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Jüdisches Volksblatt · 1864-01-01 · 24 (1864) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
11 (1864)
Issue
24 (1864)
Date
1864-01-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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schaut« auf wine Gräber und Seufzer entrangen sich seiner Brust. . . Wir wissen nun, wer der Greis. Es war Joseph mit seiner einzigen Tochter, denn sein vielgrliedres und. treues Weib war längst schon heimgegangen, und mit deren einzigem Sohne, denn ihr Mann war in derBlüche des Lebens in das Grab gesunken. Wir sahen ihn hier als Knaben -mir den Blumen spielen, als Jüngling die verlorene Tugend wicderfinden, und seben ihn jetzt als silbergelockten Greis an der unvergessenen Gruft des DalerS undder Schwester stehen. Damals war er von hier wie» 'dergeboren in das Leben zurückgekehrc. Er Halle sich vor seinem Prinzipal gedemükhigt, war bei ihm wieder eingetreten, arbeitete unermüdlich und gewissenhaft und lebte still und eingezogen. Nach einigen Jahren geschah es. daß das Geschick wieder einmal eine große Ernte hielt und mit scharfer Sense überreife Saaten abschnitt. Die Krise kam auch über den Herrn Jeseph's. Die Verwirrung der kaufmännischen Welt, die allzukühne Specularivn, der mit einem Male die Mittel entfielen, brachte auch ihn zum Falle. Die Besonnenheit verließ ihn, die Betäubung warf ihn aufs Krankenlager und alle flobefi den Gesunkenen. Da war eS Joseph allein, der mit übermenschlicher Anstrengung die Angelegenheiten seines Hauses vertrat. Seine genaue Kennmiß der Sachlage, sein unverwüstlicher Eifer und sein außergewöhnlicher Scharfsinn ließen -ihn Licht 'dringen in das Ehaos und die'Wege.der Ausgleichung finden. Er scheuere keine Arbeit die Tage und die Nächte hindurch, keine demülhigenöe'und gröbliche Behandlung, unb seine aufopfernde Hingebung flößte selbst dem Gegner Achtung und mildernde Gefühle ein. Wenige Wochen, und der Sturm war vorüoecgegangen. Das Haus blieb stehen'und cs war selbst ein mäßiges Capital gerettet, um das Geschäft in eingeschränktem Maße focrzuführen. Die Dankbarkeit seines Herrn war ebne Grenzen. In ben Stunden der Gefahr unb Beängstigung halten sich die Herzen der jungen Leute gefunden; der Srol§ der Tbchter des Hauses war geschwunden und ihr Herz hatte sich in der Verlassenheit um das Josephs geklammert.! Der Vater besiegelte freudig mit seinem Segen ben untex den Wehen des Schreckens geschlossenen Bund. Joseph trat als Theisnehmec des Geschäftes ein und seine unermüdliche Thäligkeit, sein streng solider Sinn unb seine klug« Benutzung jedes günstigen Umstandes brachte das Haus! wieder in Flor. Wir brauchen die Geschichte seines Adens nicht weiter zu verfolgen. Daß der Wechsel des Geschickes auch ihn oft genug traf, daß ihm wieder genommen wurde, was ihm gegeben, und tiefe Wunden des Herzens sich wieder allmählich schließen mußten, wir haben es obenlschon angedeutet, und wem erginge es nicht so, der meA als sieben Jahrzehnte auf den Pfaden dieses Lebens geschritten? Mußte Joseph doch in seinem Alter noch seinem einzigen Kinde. den*Mann, seinem einzigen Enkel den Vater ersetzen. Ader feine Gottesfurcht, feine Redlichkeit und Treue,! seine Herzensfrömmigkeit und Wohlthätigkeit und vor jallem seine Liebe ließ aus jedem Reise, das der Sturni des Lebens ihm nicht abgerissen,, einen frischen Trieb,' eine Blüthe, eine Frucht hervorgehen. Hier, am Grabe du Seinen, erzählte er di« Geschichte seiner Jugend, die Geschichte jener vechängnißvollen Stunde, ^rd senkte ihren Inhalt insonders.in bas Herz des theurest Knaben. - Aber es drängte zum Abschied. Die Sonne neigte sich in Westen und die Luft wurde kühler. Die besorgte Tochter mahnte mit leisem Worte^ daran. „Du hast Recht, sprach der Greis mir einem Seufzer, und so nehme ich denn Abschied von euch, Abschied für immer, die ihr da druncen ruhet. Ach, euer Staub hat sich gewiß schon längst mit dem Staube der Erde gemischt, aber eure Geister winken und rufen mir zu: Komm, wir harren deiner schon lange und eS ist Zeit, daß du dich zu uns gesellest! O, Tochter, hilf mir, laß mich noch einmal diese geweihete Stätte, diesen heiligen Rasen küssen!" —Und der Greis beugte sich langsam zur Erde, dis seine grauen Locken sich mir den Grashalmen der Grabeshügel vermischten, und dann drückte er einen heißen Kuß auf den kühlen Boden, und als er sein Antlitz wieder erhoben, blinkten zwei Tropfen an zwei Halmen und der Sonnenstrahl funkelte in ihnen, wie wenn sie Thaulropfen des Himmels gewesin. Dann richtete ersich doch auf unb stellte den Knaben vor sich bin und legte feine zitternden Hände auf das kindliche Haupt und sprach viele Worte des Segens und mahnte den Knaben, dieser Stunde eingedenk zu sein, und wie „das Andenken des. Gerechten zum Segen werde" und wie er, da auch ec bald scheiden müsse, die Stühe seiner vereinsamten Mutter werben müsse. Der Knabe neigte sein Haupt auf die Hand des Großvaters unb benetzte sie mit Thränen r'in seiner Seele war heiliges Gelö'oniß. Ucbcr den ThaluuUi. (Schluß.) Von Nr. Tobias Cohn. Sehr bald wurde bas Studium des Gesetzes in Babylonien Selbstzweck und die ausgesponnenen Discussionen bewegten sich oft um Fragen, die jeder realen Unterlage entbehren. — In dieser Richtung sind besonders Abai und Ra da zu nennen, zu deren Zeit die Leiden des jüdischen Volkes in Palästina unter Constantius ihre Höhe erreichtest; damals wurden dort die Schulen geschlossen und die Gelehrten wanderten zu den Akademien in Babylonien. mir demselben heiligen Eifer, mit welchem die Babylonier ehedem die. Schulen Palästinas aufsuchten. — In Voraussicht dieser Ereignisse war zu Anfang des vierten Jahrhunderts der palästinensische Lehrstoff gesammelt und zu einem Codex vereinigt worden, welcher unter dem Namen „Palästinensischer Thalmud" bekannt ist. Mit der Geistesschärfe ist er nicht zu vergleichen, die in Babylonien, wo die Juden unter den fa ssan i d i sch en Königen damals volle Freiheit genoffen, bei dem Studium des Gesetzes angemandt wurde. Jndeß kehrte man auch hier zu einer ryekr nüchternen Auffassung zurück; zu Ende des 4. Jahrhunderts namentlich zeichnet sich Rabbi A schi darin aus, der unter der Regierung des Königs Jas di» gard ben „Babylonischen Thalmud" zusammenstellle, welcher an Vollständigkeit und Glanz der DiScussion den palästinensischen weit übertcifft und maßgebend für die heurige jüdische Gelehrsamkeit ist. Seitdem versteht man unter Thalmud sowohl die Misch nah wie den ganzen Lehrstoff, der daran sich knüpfte, mit Einschluß der im Jahre 230 von Rabbi Jochanan unter dem Namen

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