Schar als sie von dem bombensicheren Stollen ins Freie — an die Ausbruchstelle rennt. Los!!-Mir nach!!-So stürmen sie in den zer schofsenen, feindlichen Graben, empfangen von rasendem Maschinengewehrfeuer von der gegenüberliegenden Bergkuppe. — Französische Alpenjäger — Kerls wie die Eichbäume — sind noch im Graben — wehren sich verzweifelt im erbitterten Nahkampf — sind aber doch zermürbt und der Wucht der Anstürmenden nicht gewachsen, durch die vorausgehende, mächtige Be schiehung der Artillerie, Minen und Gasgranaten — der Graben wird aufgerollt — Gefangene find gemacht und damit ist der Zweck des Unternehmens erreicht. Signalpfeife!-Zu rück!!-Vor dem Führer fällt ein lieber Kamerad, stolpernd in einen Granattrichter. — — — Auf!!-Los! -Nachsehen — Maschinengewehrkugel durch Stahlhelm und Kopf-tot!-Weiter!-Endlich, wenn auch leicht verwundet, keuchend, atemlos, im Regimentsunterstand. — Meldung! — Empfang: „Nehmen Sie eine andere, dienstliche. Haltung ein!" Zornröte im Gesicht-— will er aufbrausen -Aber nein! — Zähne zusammen! — Du bist Soldat -- — Jude — -4 Ruhe!- I i Krieg! — — — i Der Nebel zerflietzt --Traumgebilde! h-Aber altz die Kameraden, die einen leiblichen Bruder im Felde verloren" haben, hinaufgehen, um zur Ehre her Gefallenen zur Thora ausgerufen zu werden, da überkomMts mich wieder. Mir ist'», als begleiteten schattenhafte, feldgraue Gestylten die Lebenden. O. ihr Aermsten der Armen —"und doch f— ihr Märtyrer — ihr Helden — wie habt ihr im Kampsgewühl — verstümmelt - - zerrissen — verschüttet — vergiftet — euer junges, blühendes Leben freudig für die geliebte Heimat hingegeden; —..Und wie hat diese Heimat euren Opfertodhernach entiveiht — entehrt — geschmäht -r die Erinnerung an euch auszulöschen versucht! — Menschenh^tz! — Rassenhaß! -- - 18