Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 19 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. 3« Belehrung und Ä^terhattung aus jüdischem HeKiele. > Herausgegriw vou Rabbiner vr. Ludwig PhiUpPfov in Bonn. rn> « A 4 ci/* ti i Woi MrtR 3dtt*tMrert»etat »aAeaüW eia« ÄunimR. Drei» des Sehr» rin « i n . , [9to. 19. 1866.] ----- ■ »£, SSÄSrcti"’1"*'“ t13* 2. Quartal. * Die Londoner Juden. Au» dem Englische» de» William Gilbert von-H. Zirndorf. (Fortsetzung.) | Die getrennte und isolirte Lage der verschiedenen Synagogen ln der unabsehbaren Weltstadt machte die Unterstützung der ungeheueren Zahl von Dürftigen zu einer großen Schwierigkeit; und e« kam häuf g vor, daß der minder Würdige durch sein kecke» Aufttttm weit mehr erhielt al» ihm gebührte, wahrend der mehr zari ckhaltende schlecht wegkam. Alle Vorschläge zurBeseitigung diej k» Uedetstande» erwiesen fich als unpraktisch, bi» endlich im Jahre 1858 ein Herr Ephraim Alex, in Verbindung mit Herrn Lionel Cohen und noch einigen Herren fich de^Sache annahm. Durch sie entstand der Rath der Armenpfleger (Board ot guardiana), in welchem die verschiedenen Synagogen vertreten find, und dessen Aufgabe je« ist, den nicht ansässigen Armen zu Unterstützen, und ihn ebenso wohl vom Betteln al» vom Empfang de» städtistien Armengelbe» frrnzuhalten. Diese Armenpfleger dürfen nicht mit den nach unseren Armengefetzen wirkenden verwechselt werden. Mit Ausnahme eine» Sekretär» und eine» Arzte» dienen alle seine Funktionäre unentgeldlich. Unbezahlte Arbeit, heißt e» zwar, ist die kostspieligste von allen; die Art aber, wie diese Männer ihr Amt versehen, straft dsesen Satz Lügen. E» ist kein eitler Lobspruch, wenn wir sagen, daß >fie wenigsten» ebenso vial Intelligenz, Vorsicht und Menschenfreundlichkeit an den Tag legen, al» de» reichste Armen» pflegschaft»rath in England, der mit einem sehr gut besoldeten Beamtengefolge arbeitet. Zur schleunigen Hilfe in äußerst dringenden Fällen har der Sekretär stet» hinreichende Gelder in Händen; sonst aber wird keine Unterstützung verabreicht, bevor der Fall gehörig geprüft und darüber Bericht erstattet ist. Wir wohnten einer de^ Sitzungen bei, die alle Montage in ihrem Bureau Devonfhire» Square gehalten werden und waren von der Güte, Vorsicht und Schonung, welche da» EomitL beim Au»thelle« der Unterstützung beobachtete, auf» angenehmste berührt. Die Bittsteller befanden sich sämmtlich in einem großen Wartezimmer und wurden einzeln in da» Berathungszimmer gerufen. Alle hatten im Lauf der Woche die nöthige Anzeige gemacht, ihre Fälle waren bereit» geprüft und ein kurzer Bericht darüber lag vor dem Präsidenten. Die erste Bittstellerin war ein arme» Weib mit mehreren Kindern. Ihre Leidensgeschichte war bald erzählt und zulässig befunden. Sie erhi lt eine Karte, lau» tend auf mehrere Laibe Brod und eine Quantität Fleisch! zum Unterhalt für die folgende Woche. Die Zweite war edenfall» eine Frau, in Lumpen und shr schmutzig. Eie war eine Deutsche und verstand kein 2 iort englisch. Der Sekretär, Herr Löwenthal, wie e» ifeien, ein tüchtiger Sprachkenner, diente al» Dollmetscher Auch ihre Ge» schichte war'sehr traurig; bade! fragte sie dir Präsiden?, da er ihr die Brvdkarre reichte, war >m sie so schmutzig wäre. Ihr Bescheid war, daß sie in der Spelunke, wo sie wohne, keine Gelegenheit habe, für Reinlichkeit zu sorgen. „Hier ist eine Karte zu den L 'deru und Waschhäusern, sagte er; sehen Sie darauf, nä hsteu Montag reinlich zu erscheinen, »der Sie werben nil)t» mehr von uns erhallen." , Der folgende Bewerber war ein Mann, auf dessen Zügen Hunger und Entbehrung geschriei en standen. Seine Erzählung war kurz und bündig: es war ein Audländer mit vier Kindern, ohne Arbeit und bhne Aussicht auf solche. Bei den üblichen Fragen fiel m» sofort der veränderte Ton de» Präsidenten auf. S ine frühere ArtlK keit und Güte war verschwunden und hatte einer iahen Strenge Platz gemacht. „Wo waren lue Kinder heute?" fragte er. „Sie sind bei mir z» Haufe geblieben, mein Herr." . ,Lch weiß e», und ebenso blieben sie gestern und vorgestern zu Hause. Mein Freund, e» ist wichtige daß wbr ein für allemal einander verstehen. Sendeü Sie mir morgen die Kinder zur Schule und lasser Sie sie die Woche über dort; befolgen Sie dje» nicht» so werden Sie keiuerlek Unterstützung mehr erhalten. E» giebt keine Entschuldigung; Sie wissen recht gut, baß der Schulbesuch nicht» kostet, und dennoch erlauben Sie lhne i, auf der Straße zu spielen anstatt für ihre Wohlfahrt zu sorgen. Gehen Sie jetzt, aber finden Sie sich hier nicht mehr ein, wenn Sie meine Weisung nicht beachten." Darauf erschien ein armer abgelebter Greiz von 75 Jahren^ Er war gekommen dem Vorsitzenden für da» viele Dutt zu danken, da» er im verflosienen Winter vom Comire erhalten. In seinem Benehmen war nicht» von Unterwürfigkeit zu bemerken; wahre» Dantgefühl war'» offenbar, da» ihn antrieb. Der Präsident empfing de» armen Menschen mit gewinnender Höflichkeit und ftagje ihn, ob man sonst noch etwa» für ihn rhun köatffe, „Wenn Sie so gut sein wollten, mir 5 SchMinge zu leihen, ich brnje^ i&'-lfMte jetzt leicht meinen Leben». Apterhalt fcamif verdienen."