Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 38 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999388-6026677--2784-4911077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
152 Als brr Mann diese Worte vernommen, lichtete er sich doch auf und fein verfallenrs Gesicht nahm einen Ausdruck de- Ernste- und de- Gedankenan. Bald darauf sprach er mit fester Stimme : „Wawißt Ihr, junge Leute. Zhr seid in Wohlstand geboren md erzogen und wißt nicht, wie eunsereinem zu Muthi ist. Ihr solltet wie ich hinter der Hecke geboren, von i inde-beinen an verwahrlost und in Hunger und Elend gr> ß geworden sein; Ihr solltet von Zugend auf um den Bisen Brotefür Euren Hunger und um den Lumpen für Euren Leid gekämpft und gerungen baden, und mit all 8 urer Mühe und all Euren Arbeiten zu nichtgekommen Roth und Elend allwege — und dann saget: Wolf, trinke nicht und furchte dich vor Gott. Wovor sost fürchten? Kann enoch schlimmer gehen, w Ich habe allegelban, waich konnte, habe nü ,ts gescheut, nichtgerächter, Hitze und Frost, öiucm und liegen, aber waich begonnen habe, ist mißglückt und aitz allem ist mir. nur Zammer gekommen. Laßt mir doch daeinzige .Stündchen, in welchem ich meinen Kummer rergesse, daeinzige Mittel, wodurch da- Leben noch erträglich wird. Warum versucht eder liebe Gott nicht auch einmal mir mir? Warum gibt er mir nicht einmal und »enn e-nur dreißig Thaler waren, daß ich die Miethe uni die Schulden bezahlen, nach K. ziehen und einen kle nen ordentliaren Handel anfangen könnte? Dann ksnntel Zhr sagen? ^Wolf, trinke nicht und fürchte dich vc r der Strafe Gotte-!" sein alzu ich mich es gehl? Achseln und der'ganzen , . Beraukw B erleg mb »e » « g i r r s er Mein Bruder war verstummt, zuckte die wandte sich zum Gehen. Zch hatte während Zeit meine Stelle an der Thüce nicht verlrssen: Als stummer Zeuge haue ich aufmerksam beobacht«^ und zuge hört. Merkwürdig war mir da- Benehmen Mädchenwährend der Unterredung meine- Brudermit ihrem Bater. Anfangruhig und gleichgil ig zwischen ihren beiden Geschwistern sitzend, war sie, all ihr Barer .zu sprechen begann, aufgesprungen, und ihre gros en schwarzen Augen, die audem bleichen, abgemagerlen E esichtchen so geisterhaft herau-schaulen, ruhten mit mächtig m Ausdruck bald auf dem Vater bald auf meinem Bruder. Zuerst Blitze de-Zorne-, dann der Aufregung und de- MngefühlS und endlich schwermüthigen Flehenan meinen Br» der gerichtet. Alsie aber sah, daß dieser mit den Achsel!: zuckte und zur Thüre schritt, da senkte sich ihr Haupt, ihre Gestalt brach wie zusammen und sie ließ sich verzweif ung-voll auf. ihren Schemel nieder. Alwir da-Hauverlassen harten und ei nge Schritte still neben einander gegangen, fragte ich meii en Bruder: „Läßt sich für diesen Mann gar nichtrhuni" „Auf solche Dinge, lieber Junge, darf der! lczt sich nicht 'einlassen. Er muß alle Mittel in Anspruch rehmen, um feinen Patienten alle möglche Hilfe zu verschaf en. Weiter darf er nicht gehen, wenn er sich nicht in er, »los, Händel und Sorgen verlieren will. Zch habe jetzt in »er Poliklinik über fünfzig arme Kranke zu besorgen, die sic» mehr oder weniger in gleicher Lage befinden wie die Fan ilie, die wir eben verließen. Du siehst ein, da^da Helfen unmöglich ist, und versuche ich erst, für eine etwazu erlangen, so liegen sie mir bald alle auf dem Halse und fordern mit gleichem Rechte denselben Beistand. Kind, der Arzt kann sehr vielen Krankheiten keine Abhilfe schaffen, unh er muß sich darein ergeben, machtlos die Fortschritt« de- Uebelzu beobachten. Auch die Noth ist eine Krankheit^ der swir vergeblich entgegentreten und die wir al- Aerzt^ nicht zu brechen vermögen. Und meinst du wirklich, daß dieser Mann jemals den Trunk aufgeden werde? Dann irrst du. Oie Riesenschlange diese- Lasterhat ihre Ringeln bereitverdoppelt um seinen Halgeschlungen, sie wird ihn erdrücken." Zch antwortete nicht. Die Gründe meines Bruderleuchteten mir ein. Aber in meinem Herzen war keine Ruhe. Zch hatte eine Anklage gegen die göttliche Vorsehung gehört, einen Trotz wider da- Gericht Gotte-, und diese zu widerlegen drängte eS mich unwiderstehlich. Man muß ihm genügen, murmelte es in meinem Innern, man muß ihm Einwand und Drrtheidiqung nehmen, daß er sich auf diese nicht steifen kann. Nicht durch Worte, sondern durch die That. Und vielleicht ist er wirklich dadurch zu retten. Dabei stand die zusammendcechenbe Gestalt dcs Mävchenvor mir und daschwindende Licht ihrever. Lweifelung-vollen Augeverlosch nicht vor meiner Erinnerung. Zch faßte den festen Entschluß, irgend etwazu thun, obschon mir der Weg hierzu noch nicht klar war. Eigene Mittel besaßen wir freilich nicht, und der Mann hatte ganz Unrecht gehabt, aler gemeint, daß der Kelch der Eittdehrung niemals an unfern Lippen gestandet. (Forts, folgt.) Anekdote. Jemand, der auf längern Besuch gewesen,"tarn, nachdem er adgerrist war, nach einigen Stunden zuxück. Da man ihn frug: Wozu bist du zurückgekehrl? Antwortete er: „Weil ich einmal die Freude sehen jvvllte, die Ihr habt, wenn ich abgereist bin." I Allgemeine Zeitung der JudeUlbums. ’Jic. 37. löt>4 Unit vom FreirstützuugS» — Literari- «i Inhalt: Leitende Artikel: Die Arbeiterfrag Herrn v. Kettelet, Bischof von Mainz. II. — Die kästen für jüdische Lehrer, ihre Wittwea und Weisen, scher Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: gatt, Aus dem Badeaschea. Preußen: Berlin, Berli i reichischer Karserstaat: Szegedin, Fünfkirchen Rom. Schweiz: Aargau. Rußland: Petersburg yy Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung Jährlich 3 Thaler, vierteljLhrlich X Thaler. onlicher Redakteur: G. Fritzfche. » «schhenkluvg i, — Druck »es V. fftcftHng in £cipiig. fiel, Etlltk- . Oester- Italien: