Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 45 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur Lelehrnng und Anterhattunq aus jüdischem HeKi^te Herausgegeben von [Mg. 45. 1864.] Rabbiner Dr. Ludwig Philippsorr in Bonn. «o» dieser Aeitichriit erscheint «öchenUich eine Nummer. Preis des Jahr». gaug« 1 Thir. BierteljÄog 7 % Ngr. Alle LrchdsudiuUge», Poftamrer »ad Aeir»»-sexveditio»e» nehme» ve-eünnge» a». Gis _>s [11. Jahrg. 4. Quartal] Speicher, Bude und Salon. i Aus de ml Leben. — - | (Fortsetzung.) III. Biele Jahre später saß ich eines Abends.in meinem Arbeitszimmer. Es war im November und ein stürmischer Westwind fegte über die Krde, schüttelte die kahlen Aeste und Zweige der Bäume, pfiff in die Schornsteine, heulte um die Ecken der Häuser und schlug Läden und Thüren mir Gepolter zu. Dann und wann entluden sich die schwarzen Wolken, die der Sturm am Himmel jagt«, ihres Inhalts und ein Platzregen klascht« auf da- Pflaster der Straßen nieder. So war es defln recht behaglich im traulichen Zimmer, das von meiner Studirlampe spärlich erhellt war; das Feuer zischte und knisterte im Ofen und verbreitete eine angenehm« Wärm«. Ich arbeitete; aber da her Gegenstand ein schwieriger war, der des Nachdenken- und besonnenen Ausdruckbedurfte, stand ich nach meiner Gelpohaheit oft auf und maß Mit langsamen Schritten das Gemach auf und ad. Dann, wenn mir ein Gedanke sich aus dem Chaos der Ideen herau-gestalket harre und klar geworden, ließ ich mich nieder und brachte eifrig da- Durchdachte aufs Papier. Ich war in meinen Gegen» stand lief versenkt und keine Erinnerung an vergangene Lage störte mich darin. War ich doch überhaupt immerfort von den Beschäftigungen der Zeit, von den Erfordernissen de- Tages so sehr in Anspruch genommen, baß da- Leben und Schwelgen in der Vergangenheit niemals meine Sache war. Mein Geist war immerwährend auf die Gegenwart und Zukunft gerichtet uno harte sich so gewöhnt, sich des Vergangenen möglichst zu «ntschlagen. Auch der Ereignisse, die ich im vorigen Capital meiner klemm Erzählung berichtete, gedacht« ich langst nicht mehr, noch dazu, da mir seit Jahren jede Spur jene- Mädchens verloren gegangen. Unsre Freundin in der Hauptstadt hatte ihr damals eine freundliche Aufnahme und eine nachdrückliche Verwendung gewidmet; aber Sarah hatte in den neuen Berhältniffen nicht lang« ousgeharrt und dieselben unerwartet wieder verlassen, ohne mirzutheilen, wohin sie sich gewendet. Ich kümmerte mich nicht sehr, denn Ich hatte es kaum-anders gehofft. Was einmal dem Menschen zur Natur geworden, §»ird nur selten überwunden, wenigstens nicht in den jungen Jahren, bevor die Hand des Geschickes nicht mit «lederhollka und immer schwereren Schlägen dm starren Nacken der Triebe und Gewohnheiten gebeugt bat. Ich hatte meine Pflicht gethan, und in solchem Falle überlasse ich ruhig der Vorsehung den Ausgang. Wie gesagt, ich dachte dessm längs» nicht mehr und war an diesem Abend« ganz von meiner Arbeit eingenommen. Es war ein trauliches Zimmer, lieber Leser, in da« ich dich versetze, zwa^ schmncklos, aber so eingerichtet, wie eeinem ffudirenden Manne am behaglichsten ist. Ringsum ckn den Wänden eine große Sammlung von Büchern in den verschiedensten Sprachen und aus den mannigfaltigsten jGebieren der Literatur; hohe Fmster, die das Tageslicht hell und voll herekustromen ließen und mit der hereinbrechrn^en Dämmerung durch Läden und Vorhänge leicht^ verschlossen werden konnten; aa^der einen Wand mein Schreibtisch, über welchem einige Statuetten und ein scho-iesj Bilp von Moses eine angemessene Zier bis-eten, an der nntgegeagesetzttn ein bequemer Divan mit rundem Tische davor. Welch ein« Welt ist ein solches .Zimmer für den Gelehrten l Die erhabensten Geister und Forscher aster Zeit hat er um sich versammelt; er braucht nur die Hand auszustvecke«, lim auihren Schatzkammern das zünden, Ibiessen er gerade bedarf, daihn erleuchtet, stärkt und erfreut; und doch Ist er mit sich allein, ungestört in seiner Geisteswelt, wo alle Leidenschaft«« sich beruhigen und .wo die Brandung des Lebens nur an dse ftsten und gesicherten Ufer schlägt. Ich hatte soeben wieder meinen Umgang durch das Zimmer begonnen, als ich draußen auf dem Corei'dor die Stimm« meiner Frau vernahm, welch« sprach: „Klopft« Sie nur an diese Thüre, mein Mann ist barm." Auf mein „Herein" öffnete sich alsbald die Thüre und eine junge Frau trat ein. Ich kannte sie nicht, aber bemerkte sofort, baß sie sehr aufgeregt war; in ihren Augen waren die Thräaen nicht zu verkennen unfl, ihre Zöge vrrrierhe« einen tieftn Kummer. „Ach/ Herr Doctor," hob sie an, indem sie näher trat, „verzeihen Sie, daß ich Sie in so später Abendstunde stör«; aber mein tranrige- Geschick und die Hoffnung, daß ich bei Ihnen Rath und Hilfe finden werbe, ließen es mich ohne Bebenkm wagen. Eie sind ja der Beschützer und Retter. — Ich unterbrach sie, versicherte ihr, daß ich sie gern empfange, wenn sie meines Beistandes bedürfe, und führte sie zum Divan, wo ich sie Platz nehmen ließ. „Ihre Frau Gemahlin hat mich ermuthigt, Ihnen alles vorzutragen, was! mich bedrückt und worin ich Ihre Hilf« beanspruch^." Ich blickt« der junger» Frau ins Angesicht, um viel»