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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 10 (1866) · p. Seite 40

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
10 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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40 iS der merkwürdige Judenhaß, der die Bewohner unsres Städtchenbeseelt, der sich mir seit meiner Kindheit fühl» dar qtiruttt, und unter welchem noch jetzt nicht zu leiben ich nicht Resignation genug besitze. Zn unsrem Städtchen wohnen n»r vier jüdische Familien, und odne Borurtheil kann ich. die Hand auf dem Herzen, sagen, daß dies, Gott sei Dank, nur durchaus brave, redliche und ihr Brod mit Anstrengung erwerbende Heute sind. Wir sind unter einander freundlich, schützen und. stützen uns, wo es irgend Noth thur. Ader diese vier Familien, find an Bildung und An» fchauung doch zu verschieden, als baß wir mit einander ein wirklich geselliges Leben füdrey könnten. Wir Juden unterscheiden uns hier in Sprache. Silke, Lebensweise von unsren christlichen Mitbürgern in nicht-, außer daß wir Sadbatd und Fest halten, und im Haus« da- Speisegefetz deodachtea—von den Männern, wenn ste draußen sind, sagt man dies letztere nicht. Dennoch hat die christliche Bevölkerung unsres Orte« eine tief« Klufd zwischen sich und uns gezogen, und duldet durchaus nicht, daß sie ausgefüllt werbe. In keine Gesellschaft werden wir zugelassen, unsre Herren selbst nicht einmal in die Schützengilde, nickt der ge» ringst« Umgang und Verkehr wird mit uns gehalten, und es tft nicht seiten, daß wrr selbst Beschimpfungen au-gesetzt sind. Der einzige schmale Steg, der über jene Kluft gelassen wird, besteht in den Ansprüchm, die mau an uns macht, wenn man gemeinnützige und wohlthätige Werke vorhat. Und in solche« Fallen haben wir die Fordernden niemals spröde empfangen, sondern stets sie willkommen geheißen, als wenn wir die besten Freunde mären. Wehe uns aber, wenn unS «in Unglück träfe! Ich spreche aus Erfahrung, wir würden eher kalten Spott . als warme» Mitgefühl finden. Nun fragt ich, woher kommt dies? Wir haben es nicht verschuldet, und geben dstsrr Gehässigkeit kein, Nahrung. Zit religiöser Fanatismus die Ursache dessen k Nein, denn es herrscht in unsrem Städtchen und ringumher, nicht einmal ein wirtlich kirchlicher Sinn. Die Gewohnheit führt die Leute Sonntags in die Kirche und wenn sie diese verlassen, haben sie sich allen religiösen Sinn aus dem Kopfe geschlagen. '..Ist es Brodneid? Auch das nickt, denn die Jude« unsres Ortes sind nicht reich; die ein, Familie ist mäßig demirrelt, zwei andere haben das Noehwenbig», die viert, ist arm. Ich Hab, daher keinen anderen Schlüssel für dieses Rärdsel, als den geheimnißvollea Drang des Menschen, Jemanden zu haben, dem er Widerwillen und Haß erzeug«, od mit Recht oder mit Unrecht. Mein« lieb, Tante bekämpfte mir dies; si, macht mir Vorwürfe und nennl es abscheulich.^ Aber kann ich mich einer solchen Meinung erwehren, Menn ich si, einmal gefaßt habe, und die Thalsach« dafür spricht- In uns Juden, ich kann es heilig verfichjern, ist trotz alledem nickt die geringste Spur von GedÜssigkeir ober nur Unfreundlichkeit vvrdanden; wir halten uns zurück und drängen uns nickt zu, aber bas geringste gefällige Entgegenkommen würbe mit Dankdarkeir Ausgenommen werben. Sie sagt, man müsse dieses Borurtheil gegen oaS al« eine, eingewurzelte Krankheit anfehen, als einen faulen Fleck mitten im frischen Leben, und von krankhaften Zuständen dürfe man keine Schlußfolgerung auf bas gesunde Dasein ziehen. Ich aber entgegne, wenn man krank ist, muss, man Heilung suchen, müsse man sich wenigstens bestreben die Krankheit zu bekämpfen. Da wir nun aus diesem Zwiespalte nicht herauskommrn, so entschloß ich mich, die Fr^ge Ihnen vorzulegen. Ich glaube, dieselbe Frage wird in manchem jungen und alten Mischen Herzen vorhanden sein, daß «ine zutreffend, Lösung Vielen erwünscht sein möchte. Nicht so. Sie lächeln nickt über mich, und noch weniger sind Sie un» gehalten, baßich Sie belästige? Unb so bin ich denn recht gespannt auf Ihre Antwort. Mit etc. Esther Kiera- Unter den Personen jüdischen Glaubens, welche durch besondere Umstände zu großem Einfluß gelangten, ist auch eine Frau obigen Namen« hervorzuhrbrn, welche eine Günstlingin der SuUanin Bassa gewesen, die als Gemahlin de« Sultans Murad IN. und als Mutter j seine» Nachfolger» Muhamed III. die Zügel der Regierung in Händen harre unb sich nur durch jene Esther beeinflussen ließ, sobaß säst nichtohne ihren Rath unb ihre Zustimmung geschah. In den Jahren von 1880—l&fM) wird sie in den/Berichten der europäischen Gesandten öfter genannt und gkht daraus hervor, wie fick diese um ihre Gunst bewarben-, um bei der türkischen Regierung etwa« zu - erreichen. Nett nxu Wittwe unb sehr reich. Ader auch jüdische Schriftsteller erwähnen ihrer als einer Mutter der Armen, Wittwen und Weisen. Bei dem großen Brand, in Konsiantinopel 1869, der fast bas ganze Jud,«quartier verzehrte, unterstützte sie ihre Glaubensgenossen auf's Reichlichst». Durch ihre Hülfe wurde der Juchosin Zakuto'S veröffentlicht. Sie erlitt aber einen schrecklichen Tod, denn fie wurde am 30 Mär; 1600 sammr ihren Söhnen bei einem Aufstand« der Sipahi'» ermordet. Allgemeine Zeituckg de« Judentbums. No. 9. 1866. Inhalt: Leirendi Artikel: Ein Brief über dje Polin! in der Gegenwart. — Mecklenburger Zustande. — Zeitungsnachrichten- Preußen-Berlin, Aachen, Ler. lin. Oesterreichifcher Saiferstaat: Pest, Gr.-BecSkerrl, Linz, Aus Lstgaliziru, Ärafau, Reichenbrrg, Au» Obrrungarn. Lfen. Nordamerika: New-Iork. S firn: Bagdad. Notizen. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 8 Thaler. vierteljährlich •/* Thalrr. Berautwonltcher:X<tactcut I>r. 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