Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 39 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur •Belefjruiuv und Hnterönft'iirtfl auf jüftlfiflem Gebiete. HerauSgegeben von! Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn.! rAI nA . n/l. . |<oe kieler ZeillSrii, cHArinl trMratIi6 ein» Wuwwct. Viril des Dabr» Pji\ . n . , - Mo. 39. 18«5.] 2. L-Krz. 3. <>unrialO Zum Abend des Versöhimiigstages Eine Betrachtung. Wanderer, Pilger der Erde, wo gehest Du, daß Du in dieser Stunde, in dieser Nacht, an diesem Tag« stille stehst mitten auf deinem Wege? Was frägsi Du mich? Ich gehe auf dem Wege des Lebens, 8-vn Vna WaS frägst Du mich? Schau mir >n's Angesicht, blickt nicht das Leben Dir daraus entgegen? Ich sehe mich um. Allerdings erblicke ich blühende Wangen der fröhlichen Jugend — wie ,S feurig aus den Augen blitzt — ernste Angesichter der Männer und Krauen; manche trotzig in Kraft, manche verhärmt und vergrämt — und bann die gefurchten Antlitze der Greise, wo Erfahrung, Besonnenheit, Ruh, längst den Glanz der Augen abgedämpft haben. Alle leben. Aber wissrn wir nicht: Manches lebt und ist doch längst tobt; wie Manches tobt scheint und doch lebet. Nicht dieTünche und nicht der Schein deS Lebens sind da«Leben, und nur waS ganz verwest und zersetzt ist, ist sicher redt. Ruft uns das Wort des Propheten nicht zu (Jirm 21, 8): „Zu diesem Volke sprich: Also spricht der Ewige: siehe, ich lege euch vor den Weg deS'Lebens und den Weg des Todes!" Also laufen diese beiden dicht neben einander, wir können lebend jeden derselben beschreiten; Viele vermeinen auf jenem zu wandeln, während sie schon weit aus auf dem letzteren sind. Nicht so? ft» stehet Ihr in dieser Stund«, in dieser Nacht, an diesem Tag» still, um zu erkunden, auf welchem Wege Ihr Euch befindet, auf dem de- Lebens oder des Todes? wohin von beiden Ihr Eure Schritte gelenkt habet? Wohlan, wir wollen es mit einander erwägen. Zu Dir aber, Herr und Urquell des Lebens, rufen wir das all« Psalmenwort; v"n m« ':mn „Thue mir kund den Pfad des Lebens" (Ps. 16. 11.) y^s3 ■'prn nn« -s D"nn „denn Du bist mein Theil im Lande des Lebens" <Ps. 142. 6.) I. Was ist Leben? Verschiedene Auffassung. Di« Einen vermeinen: leben heißt vavo DT' ->2i „jeden Tag sein tägliches," Tag nach Tag thun was wir müssen, was einmal unser Werk ist, Tag nach Tag erwerbm und verzehren — und wie viele priesen sich glücklich, wenn sie das vermöchten ohne allzugroße Mühsal! — Tag für Tag onheden und vollbringen Dasselbige und so den Kaden drS Lebens adspinnen — deren ist eine große Zahl. — Ader ein anderer Theil: nb*|eb D’TI nv» „Dfr Weg des Lebens geht aufwärts" (Hpr. 15, 11.). ihnen i heißt leben in die Höhe streben, immer jgrößer und größer werdend nur nicht stille stehen,nur die erreichte Stufe zum Grunde! einer höhrrn machen. Ader was! heißt r»b*öb „aufwärts?" Wieder verschieden. Die Einen I wollen immer reicher oder geehrter oder mächtiger werdsn. oder aller drei zusammen, das ist ihnen Leben und Äeg des Lebens, imjner inehr erlangen her Fülle, immer höher steigen tn Ehr' un« Wür5e, im« wer mehr Glanz, Ansehn, Macht, das allein ist ihnen des Lebens Werth, des Lebens Inhalt — und diesen gegenüoer eine kleine Schaar, deücn „aufwärts" heißt: immer edler, immer liebevoller, immer grttgefälligrr, immer meh an Erkennr» niß, an Einsicht, ar Weisheit und Wissrn gewinnen. Immer mehr die Wshcheijk erkennen, immer mehr Liebe in» Herz bekommen, iiumer mehr Lugend uni Aufopferung in brr Thar! — Und wer von allen diesn hat Recht? Kann Eines ohne iaS Ander« fein? Wer einerseits will sich dem Gleichmaß der Tage entziehen, d,m Rundgang des täglichen, worauf uns das Bebürfniß anweist? Ja wem andrerseits ledi nicht das Streben nach Weiterm, und wenn er noch so genügsam ist? Wer (Ämnt nicht endlich dennoch den Werth des Geistes und seiner Größe, der Religion, b,k!'Tugendhaftigkeit an-, und wär' er im Hegentheil noch ,si befangen? . . Such n wir daher toeiter. Was nennen to t leben, von wem sagen ivir: „es lebt"" itn Kreise derNavu«? Da§, in welchem jede, einzelne Theil seine ihm bestimmt Function, sein ihm bestimmtes Geschäft vollzieht^ und alle Theil« zusammen in ihrer Einheit, rind was aus sich selbst bas Zukünftige, da. Nachfolgende," ein neue-Geschlecht bereiter. Wenn das Ai ge nickt sieht. s!o ist diese» tobt, venn der Fuß nicht schieitqt, ist dieser lobt, und wenn >ie Organe nicht zusan meawirken in ihrer Gefammrheit, so har der Tob sein Werk der Zerstörung am Ganze« vollbracht. So schass tt auch, damit die Gattung unstert lich sei, alles Lebendige ein neues Geschlecht, sich zur Seite und Nachfolge, u» > nur da-Leblose bleibet im stn favg feiner M».,se für sich bestehend. Pöohl! auch der! Mensch lebt nur, insofern und insoweit 4c thut und. erfüll , wozu er dürfen. »»zu er geeignet »nd befähigt wvffbin,! und indem er aus seinem jetzigen Leben den Faden «tju» neuen, eines höherr, eines ewigen Lebens herausspimtt und entwickelt. Dies ist die einfache Antwort. D« gehst auf dem Wege des Le »ens, wenn Du thust, was Du sollst, wenn Du ganz rhrst, wenn Du Mit aller Kraft strebest zu thun. wozu Du geschaffen und