Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 6 (1865) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
6 (1865)
Date
1865-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999392-6026717--2892-4911164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Bollsblatt JSeleQrung und Änterhattung auf jüdischem gebiete. i -,f Herausgcgcbeii von I i ^7^ Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. [No. 6. 1865*] Boa vieler ZeilickriN erllbeint wöchentlich eine Nummer. Preis de« Iabr» gang« 1 Thlr. Bieneljädrig 7% Ngr. Alle BuchbankUzugen, Potzamier und Zeitungsexpeditionen arhme» Pefiellungea an. [12* Jahr§, 1. (Quartal.] Sprüche der Enkel. 17. Beuge dich vor dem Sturme — aber hange den Mantel nicht nach dem Winde. Zm erstem Falle wartest du nur das Ende des Orkans ad, um dich wieder aufzurichten^ und weiter zu blühen und Früchte zu tragen nach deiner eigenen Art — im letzteren wartest du nur von Wind zu Wind, um dich danach zu drehen und nichts zu schaffen, was deiner eigenen Art gehört. 18. Wenn die Fluth steigt, hebt sich das Leichte nur um so mehr, und desto tiifer sinkt daS Schwere. Aber jenes wird davon getragen und verschwindet, dieses behalt seinen Platz. 19. Vieler Augen sehen nach der Fahne, aber nur wenige folgen ihr in Kampf und Tod. 20. Fange wenig an, aber vollend' es — dann bist du groß und stark. Wer vieles anfängt, führt wenig aus und wird in allem zu Schanden. 21. Aber gut ist eS doch, dann und wann von der Heerstraße abzulenken, um Land und Leute kennen zu lernen; nur sorge dafür, daß du dich immer wieder dahin zurücksindest. 22. „Großes gewollt zu haben, ist schon genug" — sagt ein alter Spruch. Wir aber sagen: die kleinste, wirklich vollbrachte That ist mehr. 23. „Gib Gott die Ehre", denn sein ist die Gelegenheit und die Bergunst und die Gabe — aber auch den Menschen achte nicht gering, denn jene erhallen erst den Werth durch seine Thatkcafr und Ausdauer. Ein Ausflug nach Anathoth. *) Ich ging zum Stephansthor hinaus, zwischen den muhamedanifchen Gräbern hindurch, ins Thal Josaphat hinab. Es war an einem freundlichen, Hellen Frühlingsmorgen, Landgut« und Städter harten eben ihre Arbeit begonnen. Am Westabhang des Thals brach man Bau¬ *) Au« Furrers Wanderungen durch Palästina. Anathoth ist als Geburlsstatte und tbeilweii'er Aufenthalt des.Propheten Jeremias auf immer denkwürdig, und es ist eine glückliche Fügung, daß es sich noch in dem Dorfe Anata erhallen hat. Einige unserer Leser erinnern sich dabei auch wohl, baß unser Trauerspiel Jojachin zu einem großen Theile dort spielt. Die Redaction. steine. Im Thalgrunv waren da uah dort die Bauern noch mit Pflügen beschäftigt. Indem ich den Ostabhang des Thaies hinauffchritt, begegneten mir viele Weiber auS Jsawijeh, die prächtigen Blumenkohl in dse Stadt trugen. Auf der Hohe oben entfaltete sich alsbald ein schönes Rundgemä'lde. Nach Westen zu schimmerten die weißen Kuppeln o-r Stadt im Glanze der Morgensonne-,- nach Nord und Ost that sich ein zerklüftetes Land vor mio auf, das in fernem Hintergründe die Gebirge GtleadS abfchlvffen. Auch auf der Höhe sproßte die Gerste in vielen Feldern, aber im allgemeinen machte hier der Boden den Eindruck des Oeden, indem der Baumwuchs ganz fthlre. Der Weg ging eine geraume Zeit auf her hocheden^ fort in nordöstlicher Richtung. Nach etwas mehr alS einer halben Stunde gelangten wir anS Westende des Thales, an dessen Nordabhang der Weiler! Jsawijeh liegt. Ostwärts hinabsteigend langten wir in einigen Minuten beim letztern an, schritten aber sogleich weiter, nördlich den wenig steilen Abhang hinauf, indem ich bei der Rückkehr von Anathoth länger hier zu verweilen gedachte. Bald hatten wir ein neues, parallel mit dem vorigen laufendes Thal vor uns, dessen Oede und Wildheit schroff von der Anmuth des Jsawijehwadi abstach. Steil ging es da hinunter und hinauf. Schwarze Ziegenherden weideten ab, was Zwischen, den dich! gefäeren Steinen wachsen mochte. Einer-der Hirten leitete seine Untergebenen mit Strinwürfen, ähnlich wie einst David gethan (1 Samuel 17, 40.), und kürzte sich nebenbei die Zeit mit Blasen der Schalmei. In diesen einsamen, öden Thalschluchten, wo kein Baum erquickenden Scharren gibt, ist den Hirtenknaben ein ärmliches LooS zugefallen. „Am Tage verzehrt sie die Hitze und zur Nacht der Frost" (1 Mos. 31,10), wenn sir nicht in die Dörfer abenos hqimkrhren können. Als in den Tagen des Jeremias die Blülhe des Volkes nach Babel geführt, Menschen und Vieh fbrtgetrieben worden waren, herrschte über den Höhen und Thälern der Umgebung Jeru.sa l.ems unheimliche traurige Einsamkeit und Oede. Nimmer hörte der Prophet, wetrn er vielleicht noch einmal feine Heimath Aanathoth besuchte, die Schalmei der Hirten im Wadi Sulem, wo uns jetzt ihr Ton freundlich begrüßte. Aber im Geiste sah er die glückselige Zeit, da „im'Lande Benjamin? und in den Orten um Jerusalem her werden die Schafe wieder vorübergehen unter den Händen dessen, der sie zählt" (Irrem. 33, 12*). Als wir den Nordabhang des Thaies erstiegen, gewahrten wir unweit vor uns auf einer wenig über die Hochebene aufsteigenden- Anhöhe das kleine Dorf Anata, das alte Anathoth^ Hier verbrachte Jeremias seine Jugendjahre und die zwei ersten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.