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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 14 (1865) · p. Seite 56

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
14 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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Der Hausmeister und die Judenfamilie lebten seit langer Zeit nicht auf dem besten Fuße mit einander, doch der Hausherr konnte sich nicht entschließen, einem Juden die Wohnung zu kündigen, der den vier Schutzpatronen.jedes HauSherrn mit strenger Pünktlichkeit seinen Tribut zahlte, — so sehr auch oer Hausmeister dem frommen Hausherrn in den Ohren lag, die Glauben-einheit dieses Hauses zu wahren. Da sollte der Friede, jenes HaufeS durch eigen» thümliche Ereignisse in seinen Grundfesten erschüttert wer« den. Ein.Limmerherr" hatte.sich bei der Judenfamilie eingenistet, welcher alS Candidat des jüdischen DordeteramteS Tag und Nacht melodisch« bedungen in jüdisch»r«ligiösec Vortragsweise anstellte. Diesem unermüdet eifrigen Jünglinge galt der Sadbath nichts, und noch wen^er der Sonntag, indem er ineinemfort jene wehmürhigen Gesänge intonirre, deren Ursprung schon aus der Zeit batikt, da die Juden „an den Strömen Babels saßen und weinten". Man denke sich den Seelenschmerz des frommen Herrn H., in seinen SonnragS-Betrachlungen plötzlich durch die Klagerufe eines Rabbi Jehuda den Halev.i gestört zu sehen. Erbitterte Zwistigkeiten waren die Folge. Der häusliche Krieg war aufs heftigste entbrannt; da geschah rS «meS TageS, baß, als Herr Simon, der Dorbettzr-Canbirat, Morgens aus dem Bechause nach Haus« kam, er auf der Trepp, ein Beutelchen verlor, in welchem sich seine Gebetriemen (Tefiiim) befanden. Herr Simon bemerkte anfangs feinen Verlust nicht; als er jedoch anderen Tages seine Andacht verrichten wollte, nahm er mit Schrecken den Abgang desselben gewahr. Vergebens war alles Herumfuchen, und sollte die Stunde deS Gebetes nicht versäumt werden, m^ßte so rasch als möglich Abhilfe gefunden werden. S. wollte zu einem Freunde eilen, um seinem religiösen Bedürfnisse zu genügen; da —-— was mußte er sehen! Kaum auf di« Straße getreten, stieß ec auf den kleinen „Schani", den HauSmeisterSsohn, welcher mit einem Collegen Pferde spielte. Die Gedetriemen deS frommen Borbeters bienten als Leitseil, und der kleine Schani war angeschirrt in den frommen Riemen, die eigentlich dazu bestimmt waren, die weihe» vollen Gedanken deS Herrn S. über die Wolken zu heben. S. reclamicle vergebens sein heiliges Eigenthum: Roß und Pferdelenker kümmerten sich wenig um die Anastrufe, welch« die Profanation Herrn S. erpreßte, und als /derselbe handgreiflich die kleinen Heiden eines Besseren belehren wollte, erschien der Hausherr und der Hausmeister, und ergriffen Partei „gegen den Juden, der sich erfreche, Christenkinder zu malträticen." Als endlich Herr S. durch polizeiliche Intervention wieder in den Besitz der Gedetriemen gelangt», hatten dieselben ein Aussehen, daß nach dem AuSspruche von Sachverständigen sie ihren heiligen Zweck wohl nie mehr erfüllen werden. S. glaubte tf sich und seinem Glauben schuldig zu fein, wider sämmtliche judenfernbliche Elemente jenes Hauses klagend aufzulceten, aber er tollte nicht durchdringen; denn der kleine Schani, erst acht Jahre alt, ist für die Hand des Gesetzes unerreichbar, und Hausherr und Hausmeister standen bei den Attentaten auf die Gedetriemen in zu weiter Distanz, als daß die Klage wider sie mit Erfolg hatte durchgefährt werden können. Aber der Eifer, mir welchem Herr S. vor Gericht sich über die Profanation des geheiligten Gegenstandes erging, die verletzte Pietät und der Schmerz, der aus jedem seiner Worte sprach, rührten den Hausherrn, und der Friede zwischen Kirche und Synagoge scheint nun in seinem Hause auf lange Zeit gesichert." Anekdote. Em Kälberhändlec schickte seinen erwachsenen Sohn mit 30 Thaler aus, Kälber einzutaufea. Am andern Tage kehrt dieser zurück. „Wo hast Du die Kälber?" — „Ich dringe keine." — „Warum nicht?" — Ich hatte kein Geld." — „Wo hast Du denn die 30 Thaler?" — „Die hat man mir abgenommen?" — „Wer har sie Dir abgenommen? — „Die Bauern." — „Welche Bauern, kennst Du sie?" — „Ja, ich kenne sie." — Nu, so nenne mir sie!" — „Es sind der Herzdauer, der Schippendauer, der Kreuzbauer und der Eckernbauer". . . Der Barer , schickte den Jungen lange Zeit nicht wieder unter die Bauern. Curiosum. AuS Stommeln (Landkreis Köln) wird uns von gefälliger Hand, mitgerheilr, baß die daselbst in dem seltenen Alter von 104 Jahren und 10 Monaten gestandene und bereitan dieser Stelle erwähnte israelitische Witwe Cahn vor einigen Tagen nach kurzem und unbedeutenden Krankenlager gestorben ist. Diese Greisin, wohl die älteste der Rheinprovinz, war bis vor zwei Jahren noch im vollen Besitze ihrer geistigen Kräfte. In Stommeln lebt gegenwärtig noch eine zweite, in ärmlichen Verhältnissen stehende Frau von 98 Jahren in vollständiger körperlicher Rüstigkeit. Die sowohl wie Witwe Cahn waren so glücklich, in ihrem ganzen Leben weder Arzt noch Apotheke zu gebrauchen. Allgemeine Zeitung des Judenthums. No. 13. 1865. Inhalt: Leitende Artikel: Zerstreut« Bemerkungen.— Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Hannover, Franken» thal, Frdysing, Bonn. Preußen: Berlin. Bonn, Berlin. Oe» sterreichischer Kaiserstaat: Wie», Wien, Lemberg. Amerika: New-Aork. Nordamerika: Baltimore. — .Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich W Thaler. Verantwortlicher Redakteur: Dr. A. Nager, v-rlaz vv» vau»,ärt»er'« Bwhha»dlu»g r» Leivjig. — Druck vo« <S «reysi ug j» rei»,ig.

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