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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 28 (1864) · p. Seite 112

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
28 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 tigallen und andere Vögel aller Art stimmten ihre Lieber an und flatterten durch die Luft — alle« war Leben, fr»* W)e«, blühende« Leben, und nur drinnen in der Kammer lag der Tod. . . Dieser Gegensatz schnitt mir tief in da« Herz und rief tausend Fragen in der gebeugten Seele mir auf. . Ich erwiderte: „Treten Sie mir mir noch einmal an da« Fenster, blicken Sie abermals in da« Paradies, in den Garten, in die Flur. Wer sagt Ihnen,-büß hier alle« Leben ist? Blicken Sie schärfer hin; unten äck der Wurzel dieser Blumen uud Sträucher nagt der Wurm, der sie zum schnellen Welten bringt; kaum hat sich der Baum mit frischem Laube bedeckt, ziehet tausendfach^« Ungeziefer seine Fäden darüber, um e« zu verzehren. Die reizenden Rosenknospen sind mit Schmarotzerthierchen bedeckt, die sie benagen; und wenn nun erst durch all« b^efe Gefahrm hindurch die Blürhe sich entfaltet hat, kurze Zeit, und wenn sie eben ihre schönste Pracht zeigt, neigt sie! da« Haupt, ihre Blätter schrumpfen zusammen und faUra nieder, sie ist welk und tobt. So gewahren Sie e« überall und die buntfarbige Decke de« Leben« ist doch nur eit Leichentuch, unter welche« alle diese Myriaden von Wese«^ bald wieder gebettet werden/" [ Mein Freund schauerte leise zusammen! und sprach zagend: „Da entwerfen Sie mir «in trostlole« Bild und rauben mir eine besänftigende Vorstellung.! Wo bleibt bann die Gnade de« Schöpfer«? Wo ist Wahrheit, wenn da« Leben selbst nur verkleideter Tod ist?"! „Nicht doch, mein Theurer! Ich wollte Ihnen nur den Gedanken de« Gegensätze« aü« der Eseele nehmen, damit Sie sich nicht in Ihrem Schmerze vereinsamt und unter all dem aufstrebenden Leben al« einet» dem Untergänge zugeneigten Schößling ansehen. Wie da« Leben nur die Hülle de« Tode« ist, so ist auch de^ Tod nur die Hülle de« Leben«. Die Blüthenblättrr, die jetzt welk heradfallen, standen %uf der schwellenden Saamen^apsel, au« der die Keime hundertfältigen Leben« wieder heworgehen; in dem Gespinnste auf dem Laude liegt die Larve m»d die Raupe geborgen, au« der der Schmetterling feine bunten Flügel herau-zieht und entfaltet; wa« verzehrt w höhere« Dasein, da« wohlberechtigt ist, aur! Menschen schädlich und häßlich erscheint. I der Tod Ihr geliebte« Kind dahingerafft, nach dem ewigen SchöpfungSgebanken Gotte, nur eine zersprengte Hülle für ein neuentfai tete« Leben in reicherer Fülle der Gaben,4n lichterer Strömu lg de« Geiste«! Und hat die Heimgegangene Ihnen nicht poch Enkel an da« Herz gelegt, neue«, frische« Leben, da« Grad auffchießen und zu schönem Dasein wirb? . . Der Trauernde, dem da« Haupt auf v>e Brust gesunken war, harre e« emporgehoben und s'in leuchtende« Auge richtete sich zum Himmel empor und er flüsterte in sich hinein: „Nein, ich will nicht mehr «indisch sein auf da« Leben da draußen."" rd, nährt ein wenn e« un« nd wenn nun glauben Sie, ist auch dies weit über da« sich entwickeln Zur Criminalstatistik. Der „Wanderer"" enthält einen Artikel über die in Niederösterreich (Hauptstadt Wien) im Jahre 1863 vorgekommenen Verbrechen und Vergehen. E« wurden bei einer Bevölkerung von 1,538,047 Seelen wegen Verbrechen 3671 und wegen Vergehen 386 Personen verurtheilt. Der „Wanderer"" sagt weiter: „Obwohl wir glauben, daß derjenige, der ein Gesey Übertritt, e« nicht al« Christ oder Jude, sondern al« Mensch Übertritt; denn keine Religion gestattet ein Gesetz zu übertreten, und odschon wir der Ansicht sinb^ baß der eonfesfionelle Unterschied unter den Menschen kein verschiedene« physischen oder psychischen Leben erzeugt, glauben wir doch da« konfessionelle Moment nicht ganz übergehen zu sollen. Die „Wiener Kirchenzeitung/" welche im Geiste der „Religion ober Liebe"' arbeitet, hat insbesondere die Juden in ihr liebevolle« Herz eingeschlvffen. Ja jüngster Zeit bringt diese« für Recht und Gerechtigkeit erglühte Organ (?) Bericht darüber, wenn ein Jude von den Gerichten verurtheilt wird; der veruttheilten Christen wird nicht gedacht. Wir bemerken daher, daß unter den 3671 Personen, welche wegen Verbrechen verurtheilt wurden, 81 Juden sich befanden, und zwar einer wegen Störung der öffentlichen Ruhe, 50 wegen Diebstahl«, 4 wegen Veruntreuung und 26 wegen Betrug«. Bei den übrigen angeführten Verbrechen betheiligten sich Juden nicht. Man j wird zugeben, daß, die PopulationSverhältnisse in confessio- , neller Beziehung berücksichtigt, diese Zahlen eben ein sehr günstige« Zeugniß für die Modalität der Juden sind, da die Juden fast sammtlich in Wien verurtheilt wurden und diese beiläusig den zwanzigsten Theil der Gesammtbevölkerung der Residenz auSmachen. Bezüglich der Vergehen sind allerdings die Zahlen scheinbar minder günstig. 51 Juden wurden im Jahre 1863 wegen Vergehen verurtheilt, und zwar einer wegen Herabsetzung de« Institute« der Ehe rr., 40 wegen Conrur«, 5 wegen Wucher und 5 wegen Druckschriften, wobei zu bemerken ist, daß durch ererbte Uebelstänbe die meisten Juden Kaufleute sind; die neue Zeit wirb darin neue Verhältnisse schaffen."" Allgemeine Zeitung des Iudenrhum». No. 27. 1864. Inhalt: Leitende Artikel: Zwei dringende Bedürfnisse. — Da« Duell. — Au« dem Oriente. — Spenden * Liste für die Rießer-Stistung. — Lorrefpondenz: Die jüdische Gemeinde- Knabenschule zu Berlin. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bom Neckar, Hannover. Preußen: Berlin, Berlin, Berlin. Oesterreichischer Kaiserstaat: Au- Böhmen, Aus Süduugarn, Peflh, Neu«Werbaß. Frankreich: Mühlhausen, Paris, Paris. Rußland: Petersburg. Mexiko-Wien. n Zn beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. ver, 8crUg Bob « « M «,« rr» «wörtlicher Redacreur: 8. Kritzfchr. **’• r> KtiBiig. — Dr»a so« G. »revjiug i» Lrirrig.

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