Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 41 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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olksvlatt. Jüdisches Z-r ■BeUQrung und Unterhaltung aus jüdischem Gebiete. Herausgegebr» von Rabbiner 0r. Ludwig P>ili-Psou in Bonn. rrt, * Of» t -i «o» dtrter IktNLritr ert-etr« W»ch«»Mch ei»4 U,«»rr. Vret« de« N»Urr*+ i < •-i sdio. 41. 1864.] * nf;v »gaaAIStettÄ *'lu“r [11. Asdrz. 4. Quartal.] Erinnerungen an I. Bk. Jost. Aus persönlichem Umgang, von H. Zirndorf. (Zortsetzung.) Sparer, in reiferen Jahren, führten mich verwandte Bestrebungen wieder zu dem Geschichtschreiber hin. Ich öffnete feint Bücher mit einem neuen Sinne, ich lernte ihn als Führer und QueUe ehren auf dem fo reichen und dabei so dunklen, verworrenen Gebiete der jüdischen Borzeit, und mit jedem Schritte vorwärts wuchs mein Vertrauen zu der bewährten Führerschaft. Die edle Nüchternheit dr« Mannes trat mir wohlgefällig entgegen, sein schmuckloser, markiger Stil, der männlich feste Schritt seiner abgemessenen Perioden, düster dahin schreitend, fast wie der Geist der Geschichte selbst, die Ehrlichkeit und Geradheit sein«Uitdeil«, das streng Abgewogene seiner Sätze, ja eine gewisse studirke Reizlosigkeit, die eben deshalb nicht ohne Reiz und Wirkung blieb, weil sie selbst das Resultat der edelsten classifchen Bildung und des feinsten Maßes war: die« alles mußte mir eine Erscheinung wrrth machen, welche so seltene Gaben mit dem beneidenSwerthen Gute des unerschöpflichen ReichthumS und der Fruchtbarkeit vereinigte. Während der vier Jahre, die ich in den österreichischen Staaten verlevte, erschien die Geschichte des Judenthums und seiner Srcten. Dieser großartige Abschluß der historischen Arbeiten unseres Jost erregte in dortigen Kreisen die größte Aufmerksamkeit. Alles was sich für den Fortschritt im Jubenthume interessirre, scharte sich um das Banner de« aufgeklärten Historikers, und man suchte und fand in seinen Blättern Fingerzeige zur Entwirrung chaotischer Gemeindezststände, Rathschläge zur Hebung der Schulen und zur Kräftigung des gesammten jüdischen Lebens, Rathschlägt, die von den einen befolgt wurden, bei den anderen mindestens einen fruchtbaren Widerspruch und weiteres Nachdenken anregren. Hatte ich derart mir dem Schriftsteller Jost im Geiste zusammen und mir den Kindern seiner Muse mit den Jahreil weirergelebr, so war mir doch der Mensch Jost völlig! unbekannt, und von seiner Persönlichkeit konnte ich mir nur ein ganz unbestimmtes Bild entwerfen, denn wenige, die ich kannte, harren ihm persönlich nahe gestan« de«. Desto verlangender, mit um so gespannterer Erwar, tung trat ich ihm schon am zweiten Tage nach meiner Ankunft entgegen. Vr. Stein, der mich hierin wie noch lN vielen anderen meiner edelsten Bestrebungen mit einer gl «ianenden Güte und Zuvorkommenheit förderte, für dir ic > nur unverwischlich« Erinnerung aber keine Dankenswone h bt, ließ mich durch einen seiner Söhne nach dem Hause se ae« gelehrten Freundes begleiten. Es war am 8. April, a> einem Sorzpadeab Nachmittag, baß ich zum ersten llkale jene freundlich» Wohnung betrat, in der ich nachmals sl viele frohe,-. reiche Stunden im Gespräche mit einem d r besten und leiseste» Männer der Gegenwart verlebte, d« ich nie ohne gewonnene Anregung, ohne frischen Much uid Trost verlich und die für mich eine Stätte derherrlichsten Rückerinnerung ist. Jost bewohnte damals das Haus Nr. 83 i« der Langen Straßez er ist nachmals darin abgeschieden und n ian hat aus jener Pforte seine irdischen Reste nach der 1 nhöhe vor dem Friedberger Thor getragen, wo ein stiller rnd — der jüdische Boltsmuod sagt es — ein guter I >rt die lebensmüden Bürger der kleinen Republik auf» i immt. In diesem Haus« war alles bürgerlich gediegen »nd von ehrenfester Einfachheit. Ein« gewundene Trepp« t on massivem Heizwert und so eng, daß sie das Ausweichen erschwerte, führte in hie Wohnung des Gelehrten, der das l ritte Stockwerk bewohnte. Durch eine Glasthüre gelangt« der Fremde in den schmalen Vorplatz, von dessen beiden Seiten Thüren nach jb«n verschiedenen Tdeilen der Behausung führten. Der Besucher ward gewöhnlich bedeutet, r^htS in baseigentlicheBesuchszimmer«inzutreren. Dieses Gemach bildete den Mittelpunkt einer Zimmerrelhe und von feinen zwei inneren Thüren führte di« zur Linken nach den Familienzimmem, die zur Rechten, die stets offen stand, zur BidliotheL^ Di» Zimmer zur Linken und in der Tiefe wurden von Gästen selten betreten. Die letzteren bewohnte die Schwäg'rin JostS, eine ältliche Dame, di« feinem Hauswesen (Jost war Witwer und kinderlos) Vorstand. Da es mir zuweilen vergönnt wap,j einige j?n«s Zimmer zu besuchen, o kann ich als Augenzeuge versichern, baß dieselben an Eins »chheit mit dem Besuchszimmer wetteiferten. In dem l«< teren aber herrschte eine ausgesuchte, systematische Schmucklosigkeit. Man gewahrte nur die allernvthwenbigsteu Möbel, einen runder^ Tisch, ein Sopha und elnige Stühle von einfacher Arbeit, einen Spiegel und, wenn ich nicht irre,J eine StagLre. Da waren nirgend« Gemälde, kehre RippHchm, keine Basen, nichts von jenem zahllosen Tand, von j dem man einen Theil selbst in den bescheidensten Behausungen der Neuzeit findet. Jost folgte hierin einem bestimmten Grundsatz, und ich werde feine Ansichten am tzeeigne en Ort« aufführen.