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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 8 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
8 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt Zur Belehrung und LnterhaNung aus jüdischem HeKiele. Herausgegedeu von Rabbiner Dt' Ludwig PhNippsou in Bonn.! Mo. 8. 1866J v«» bi«fer Bdtfibctft nf6cist «S»e»rltch eis« 92unn>n. Preis de» Jahr» g«»gs r LHIr. Pieneljäbrig 7 5f Ngr- Lve Bn&fonBtangm. Poftä»rer Bub Aei«U»serpebtr»»U«B Beb»em DsOellBM»«» a». 1^13. IsprS. 1. Qmtzl Ein Bettler. (Lu» dea Memoiren eine» Lrzte», wilgetheill im Berl- Fcdbl.) Einer der ersten Kranken, die man nach dem Cholera» spiral im „goldenen Apfel" brachte, war ein alter pol» mscher Jude, eine» jener allbekannten Sudjecte, die, in «inen langen verschossenen und zerfetzten schwarzen Kaftan gekleidet, einen schmutzigen schwarzseidenen Gurt um den Leid und eine sonderbar geformte Sammtmütze mir starkem Pelzbesatz auf dem Kopfe, darunter ein schmierig,» schwär» ze»' Käppchen, mit langem Kinndart, wirrem Schnurrbart und pfroPfenjieherartig gedrehten Locken, die, drei bi» vier an der Zahl, von den Schläfen herunrerhängen, mit leben» digem, äußerst beweglichem Tpiel der Augen und Mienen, mit vorgedeugtem Haupte, gekrümmtem Rocken, krummen Knieen und in spitzem Winkel nach hinten stehenden Ell» bogen, scheu, über doch zudringlich, schüchtern und drmöthig, und doch mir einer gewissen passiven jähen Unverschämt» heit begabt, di« ganze Welt bettelnd, mit dem Kunstau»- üruck „schnorrend" durchziehen; ste sind meist Bettler von der Wiege di» zum Grade; sie betreiben diese» Geschäft gewerbsmäßig; sie verlassen ihr Vaterland Polen, um in Oesterreich, in Preußen, in Sachsen, in Frankreich, in Eng« land, ja selbst in Assen „Geld zu klauben"; ste bilden förmliche Zünfte, Kasten, vecheiratheo sich unter einander, «rziehen ihre Kinder zu demselben Berufe, kehren selten und nur aufsehr kurze Zeiten ihr Vaterland zurück, sterben noch seltener darin und sind sogar selten darin geboren. — In dem Kranken, der schwer von der Cholera befallen auf der Straße gefunden worden war, sonst hätte man ihn wohl in da» israelitisch« Hospital gebracht, erkannte ich einen hochdttagren Mann, den ich schon früher in dem chirurgischen Clinicum oft 'gesehen hatte; dort pflegte er sich «inzufindrn, um sich die nach Innen wachsenden Wim» prrhaare, die ihm bei der chronischen Augenentzünbung, woran er litt, viel Schmerzen machten, mit dem Haarzänzel» chen auSreißea zu lassen. Er erkannt« auch mich sogleich, «ine Art von Lächeln durchbrach sein angsthaft verzerrte» Choleragesicht, al» er mir tonloser Stimme mich begrüßte: „Dvctorleden, meine Krone, mein Dimant." Der Mann siößre mir Mitleiben «in. Alle Hilfsmittel der Kunst wurden zu seiner Rettung aufgedoren, doch machte die Krankheit riesige Fortschritte, und der nahe devorsteheade Ausgang war nicht zweifelhaft. Der Kranke fühlte dir« selbst^ und da er sein baldige» Ende ahnte, bar er mich, einig« Augenblicke bei ihm zu verweilen, er habe mir Wichtige» mirzutheilen. Don den Worten, di» er kaum hörbar und außerdem noch unverstänülich für mich durch seinen sonderbaren Jargon, unrerdroch«» von laugen Pausen, vorbrachte, konnte ich einigermaßen deutlich nur etwa» Weniges: „mein Camisvl — auf der Brust — Brief an Herfchleden — Dziadkowo, Kromolow — Vetter Scham» sche — fünfzig Thal» Geld", »erstehen; er endete mit den bekannten Schmeichelworren, und narren in der Phrase: „hundert Jahre sollen Sie leben", verrel er in so heftige Krämpfe, daß er keinen articulirrea Lar r mehr hören lassen konnte. Ich verließ ihn nun nicht mehr. Ich fühlte, wie seine Puls« aufhörten zu schlagen, wie di, Athemjüge schwächer, mühsamer. auSsetzend,r wurd a, wie mir schwerem Rasseln die Brust sich hob und senkte, wie Ohren. Nase, 'Finger, und Zedenipitzea marmorkalt und gefühllos wurden, wie eia kalter fließender Schweiß den Körper überströmre; ich sah, wie die Ras« sich zuspitzte, die Backenknochen her» vorteaten, die Wange« in riefe Gruben «iosielen, die Lip» pen, umspielt von einem gräßlichen 8. cheln, sich von den Zähnen zurückzogen, wie die Augen i nter den gelähmten Augenlidern seelenlos, gleichgiltig gej en den .Lichtstrahl, matten. bestaubten Glaskugeln ähnelt a; ich. sah endlich nach einem letzten; langen, hohlen 2 ushauch die Brust starr und unbeweglich liegen. Der Herzschlag war er» loschen, Auge und Gesicht, worin sich bisher immer »och ein Fünkchn» von Bewegung, von Lebe i, von Seele gezecht hatte, ruhig und starr. Man meldet« den Tod de» alten Bettler» seiner Religion» »Genossenschafr. Al» Leute «! schienen, um seine Lerche in Empfang zu nehmen, erin »erre ich mich ve» Aufträge», den er mir mitgetheilt hart; er hatte mit de, sonder,m Eifer auf die Brust gebe» et und von einem Camisol gesprochen. Man fand ein a mifol-ähnliche» Klei» duugsstück au» altem Rankip unter de n Hemde auf seiner Brust. Auf dem Brusttheil diese» n orschra und fast in Stück« zerfallenden Camisol» gewahrte man «ine Art von mit grobem Zwirn zusammeogenähter Tasche; darin befand sich ein Papier mit der Aufschrift „Da, ist für mein Hersch, leben", geschrieben in jüdischen Cbara rerea. Roch zwölf ganz ähnliche Papiere mir derselden kufschrif» und sonst ganz leer fochten der obersten Papi«! hülse; endlich zeigte sich ein Fünfzig-Thaker, Schein und ein Brief mit der Adresse: „Das ist für weinen Enkelsoon Herrsch«! Mohr» besser in Dziadkowo bei Kromolow im Königreich Polen." Den Inhalt de» Briefe», o,r schon 10 Jahre aU warj, gebe ich hier au« dem polnisch-jüdischen Idiom in» Deutsche übersetzt wieder:

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