Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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¥ Rückblicke eines „jüdischen Soldatenrates" Bon Kam. H. Abraham <M.-Gladbach). ' In den letzten Tagen hielt die gesamte Presse Europas, vielleicht sogar der Welt, Rückschau über die Ereignisse, die sich vor 10 Jahren abgespielt haben. Ein grotzer Triller uns Jude» icindlich gesinnten Presse hat diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lasten, ohne sie zu offenen oder versteckten Angriffen gegen uns zu benutzen. Teils hat sie uns die Waffe zu dem berühmten Dolchstoß in die Hand gedrückt, teils hat sie uns beschuldigt, durch aktive Betätigung wahrend der Revolutionstage zur Unterstützung der bolschewistischen Bestrebungen das Chaos gefördert zu haben. Vielleicht ist es da nicht ganz uninteressant, die objektive Wiedergabe jener 10 Jahre zurückliegenden Ereignisse zu lesen, die sich in M.-Gladbach-Rheydt abgespielt haben, und die die Gladbachrr Zeitung in ihrer Ausgabe vom 10. November 192« wiedergibt. Die Menschen vergessen bekanntlich schnell, und ganz besonders unsere Gegner sind immer gern bereit, uns Juden für alle Fälle unlautere Motive zu unterschieben. Ich freue mich daher, daß. die Gladbacher Zeitung von sich aus diese für uns so überaus wichtigen Rückblicke bringt. Bevor ich nun auf die in dem erwähnten Blatt geschilderten Borgänge näher eingehe, möchte ich einer Episode gedenken, die sich erst vor kurzer Zeit in einer nationalsozialistischen Versammlungen abspielte und s. Zt. auch in der hiesigen - Presse mit entsprechenden Kommentaren lebhaft erörtert wurde. Der Bersammlungssaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Dichte Rauchwolken hatten sich über die Massen -geballt, und gestatteten kaum wenige Meter freie Sicht. Auf der Bühne des großen Saales stand das Rednerpult und davor der lange Borstandstisch, an dessen beiden Enden je einer der Referenten des Abends saßen. Personen waren in dem Rauchnebel nicht zu erkennen. Die Redner des Abends waren jener, wegen Mißhandlung eines evangelischen Geistlichen zu trauriger Be rühmtheit gelangte Dr. Güttes und ein Herr Fischer, Neu ling auf dem Gebiet der antisemitische» HWeX G. verbreitete sich in abgedroschenen Phrasen über die Gün ther'sche Rassentheorie. Fischer hatte sich die Aufgabe gestellt, nachzuweisen, daß die Juden sich im Kriege gedrückt hatten und seine in schneidig, näselndem Offizierston gehaltene Rede gipfelte in der an die Versammlung gerichteten Frage, auf die er sich selbst die Antwort gab: „Haben Sie >emals einen Juden an der Front gesehen?" Nein! In den Schreib st üben haben sie gesessen. Inzwischen hatte ich meine Karte dem Versammlungsleiter durch einen RjF- Kameraden übergeben lasten und als F. geendet hatte, wurde ich als erster Diskussionredner aufgerufen. Ich kam am Borstandstisch vorbei, um das Rednerpult zu besteigen, da sprang F., der inzwischen am Borstandstisch Platz genommen hatte, in spontaner Freude auf, lief mir entgegen, reichte mir beide Hände und rief: „Mensch — alter Kriegskamerad — w i e komm st Du hierher?!" Der Heiterkeitserfolg dieser Szene war unbeschreiblich, wobei man berücksichtigen muh, daß mich jedes Kind hier kennt und jeder in der Versammlung schon wußte, zu welchem Zweck ich das Rednerpult besteigen wollte. Es dauerte Minuten, bis die Versammlung sich sd weit beruhigt hatte, daß ich mit meiner Rede beginnen konnte. In deren Einleitung führte ich ungefähr folgendes aus: Nachdem in dieser Versammlung kaum jemand daran zweifeln wird, wenn ich sage, daß ich Jude bin, und nachdem mein Vorredner mit so apodiktischer Bestimmtheit die Tatsache festgestellt hat. daß Juden während des Krieges nur in den Schreib stuben faßen, werden sie den Referenten nach dieser stürmischen Begrüßung, in der er mich, wie Sie alle hörten, Kriegskamerad nannte, in dem durchaus hegreiflichen Verdacht haben, er hätte während des Krieges mit mir zusammen in der Schreibstube gesessen. Zu seiner Ehrenrettung fühle ich mich verpflichtet. Sie zunächst darüber aufzuklären, daß Herr F. tatsächlich an der Front war. und sogar in meiner Batterie. Im diesem Tone fuhr ich fort Es waren billige Lorbeeren, dis ich an zenem Abend erntete. Die Versammlung verzichtete damals unter Zischen auf das Schlußwort des Versammlungsleiters und verließ vorzeitig das Lokal. Diese Episode war psychologisch insofern interessant, als sie erfreulicherweise bewies, daß nicht immet auch das Herz an solchen antisemitischen Hetzreden beteiligt ist. F. war mir im Felde stets ein lieber Kamerad und niemals habe ich auch nur die geringste antisemitische Neigung bei ihm bemerkt. Weiß der Himmel, was den armen Jungen in die Reihen dieser Gesellschaft trieb. Viesteicht der Hunger. Jedenfalls lag etwas rührend komisches in jener Situation. Und nun zu den Vorgängen des 9. November: Meine Beförderung zum Offizier war eingereicht und wurde täglich erwartet. Ich wurde deshalb von meinem Batterieführer Ende Oktober zur Einkleidung für einige Tage beurlaubt uitd kannte von diesem Urlaub damals nicht mehr zur Front zurückkehren. . —■=- Am Abend des 9. November kam ich auf dem Bahnhofs M. Gladbach, von Elberfeld kommend, an. Kurz vor der Sperre traten etwa 6 junge Burschen mit roten Kokarden an ihren Mützen, das Gewehr mit nach unten gerichtetem Lauf umgehüngt, auf einen vor mir gehenden, noch sehr jungen Leutnant zu. rissen ihm die Achselstücke herunter, nahmen ihm die Waffen ab und brachen seinen schönen Urlaubsdegen mitten durch. Das Kindergesicht des Leutnants wurdsleichenblaß und ließ mich blitzartig daran denken, daß so etwa ein Knabe aussehen müßte, dem man ohne Grund sein schönstes Spielzeug zerbricht. Danach kamen die Jünglinge zu mir. Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück und fragte: „Was wollt ihr." Ein Schnösel van mindestens 18 Jahren fuhr mich barsch an: ».Waffen her, Achselklappen herunter, E. K. weg." Damit griff er nach meinem E. K. I., um die Durchführung seines „Befehls" zu beschleunigen. Ein Faustschlag mitten ins Gesicht ließ ihn bis zur gegenüberliegenden Wand zurücktaumeln, während ich gleichzeitig meinen Browning aus der Lederhülle riß und dem Gesindel zurief, daß ich jeden erschieße, der es wagt, mich zu berühren. Damit schritt ich unangefochten durch die Sperre dem Ausgang zu. Einige Matrosen, Riesenkerls, und einige Landstürmer älteren Jahrgangs hatten die Szene beobachtet. Sie .hatten, > wie ich, erkannt, daß diesen Burschen die Revolution weniger politisches Ereignis war, als vielmehr eine günstige Gelegenheit Verlegung von Kriegergräbern Der preußische Minister des Innern hat in einem Rund, erlaß die Nachgeordneten Behörden ersucht, bei Einreichung von Anträgen auf Genehmigung der Verlegung von Kriegergräber» gemäß § 4 des Reichsgesetzes vom 29. Dezember 1922 grundsätzlich von Vorschlägen aus Vereinigung der sterblichen lieber reste von mehreren in Einzelgräbern bestatteten Soldaten in einem Sarg, sowie auf Zusammenlegung in Sammelgräbern als nicht dem Sinne des genannten Gesetzes Entsprechend abzusehen. Im Hinblick auf etwaige Anfragen von Hinterbliebenen oder von Fremdstaaten und besonders aus Gründen der Gegen feitigkeit bezeichnet es der Minister, dem Amtlichen Preußischen Pressedienst zufolge, vielmehr als dringend erwünscht, daß die in Einzelgräbern Bestatteten erforderlichenfalls auch wieder in solche Einzelgräber umgebettet werden. _ ihre kindische Put an bisherigen Vorgesetzten auszulassen und Handlungen zu begehen, die sie im gewöhnlichen ^Leben mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gebracht hätten.. Diese Matrosen und Landstürmer kamen mir nach und einer sprach mich an. Ich hätte Recht gehabt, daß ich dem Bengel eine runtergehauen hätte. Das wären meist Leute, die man heute aus den Gefängnissen befreit hätte. Inzwischen waren wir am Ausgang des Bahnhofs. Auf dem davorliegenden Platz formierte sich gerade ein Zug der übelsten Gestalten, die sich mit brennenden Fackeln ausgerüstet hatten. Bor dem Zug fuchtelte ein verwegen aussehender Kerl, angetan mit Zivilhosen. Unteroffiziersrock, Offiziersmütze und einem dicken Wollschal um den Hals mit einem Offiziersdegen wild in der Luft herum und brüllte: „Ich bin der Soldatenrat. alles hört auf mein Kommando. Wenn ich sage: Sturm! — dann jeht et op de Hüser."*) Einer der Matrosen erklärte mir, daß man den Kerl mit dem Ofsiziersdegen heute aus dem Untersuchungsgefängnis defreit hätte. Wenn sich keiner fände, der diesem schiveren Jungen das Handwerk legte, könnte Gladbach heute noch was erleben. Inzwischen hatte sich ein Zivilist zu unserer Gruppe gesellt. Aus unserem Gespräch hatte er entnommen, das wir mit den Vorgängen da draußen nicht ganz einverstanden wären. Er sei Kriminalbeamter, flüsterte er mir zu, und steckte mir einen Zettel in die Hand, auf dem die Namen aller derjenigen Personen und Firmen bezeichnet waren, für die man in dem sich formierenden Zug die Parole zur Plünderung ausgegeben hatte. In erster Linie waren es Namen der hier ansässigen Ofsizitre, denen im hiesigen Bezirk Landsturmbataillone oder dergl. unterstellt waren, und die sich durch allzustrenge Zucht mißliebig gemacht hatten. Außerdem sollten natürlich die größeren Geschäfte mit dem Besuch der Herrschaften beehrt werden. Ein Landstürmer meinte, es müsse doch irgendeine Möglich- ") Niederrhein. Platt: dann geht e> auf die Häuser a i