Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 12 (1865)
- Issue
- 4 (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Bolksblatt. . Zur KeleKrung und Untertzattui^g aus jüdischem Hebele. I HcrauSgegebcn von Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. Mo. 4. 1865.] Heu fcidtt Hmfärift etfäeint «ochruUich eine ftummer. Preis de« 3«br» gang« » ZHt. Vierteljährig 7!< Ngr. Alle Sn»LandlUnge». Pcftämier und geirnngsexvevinonen nehmen ©cfteunngen an. ...-L-J —-U ■.-«• j 1 II [12. Jahrg. 1. Quartal.] lieber eine westfälische Familien-Selichah von Leopold Mandel, Lehrer in Wattenscheid. Die schöne Sitte, Familienereignisse von außergewöhnlicher Bedeutung schriftlich der Nachwelt zu überliefern, fand sich bei den Israeliten der letzten Jahrhunderte gar nicht selten. Daß solche schriftliche Denkmale den jetzigen oder künftigen Geschichtschreibern zur Aufhellung dunkeler geschichtlicher Thatsachen oft bedeutenden Vorschub leisten ,ist klar. Ich erlaube mir daher, über eine von Raddl Abraham Auerbach, Rädbiner zu Coesfeld in Westfalen, verfaßte und im Jahr 1677 zu Amsterdam - gedruckte Familien- Selichah, die mir zufällig zu Händen gekommen, einigezu berichten, was um so mehr Interesse erregen dürfte, als noch jetzt in Westfalen viele jüdisch« Familien den Namen Auerbach führen, deren Abstammung von benanntem Verfasser nicht unwahrscheinlich ist, und über bi« merkwürdigen Tchicksale diese» Manne» in der CoeSfelber Gegend" noch mehre ^agen circuliren. Da» Werkchen, 46 Seiten enthaltend, ist in hebräischer Spracht geschrieben und von sieben Radbinen warm de» vorwortet, in^em sie der Frömmigkeit und der Gelehrsamkeit de» Verfasser»'hohe Anerkennung zollen, und besteht au» 5 Selichäth, die in der Form den bei unserem Gottesdienste gebräuchlichen nachgedilbet sind. Die ersten 3 Selicharh enthalten in theil» in Alphabettheil» in Akrostichon-Form geordneten Versen Schilderungen der Leiden Israel» und Rettung au» denselben durch Gott rc. Die vierte-Selichah ist fast durchgängig kabbalistischen Inhalte» und die fünfte enthalt [nach Metrum bfiunstsi -ine) in verblümten Ausdrücken die Andeutungen der Ereignisse, welche zur Abfassung des Werkchen» Anlaß gaben. Auch in den 4 ersten Selichath ist die Wort- und Satzstellung häufig doppelsinnig, oft sogar räthselhaft. Hierüber entschuldigt sich der Verfasser in der Einleitung folgendermaßen. nv-an naa -:vv mqa od«$ nvrtyon £';aa„ narw ros'nm eoi‘ o^'s | "rqin o-rja ■n'iwrri Sämmtliche Selichath sind von einem Commenrar, der «ine Menge ^kabbalistischer Erklärungen enthalt, begleitet, worin Derf^ier sich mehrfach auf seinen früher verfaßten Pentateuch-Cpmmentar "vniaw rp*?s„ bezieht. Nach sorgfältiger Durchsicht und Prüfung de» Schrift- , chen» ist e» mir möglich gewesen, Folgende» über die Schicksal« ' Auerbach » zu entnehmen:! Rabbi Abraham Auerbach, wahrscheinlich in Holland geboren, bekleidete im Jahre 1674 da» RadbiNer-Amt zu Cotsfeld, welche» ihn nach damaliger Sitte nicht verhinderte, sich auch zuweilen weltlichen Geschäften hinzugeben. Er lebte daselbst mitseiner zahlreichen Familie glücklich und zufbieden, denn er war mit mannigfaltigen Gilücksgütern gesegnet und stand wegen seiner Frömmigkeit.^Gtlehrsamkeit unif Bildung sowohl bei feinen Glaubensgenossen al» auch bei seinem Lände-Herrn, dem berühmten triegerischien Bischöfe Bernhard vonGalen zu Münster, in hoher Achtung, der ihn deswegen mehrfach mit wichtigen Aufträgen, besonder! aber mir der Erhebung gewisser herrschaftliches Gelder de» traue. Auerbach» Wohlstand erregte den Neid ^ine» Jsraeliimi!), namens Leib, obschon derselbe einst in bedrängter Lage bei der wohtthätigen Auerbach'schen Familie auf lärgereZeit liebevoll« Aufnahme und Pflege gestunden. Da er ^noch außerdem einen bittern Haß gegen sein« Glaubensgenossen im Herzen trug (Gründe diese» Hasses find au» dem Schriflchen nicht ersichtlich) und an ihrem „Wehe" sein« größte Lust fand, so wagte cs diese» selten! Scheusal, ssmen WohlthLker, dessen außerhalb CoeSfrld iwohnenden Sl chn Jsak und noch viele andere Israeliten beim Bischof« zu Münster verleumderisch anzuklagen Die verleumderischen Anschuldigungen bestanden au» 55 Punkten, wovon aber nu: folgende in d.n Selichath angebeutet sind: „Auerbach habe größt Summen bischöfiiche« Gelber veruntreut und von diesen in der deutschen Synagoge zu Amsterdam einen überaus kostbaren Hechal bauen lassen, um sich bei dortiger Girineinbe ein Ansehen zu geben, weil er die Absicht habe,l nach dem unredlichen Erwerb eine» rec^t großen Vermögen» dorthin zu flüchten." -; „Auerbachs lehre seine Glaubensgenossen den Nichtjuden hassen und verachten."! „Die israelitischen Gebete enthielten Drohungen und Verwünschungen gegen da» Christenthum." Infolge dieser Verleumdungen wurden am 24. Scher da» 1674 sämmtliche Hidseligkeiren de» Aüerbach von diftröflichen Beamten mir Beschlag belegt, d^sen hochschwangere Frau, Kinder und Hausgenossen von Hau» und H^f und au» be^ Stadt verjagt, ohne etwa» andere» mirnebmen zu dürfest al» die Kleiber, di« sie «best am Leibe -trogen. Auerbach selbst wurde verhaftet und in da» Gefästgniß zu Sassenberg adgeführt. Nachdem er hier fünf qualvolle Wochen geschmachtet, hatte sich ein Bote, der von* Gjetfchlick au» Steiufurl adgesandt war. bei ihm Zutritt z« verschaffen gewußt und ihm di« traurige Nachricht überbracht, daß auch sein (Auerbach») Sohn Jsak infolge