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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 32 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
32 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I Jüdisches Bolksblatt. Zur r l p tj r u a u unft Aut er Haftung nut jüftischem Hebiete. Herau-gegeben von Rabbiner 1)r. Ludwig Philippsoll in Bonn. s/ \m. 32. 186«.] ><lr diel» ^enildnu triännt wocdenllitd rin« Mummet. Pr«»« de« Jade» ,iani)< 1 Idle, ityneljabus 7 \i 4t«r. rille »'uAbaublu*««#. Pollim»« unk .■4t'tung««rve6itiPB(B nehmen Pe-e0nn«e» an. [13. Jahrg, 3. tißtmrtal. Gespräche. (Zorrsrtzuug.) Nachdem Eduard geendet. erhob sich Ernst, um ihm zu antworten. „Wir haben Deinen Zweifeln, lieber Eduard, Mit Aufmerksamkeit zugehört. Du erwartest aber gewiß nicht, daß wir ihnen völlige Beistimmung geben. Denn da Du selbst sagst, daß sie demungeachtet Deinen Glauben nicht erschüttern, Deinen Glauben aber nicht als einen blinden Autoritätsglauben bezeichnest, hiebst Du zu, daß in ihnen wohl mancherlei Berechtigtes, durchaus aber nicht das Richtige liegt. Laß mich daher aussprechen, was ich dagegen einzuwenden hätte:- Vor Allem drängt es mich, darauf aufmerksam zu machen, welch eine Inkonsequenz wir in Folgendem begehen. Wir können uns zahlreiche Erscheinungen in der 9tatur nicht erklären. Genau genommen, vermögen wir das Wesen keiner Naturerscheinung zu bestimmen; wir begnügen uns nur, die Ursachen durch Beobachtung sestzustellen, als deren Wirkung eine Erscheinung zu betrachten. Oft vermögen wir auch dieses nicht. Demungeachtet stehen wir nicht an. alle Vorgänge in der 'Natur ohne Ausnahme für bestimmten göttlichen Gesetzen unterworfen und als aus diesen hervorgegangen zu erklären. Ja, in früheren Zeiten, wo man in der Kcnntniß der 'Natur noch sehr weit hinter uns zurück war. nahnien alle denkenden Menschen dasselbe an. Wie kommt cs nun. daß wir in det sittlichen Weltordnung nicht ebenso verfahren, und sobald wir uns Erscheinungen und Vorgänge im Leben der Menschen und Völker nicht erklären können, sobald sie mrs-nicht in völliger Uebereinstimmung mit den Grundgedanken der göttlichen Vorsehung und Vergeltung dünken, Zweitel zulasten, ob diese überhaupt vorhanden sind, ob also eine sittliche Weltordnung bestehe'? Ich meine, solches Verfahren zeugt von geringer Konsequenz. Wir haben bereits in der Natur so viel von den in ihr waltenden Gesetzen beobachtet, daß wir uns berechtigt glauben, so gering auch noch der Kreis unsrer Naturforschung ist, anzunehmen, daß nichts in der Natur vorhanden ist und vorgeht, was nicht aus diesen Gesetzen derselben erfließt. Nun glaube ich, daß wir auch voü der sittlichen Weltordnung im Leben und in der Geschichte bereits so viel gewahrt und erfahren haben, daß wir sie nicht bezweifeln dürfen, lvenn uns auch noch so viele Borkdmmniste von unsrem beschränkten Gesichtskreise aus in ihren Ursachen und Wirkungen nicht erklärlich sind. Auch hier dürfen wir eine vollkommene Durchsichtigkeit ebenso wenig verlangen, wie der Mensch jemals die Einsicht und das Verständniß aller Naturerscheinungen erlangen wird." „Abgesehen hiervon machst du Dich, wie es mir scheint, eines Widerspruches darin schuldig, daß Du, und zwar mit Recht, jene alte strenge Theorie von der göttlichen Gerechtigkeit verwirfst, welche in jedem Unglück die bestimmte Strafe für eine bestimmte Sünde, in jedem Glück einen Lohn für eine gute Thal erblickte, dennoch aber * die göttliche Vergeltung nur auf demselben Gebiete, auf welchem die Thar liegt, zulasten willst, und z. B. in dem " Familienglücke nicht eine Compensation für anderweitiges Mißgeschick gestatten mögest. Aber die sittliche Sphäre des Menschengeistes ist doch nur ein Ganzes, bas wir nicht nach irgend einem Schema in scharf abgegrenzte Gebiete theilen dürfen. Die Wolken, welche den Himmel überziehen, verdecken den Mond, wie die Sterne, und wenn sie auch bald jenen, bald einige von diesen durchschimmern lasten, so beschränken sie sich doch nicht auf diese oder jenen, sondern ziehen am Himmel dahin, von demselben Winde getragen. Die einzelnen Lebenserscheinungen wachsen immer aus einer und derselben Wurzel hervor, und biefe Wurzel ist es, die getroffen ist, wenn die ganze Pflanze abstirbt. Nicht darauf kommt es an, ob diese- oder jenes Blatt, diese oder jene Blüthe, dieser oder jener Zweig verdorrt. Wollen wir über die göttliche Vergeltung eine Vorstellung oder ein Urtheil erlangen, .so muffen wir die ganze Wurzel des sittlichen Lebens eines Menschen oder eines Volkes betrachten. Oder glaubst Du z. B. daß ein Mensch eine andere seelische Unterlage für sein Familien- und für sein politisches Leben hat? daß nicht dieselben AffeZ^ dieselbe Seelenrichtung diesem und jenem zu Grunde liegt? oder daß er in dem einen höchst pflichtgetreu, in dem andern pflichtwidrig, dort warm und zart fühlend, hier kalt und herzlos sein wird? Warum sollte nun nicht die Befriedigung im Familienleben für sein politisches Mißgeschick die Vergeltung sein? Wenn wir Juden im Mittelalter für unsere Glaubenstreue grausam verfolgt wurden, warum sollten unsere Väter nicht ihre volle Vergeltung in ihrem köstlichen, von der Religion durchhauchten und durchgeistigten Familienleben finren,. da doch offenbar diese Innigkeit für die Religion und für die Familie aus einer Wurzel des Gemüthslebens entsprang?" »Ich sagte zuvor, daß wir genug von der sittlichen Weltordnung erfahren haben, um daraus einen Schluß auch auf das zu'ziehen, was uns weniger verständlich

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