Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 38 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4908862-5999388-6026677--2781-4911074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f Jüdisches Bolksvlatt. Belehrung uni) Anleehaitu ig aus jüdischem HeKiete. Heransgegeb » voa Rabbiner Vr. Ludwig hiliphso« in Bonn. . x! A [5Ko. 38. 1864.] Bon vieler Hritttrift erscheiut »Scheulltch gaog< l Thlr. Vicrtcliä^rli 1 % Rgr. KO asb äritaaitonüfeiticKea »eh»e; rii* ftumncr. Pret« de« Sohr» : Buchhaoblsa-e», Voftä»ler Best«!»»»« «o. [11. Jahrj. 3. Quartal.] lieber das Lesen der heiligen Schrift.*) , $on David Friedläuder. | (Schluß.) | Vierter Brief. Sie und Ihre Freunde mögen immerhin Hie in meinem . letzten Brief ausgestellte Hypothese verwerfen und belächeln, so viel müssen Sie mir einräumen, daß alles, was wir (Juden) von Gott und seinen Eigenschaflen, von Fortdauer nach diesem Leben, von unsrer Bestimmung hienieden, vom Sittengesetz und Pflichten überhaupt wissen, lehren und verbreiten, aus diesen unversiegbaren heiligen Quellen fließt und ewig fließen wird. Di« Gottesmänner aller Zeiten haben die Religionslehre oder den Inbegriff aller dieser Wahrheiten in dem Gewände höchster Faßlichkeit, mit einem Aufwand« voa Scharfsinn und Gelehrsamkeit ausgestellt, dergestalt, daß auch der Ungelehrteste, auch das Weib und die Kindermagd, in seinem Lebenswandel davon Gebrauch machen kann'). Sie haben nicht) unversucht «) Von der,Wirksamkeit der heil. Schriften, von dem segeusreichen Einfluß ihrer Lehren selbst auf den gemeinsten, roheste, I und ungebildetsten Theil der Juden habe ich mich vielfältig überzeugt, odschou diese nur auf dem Wege der mündlichen Unterhalrung verbreitet werden und in keinem Lehrbuch versaßt find. Welchem jüdischen Hausvater, welcher jüdischen Hausmutter find die Begriffe von der Einheit Gottes, seiner Dorsehong, seinem Richteramte, wse er die Frommen io einer andren Welt belohnen, die Bösen bestrafen wird, nicht bekanM, nicht geläufig? Luch der gemeinste Jude! findet in trübseligen Tagen Trost uud Linderung an dem Gedanken einer seligen Ankunft, wo er Ersatz für unverdiente Leiden finden wird. Unter der Geißel der Bersolgung blickt er aus z»m Himmel und stützt sich aus die Vorsehung als aus einen unerschütterlichen Pfeiler. „Man muß das Vertrauen ans die Allmacht nicht verlieren!" ist ein sehr gewöhnlicher Ausdruck. der deck Unglücklichen Trost gewahrt, wenn fie Kummer und Sorgeu Niederdrücken, und sie führen dies« und ähnlich« Redensarten beständig im Munde. — In Polen Hab« ich ungefiltere und ungebildete Juden in Menge angetroffen, fie waren im höchsten Grade vernachläsfigt, ohne Kenntniß, fast ohne Bekleidung, aber nicht ohne Gott uud seine Verheißungen, die fie durch mündlichen Unterricht aus den heil. Urkunden' erfahren und zum Gebrauche im Leben anzuwenden wiffea. — Ans einer im Juni 1807 gemachten nolhgedrunguen Reise kam ich nach. Knnsthia an der Bober, einer sogenannten Judenstadt. 3 Meilen von Bialystok. Während des Pserdewechselus sehe ich eine ärmliche. aber reinlich gekleidete Judenfrau, die aus offener Straße Brot und Brautwein feil hatte. Grade ihrem Staude gegenüber, auf entgegengesetztem Straßendamm, lag eia kleines frei- : gelassen, um diesen Lehren dadurch die Sanction zu geben, >aß es Worte des lebandigen Gottes sind, d. h. daß sie i trsprünglich von den heil. Urkunden adstammen. Diese j Versicherung ist hinlänglich, das Siegel auf ihre Wahrheit I mb Richtigkeit zu drücken und sie eindringlich und kräftig | U machen. — Dabei ist es freilich unverwehrt, sich diesen veiligtbumern selbst zu nähern und aus der Quelle selbst u schöpfen, vielmehr ist der Jude dazu nachdrücklich auf» gefordert. Ader welch«.unübersteigliche Hinderniffe stemmen ich her Gesammtzahl!in dieser Hinsicht entgegen! Die Gesammtzahl, Männer und Weiber, haben, besonders in der gegenwärtigen Bildung der Gesellschaft, ihre Zeit so höchst nöthig, um Handwerke zu lernen, Gewerbe zu treir den, für Lohn und Brot zu ardeittn, Pflichten gegen Reden- Menschen untz Vaterland zu erfüllen, und wir wollen ihnen bas Studium der hebräischen Sprache aufdurden? Gesetzt nun auch, der Jüngling dringe es darin zu einer gewiffea Fertigkeit, wie weit entfernt ist er dann noch, die heiligen Schriften selbst zu verstehen I Gehört nicht dchr» Geschtchts» und Sittenkenntniß nnd eine wiffenfchsstliche Bildung, welche die Muß« eineganzen Lebens erfordert? Tritt der Jude, der die Bibel in der Ursprache lernen und studiren will, nicht in eine ihm völlig fremde Welt, wo nichts so zugeht, wie in seiner Heimath und Umgebung? ThürMen sich ihm nicht auf jeder Seite der heil. Urkunden Worte, Redensarten, Bilder, symbolische Vorstellungen und Grstehendes Häuschen mit abgebrannten Pfählen. „Dieses Hans, jagte fie zu mir. als ich «u Gespräch mit ihr avknÜpfte, war mein einziges Eigenthum, ich hatte da einen Schank und lebte glücklich. Künftiges Neujahr (Oktober) wird sd jährig, erwach' uh um Mitternacht — die Stube war voller ^kauch — fremd« Söldner hatten Feuer angelegt, um mich zu -berauben — und ich war so glücklich, zwn kleine Mädchen aus dem Fenster zu wersev und auch mich durch daffelh« zu retten. Zwei ältere ^Kinder, ein Knabe und ein Mädchen in der Hinterstube, find erstickt uud verbrannt. — Sie fing an bitterlich zu weine» und fuhr nach einer Weil« in ihrem Jüdisch-Hebräisch-Deutsch fort: Das I ü n g e l e (her Jüngling) war ein fein Bachurle*). Er konnte schon sehr, schök >m Talmud lernen (studiren); nun ist er bei Gott und! lernst bei ihm: er wird auch bei ihm lernen, warum er uud sein Schwesterle (Schwesterchen) so früh uud f» elendiglich um - J.Thränen erstickten ihre Stimm« — fie konnte di« Periode nicht enden und verhüllte ihr Geficht. _,! *)Lachur» aüf heüräisch ein Jüngling, hat aber den Nebenbegriff von „avsenvählt," vermuthlich zum Kriegsdienst erwählt.. Aber auch die Küabeu, wenn fie den Talmud studiren, bekommen den Ehrsuuuneu: B achur, «ege« dieses Nebeubegriffs; das ongehängt« l!e ist da« schweitzerische Verkleinerungswort «ier Nadele. Lchwisterle rc. —