Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 33 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung und Unterhaltung HcranSgegeben v Rabbiner Di-. Ludwig Phili^pson in Bonn. auf jüdischem $ c n "Kiele. [9io. 33. 1864.] Sott vieler Zeiiscbrifl erfAeiat »SAenUtch eine Ra gang» l Thir. Bierreijädrig 7 Rgr. »llt vu und Aeituvgsrrveditioaeu nehmen Lest «er. Preis de» Jahr« Ahaatlangen, Poftämjer Lungen an. sll. Jahrg 3. »Quartal.] Der neunte Ab. Eine Mahnung zum Frieden. (Schluß.) VIII. Dies war das Ende des jüdischen Staates, das Ende des Bestandes der Juden als Volk. Seitdem bestehen wir nur noch als GlaübenSgenosscnfchaft mit nationaler Unterlage. Nicht der Römer har uns bezwungen, sondern unsre Zwietracht, die Spaltung, Parteiung und deren Leidenschaft; auch nicht religiöse Zwietrachr, nicht der Streit der religiösen Ansichten. Denn so lange Pharisäer und Sadducaer nichts als verschiedene religiöse Richtungen waren, vertrugen sie sich wie spätet die Schammaiten und Hille» liten mit einander; erst alS sie zugleich die politische Herr» schaft an sich reißen wollten, kam eS zu den blutigen. Kämpfen. Nicht religiöse Zwistigkeiten trennten die Parteien in dem belagerten Jerusalem und gaben ihnen die brudermörderischen Waffen in die Hand, sondern nur die verschiedenen politischen Ansichten trennten die Römerfreunde, die Gemäßigten und die Patrioten, politischer Ehrgeiz spaltete die Zeloten in vier! verschiedene Haufen, welche in ihrem Rangstreits alle Hilfsmittel einer dauernden Derlheidigung vernichteten. In der Heilighaltung ihrer Religion waren sie alle einig und der verrätherische Josephus war ein strenggläubiger Pharisäer. Wir heben dieS ganz besonders hervor, um bemerklich zu machen, baß es nicht der ReligionShader war, der die Juden den Römern gegenüber entwaffnete, sondern daß. religiöse Duldung, Achtung vor der religiösen Meinung des 'andern daS überwiegende Element kn der Geschichte unserer Väter war und das berühmte Wort eingad: „Diese und diese sind Worte des lebendigen GotteS." Aber wenn dies das Gemälde des Untergangs durch die Römer w«, verhielt cS-fich etwa bei der ersten Zerstörung Jerusalems anders? Wenn wir die wenigen Notizen über die dama liche Zustände igen Zustände combiniren, können wir ädnvermuthen. Da gab es eine aristokratische Partei, den Kinig, die Fürsten und Heerführer, die Priester und falsch« n Propheten befassend, und eine Volkspartei, den Propheten Jirmejah an der Spitze; jene war zugleich die egyptifche Partei, diese die chaldäische; jene wollte daS Bündniß mit G gypten und mit Hilfe dieser doch nur verrätherischen Macht den Kampf gegen die Chaldäer auf Tod und Leben, um sich di» Selbstherrschaft zu sichern, während diese treue Ergebung an die Chaldäer verlangte, unter deren Odherrschaft djs Volk ruhig bestehen und seiner religiösen Partei siegte Kebuchadnezär'S. die Schwäche des gefangen halten, Aufgäbe leben konntet Die aristokratische und Jerusalem fiel urtter dem Schwerte Wie aber hatte sie vorher gegen die Bolküpartei gewürhet! Wir sehen sie während der Belagerung selpst den Propheten in di Grude werfen, in welcher ihn nur Köniz s am Leben erhielt, ihn geißeln und und vaS man dem Propheten tdat, ütte man sicherlich auch an seinen Anhängern. Ja,, selbst nach der Zerstörung wüth ten dieselben Leidenschaften in der kleinen Schar der im L mve Uebriggetsliedenen; man meuchelmordet« den vom Chal! äerkönig eingesetzten Statthalter Gebalja und schleppte den Propheten Jirmejah nach Egypten mit, nachdem er sie von diesem Zuge, dringend abgemahnt. Dort ging.die Schoir unter. Und ist es nicht überhaupt die nach dem Tode Salomv's eingekretene Spaltung d«S kleinen Volkes in zi^ei, oft sich bekämpfende Staaten, Juda und Israel, welch!» .seine Kraft von Grund aus schwächte und Heide Staaten zum Untergange führte? ÄLohlan, so sei uns die Vergangenheit eine ernste und hochgehaltete Lehrerin!- Wir wissen, worin unsre Väter fehlte« und was ihre Tugend war. Wir wollen jenes zu vermeiden, diese uns anzueignen suchen. Man möge «ndli b von uns sage« können: sie haben michtS vergessen, aber viel gelerm. Wenn unsre Väter in religiöser Beziehung den Frieden hielten und trotz vielfach verschiedener Ansichten, ganz so verschiede« wie sie jetzt nur sind, religiöse Anfeindangen nur selten und vorübergehend waren: so sollen sie hierin unS Muster und Vorbild sein.^Wcnn sie aber in politische Parteien zerfielen und sich alS solch« blutig defehreten und zerfleischten, so wollen wir unS dies zur Lehr> Dienen lassen. Der politische Zwist zerstörte Jeru» salen, der religiöse Friede erhielt auch dann noch den jüdischen Stamm und den jüdischen Glauben. Die Politik ist' f ir die Juden i.a(6 solche verschwunden. Die Individuen können den verschiedenen politischen Parteien angehören'T die? udenheit als solch«, in ihrer Gesammtheit, steht außerhalb der politischen Parteiung. Denn in der Emanci'pationsfrag« sind wir m^k geringer Ausnahme einig. Desto bedeutungsvoller ist für uns der religiöse Friede. .Die Meinungen der Menschen können niemals dieselben sein. Je regst mer das Geistesleben ist, desto verschiedenartiger gestalten sie sich. Nur wo Stillstand, Schlaf, Tod herrschen, besteht eine Uniformität der Ansicht. Ader wenn man schon überall Jüt di» geistige Verschiedenheit Verträglichkeit, Duldung und gegenseitige Achtung fordern kann, wie erst auf dem religiösen Gebiete? Die Religion, die wahre, echte Rel gion ist der Friede, die Gerechtigkeit, die Jede