Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 45 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 „Der Rest des Abends wurde mit der Prüfung der statistischen Berechnungen vollbracht, die man mir gegeben, um mich bei der Veriheilung der Summen zu leiten, die ich wohlthätigen Zwecken gewidmet batte. „Während des Morgens dieses Tages hatte man mich gebeten, den Wittwen und Waisen derj-migen, die unter dem tödtlichen Schlage der Cholera gefallen waren, einige Geldunterstüyung zu gewähren; jeder Fall war sorgfältig untersucht worden und die Einzelheiten niedergeschrieben. „Wie tief das Gefühl der Barmherzigkeit in die Herzen unserer armen Glaubensgenossen im h. Lande gegen einander eingepflanzt ist, wurde schon oft bemerkt, aber ein besonders deutliches Zeugniß hierfür ward uns im Laufe dieses Morgens gewährt, und ich kann mich nicht enthalten,' ein oder zwei Beispiele anzufübren. - „Zwei junge Waisen traten in das Zimmer, ihr gefälliges und gesundes Aussehen erregte meine Aufmerksamkeit. „Wer beaufsichtigt euch? und wo wohnt ihr?" frug ich sie. Sie antworteten: „Wir sind unter dem Schutze und in der Behausung von Jakob Aaron falscher.". Ich forschte nach wer er sei, indem ich annahm, daß er ein wohlhabender Mann wäre, aber man unterrichtete mich , daß er ganz im Gegentheil wirklich sehr arm, daß sein Geschäft eines Tünchers nur zur Paflabzeit .gewinnbringend, sei. wo jeder Jude sxine Wohnung gänzlich reinigen und tünchen läßt, aber daß während des Restes des Jahres-nur wenig für ihn zu thun fti.1 Da ich begierig war, den wohlthätigen Mann zu sehen, schickte ich nach ihm. Er kam, und sein Aussehn war trotz seiner Ärmuth nicht im mindesten gedrückt; im Gegentbeil, er fchien heiter und glücklich, und als ob er hinlängliche Mittel besitze. Schluß folgte Kuriosum. Oictttt ist Silber, Srbweigen ist Gold.' Tie österr. Bl. erzählen — was Wahres daran ist, wissen wir nicht — Folgendes: „Man schreibt den „Brünner Neuigkeiten" vom Lande: In Pohrliy verbreitete sich während der preußischen Invasion eines Tages die Nachricht, König Wilhelm werde hier durchfahren und einen kurzen Aufenthalt daselbst nehmen. Christen- und Judengemeinden faßten bei dieser Nachricht den Entschluß, durch ihre Repräsentanten — durch den Vorsteher und Seelsorger — dem König in einer Audienz die Drangsale und Leiden dieses Ortes darzustellen und um Abhilfe und fernere Schonung zu flehen. Doch wer sollte nun die Rede halten? Da machte nun der Rabbiner dem Herrn Pfarrer den weisen Vorschlag. „es möge jeder von ihnen die Hälfte reden". Darauf konnte doch der Herr Pfarrer unmöglich eingehen: „Entweder," sagte er, „rede ich und Sie schweigen; oder Sie gehen mit Ihrem Bürgermeister separat zur Audienz, und dann können Sie reden was und wie lange Sie wollen, nur gebe ich Ihnen den Rath, wenn Sie schon durchaus reden wollen, dann reden Sie kurz und bündig, sonst wird' die Sache noch ärger." Nach längerer Debatte ^über diesen Gegenstand wurde man endlich einig, daß der»Herr Pfarrer allein eine kurze Ansprache an Se. Majestät halten solle, und alle Uebrigen sich stillschweigend verhalten mögen. Kaum war der König angekommen und im Gasthause abgestiegen, begaben sich die erwähnten Repräsentanten beider Gemeinden sogleich dahin und baten um eine Audienz. Dieselbe konnte ihnen wegendes zu kurzen Aufenthaltes Sr. Majestät nicht gewährt werden, doch wurde ihnen bedeutet, sie mögen an der Stiege warten, bis der König herabkommen werde, und dann mögen sic in Kürze ihre Wünsche Sr. Majestät vortragen. Als nun nach Verlaus von ungefähr einer halben Stunde der König herabkam, sprach der Pfarrer einige Worte zu Sr. Majestät, sich und seine Gemeinde — die so vieles Opfer schon für die preußische Armee gebracht habe höchst dessen Schutze empfehlend. Darauf entgegnete der König: Es freue ihn, daß seine Truppen hier so gut ausgenommen und verpflegt wurden, und spreche er ihnen hiefür seinen Dank aus. Nun konnte sich aber der gute Rabbiner, wie er den König so mild und freundlich sah, nicht mehr länger des Schweigens enthalten. Er begann eine salbungsvolle begeisterte Rede an Se. Majestät zu halten, in welcher er darzustellen sich bemühte, wie die löbliche Judengemeinde bereits Alles hergegeben habe zur Befriedigung der königlich preußischen Armee, wie sie nun nackt dastehen,- und selber nichts mehr besäßen, und zu Bettlern geworden seien, u. s. w. Das mußte dem König, der nicht gern zweimal von den Lasten der Oocupatton hören mochte, doch zu viel geworden sein, und er gab voll Unwillen seine bei solchen Gelegenheiten stereotype Antwort: „Ja, hören Sie mal, das sagen Sie Ihrem Kaiser, und nicht mir, denn er allein ist Schuld an diesem Kriege und nicht i ch." Sprach's und drehte sich rasch um und setzte seine Reise fort. Die Judengemeinde flüsterte sich leise zu: Reden ist Silber rc. rc. Allgemeine Zeitung des Iudentbume. No. 44. 1866. Inhalt: Leitende Artikel: Die Perilienen. — Beitrag zu der Lehre über die Bedeutung der gesetzlich anerkannten Feiertage der Juden im vrozgsuali'chen Verfahren inPreußen.-- Ueber religiöses Denken und Wissen II. Zeitungsnachrichren: Deutschland: Crefelk, Memel, Köln,Essen. Oesterreichischer kaiferstaat: Aus Galizien. Len der Tbeiß, Prag. Italien- Ferrara. Belgien: Brüfiel, D o na ufürst enthiim er: Bukarest. Amerika: Aus Nordamerika. Per sien: Teheran. DL" Zu bezieben durch jedes Postamt und jede Buchhandlung Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich X Thal». Verantwortlicher Redacreir Dr. H. trotze Bering v?r BaumgLriner'» vuchbandlrnz in veio^ig. — Druck von ®. cfing in errvtlg