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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 24 (1866) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
24 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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96 einlm mildeten Nachfolger, der seine goldene Freundschaft nicht entbehren konnte, wiederum zurückzukehren — ein Schauspiel, daS sich mir wenigen Abweichungen das ganze Mittelalter hindurch wiederholte. Kaiser Karl der Große war den Juden zwar-günstiger, gesinnt alS alle seine Äorfadren im fränkischen Reich, aber j sein Sohn,,der fromme Ludwig, üdertraf ihn gleichwohl! noch an feiner Aufmerksamkeit und zartem Wohwollen für dir orientalischen Gäste. Ein eigener Iudenmeister (magislcr Judasorum) wachte über ihre Privilegien. Ihnen zuliebe wurden die Wochenmarkte vom Samstag auf den Sonntag verlegt. Bon der Teißelstcafe, von den Gotte»- urtheilen mit Feuer und Waffrr sollten sie entbunden sein. Auch alS Steuerpächter aufzutreten ward ihnen freig,stellt. Sir handelten damals nicht ungern mit heidnischen Sklaven, wie eS später b:e christlichen Seefahrer auch gethun, und der fromme Kaiser gab ihnen ein eigenes Patent für diesen Verkehr. Selbst manch christliches Mancipium scheint durch ihre Hand gegangen zu sein, obgleich gegen solchen Brauch die Päpste billig eiferten.. Frau Judith, die schön« Kaiserin/ dtS frommen Ludwigs Gemahlin, auch sie zeigte, vielleicht aus Rücksicht auf ihre NamenSpalronin, eine wunderliche und vielde- 'prochrne Vorliebe für daS auSerwckhlte Volt deS Herrn. Die Abstammung von Abraham und Isaak — weit üb(t; sechzehn Ahnen hinaus — schien ihrem altadeligen Geolüte besonder» zu imponiren. Die Karlingischen Geheim- -rätbe-lasen — e» ist ausdrücklich gesagt — viel lieber in JosepduS uvch Philo als in LacramiuS und Tertullian. Die Palastdamen ließen sich von alten ehrwürdigen Juden gern, den Segen geben und Gebete sprechen, schenkten auch deren Frauen die prachtvollsten Gewänder dafür, was damals gerade so viel bedeutete, alS jetzt, wenn man sich inS Album schreibt oder -Pdorograpbien wechselt. Man tafelte , und bankettirte zusammen wie in der gutcn alten Zeit, und es scheint ein sehr reger Ideenaustausch statlgefunden zu haben. Manch« Christen beobachteten, um nicht irre zu gehen, außer dem Sonntag auch die Saddalkfeiec, und ’ fanden dir rednerischen Vorträge in brr Synagoge oft fesselnder al» die des OrtspfarrerS in der Kirche. Oer ludenfreundliche Scandal ward endlich so groß, daß der ' Bischof Agodard von Lvon mehrere Broschürchrn dagegen schreiben mußte. Allmählich und. langsam schlossen sich andere hohe Würdenträger der Kirche seinen Bestrebungen an. AlS eS nach und nach gelungen war auch bas Volk auf diese Seit« zu ziehen, bildet, sich aber so manche' wunderliche Sitte auS. Au-BezicreS z B. in Süsfrank^ reich bestieg der Bischof am Palmsonntag nach altem Brauch . di« Kanzel und forderte Christen feierlich aus für die Kreuzigung des Heilands an den.Juden /Rache 'zu nehmen. Hierauf pflegte sich da» gläubige Volk mit Steinen zu < bewaffnen und die Hauser der Hebräer zu belagern. Es war aber ritterlich genug.den Enkeln Josua'S ein gleiches Rrchtzu vergönnen, so baß diese nicht minder mit Steinen her, "«uSwerfen und sich verlheidigen durften. So ging daS Kampfspiel mehrere Tage durch die ganze Stadk,*hint«rließ Wun-, den und Leichen, aber man hielt eS nach dem Geiste der Aett für ein schönes religiöses Volksfest und gab ihm weiter keine Folgen. Erst im Jahr 1160—alS die Juden 200 Solrdi erlegt und jährlich am Palmsonntag vier Pfund Silber für Kirchenparamenle zu zahlen sich verpflichtet Hanen, erließ ihnen der Bischof illum irnpetuiu et iosultum et lapid uionis bellum, quod jure vel injuria niore solilo solebant Chrisliani adveraus Judaeos hujus villn» facere etc.') Weniger blutig, aber nicht so ehrenvoll, war das Cere» monieff, welches alle Jahre in der allen und großen Stadt Toulouse begangen wurde. Dort mußte nämlich der Vorsteher der israelitischen CulruSgemeinde am Charfreitag vor den Pforten der Kathedrale erscheinen, um vost dem Grafen eine solenne Ohrfeige entgegenzunehmrn. Die edlen Herren von Toulouse hatten aver selbst in jener dunkeln Aeit doch so viel Instinkt für Nationalökonomie, daß sie zuletzt oieseS tobte Capital in eine Grldlerstung umwandeln ließen. (Eine ähnliche Ceremome wird noch heutiges Tag» zu Rom am Cyarfr^icag abgrhalken.) Nach der Aeit der Karolinger lebte „daS Geschlecht der Gerechten" in Deutschland still und ordentlich dahin. Seine Beliedlyeit in den höchsten Kreisen halte'sich zwar verloren, doch hört man nicht viel über Bedrückungen klagen. Di« erste Judenverfolgung in Deutschland brach nicht früher, aus als unter Heinrich dem Heiligen (IVI2); vielleicht war die Ursache, daß rin Hofraplan mir Namen Wecelinu» »um MosaiSmuS übergetrelea war. Au gleicher Aeit wird von einer andern im Morgenland unter den Mohammedanern berichtet. Die deutschen Juden wurden gequält, weil sie nicht an Christus und die Heiligen, die worgenländischen, weil sie nicht an Mohammed glauben mochten. Wenn einer damals verlangte, bei dem Glauben .seiner Väter verbleiben zu dürfen, so schien bieß den Christen wie den Heiden eine BvSheir ohne gleichen. Die menschliche Lehre der Toleranz har erst daS „Aufkläricht" unsrer Tage aus dem liefen Brunnen heraufgeholt, in dem ne Jahrhunderte hindurch verborgen lag. Die christlichen Barbaren, der damaligen Zeit schwärmten alle für GlaudrnSeinheit. (Forts, folgt.) — „jenen ebrenrübrigen Angriff und Steinigungskrieg, den mit Recht orer Unrecht dir Christen in gewohnter Weife gegen die Afften der -stabt;u unternehmen pflegten." Allgemeine Zeitung bes Audeulhums. No. 23. Anhalt: Leitende L rtikel: Der jirieg und seine Folgen. — Literarischer Wochenbericht. — ZeitullgSuachrichlen: Deutschland: Alzei. Oester, reichischer K aijersta a t: Neu - Lerbaß,"XAroß-Bec»kerek. Schweiz: Lellgnau. Fra n kr eich: Pari». Nachtrag. Cor respo nde nz: Rufs i sch e B ri e s e. IV.Die Rabbiner« frage in Rußland. Zu beziehen durch jede» Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Tbaier, vierteljährlich \ Tbaler. Verantwortlicher Redakteur vr. H. Lotze. von «»»m-artaer'« Bu»ba»dtun^ in «eip,»-. — Druck von G. »reyjing lu ceipzift. «

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