Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 24 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur |; Belehrung unD Änterhattunl; aus jüdischem Dekrete. Hrrauogcgebea von Rabbiner 1)r. Ludwig Philippsou in Bonn. PH». 24. 1864.] Bo» viele, Zeiri«brist erscheint wöcheaUich eine «umm-r. Preis de» Jahrgang» I Tvlr. Bierletjavrig 7 *A Ngr. Alle Buchhandlungen, Poftamier unv Aeirungsespedilione» nehme» BesieUuugrn an/. Cll* Jährjg. 2. Quartal.] -An einem Grabeshügel.! (Schluß.) III. Jahrzehnte sind vergangen, fast ein Halde« Iahe» hundert. Da« Gräberfeld ist gewachsen, aber der Glaube, an da« Kommen de« Propheten Elijah und an da« Blasen der großen Trompete zur Auferstehung der Gerechten au« den aufspringenden Gräbern hat adgenommen. Eö war ein herrlicher Frühlingstag, der über der Erbe stand. Der Sonnenschein überzieht mit seinem Glanze die jungen Nester der Vogel wie die alten Grüfte der Menschen und sein leuchtender Strahl fallt mit derselben Kraft und Schönheit , auf die Wiege wie auf da« Grab. Ja, auch ein Friedhof ist schön unter der blauen Wölbung de« Himmels und dem frischen Sprießen und Blühen des Lenzes. Das schwarze Gatlerlhor öffnete sich wieder und hereinlcat ein stattlicher Greis, begleitet von einem Weibe, da« eben auf der Höhe des Leben« stand, und einem zehnjährigen munteren und kräftigen Knaben. Der Greis blieb stehen und sein Blick schweifte längere Zeit über da« ganze Gräberfeld hin. Es war doch ander« geworden. Sein Auge suchte vergeben« den alten Pflaumendaum an der Mauer; der mochte wohl vor Jahren abgestorben und hinweggeschafft fein, und da« Grab der Selbstmörderin, auf dem er gestanden, war unter den Schritten der darüber Wandelnden gänzlich verschwunden. Die Mauer war ausgedessert und übertüncht. Man hatte auch Versuche gemacht, das wüste Durcheinander der alten Gräber irgendwie zu ordnen, aber man mochte es wohl bald aufgegeben haben, theilS weil e« unausführbar, theils ob de« Anstoßes bei denen, welchen auch di« Unordnung heilig ist, wenn sie alt. Dagegen hatte man im letzten Jahrzehnt für die neuen Gräber eine genaue Ordnung eingehalten unddi« Tobten streng nach Reih' und Glied gebettet und jedem einen gleich geformten Hügel gegeben und einen Steinwürfel mit einer Nummer. Ob da« Gräberfeld im ganzen dadurch an ehrfürchtiger Scheu und Gefühlswirkung gewonnen, ist fraglich; aber dir neue Zeit ist einmal ander« als die alte. Der Greis mit seinen Begleitern begann da« große Feld der Lrichenhügel zu umschrriten, ängstlich suchend nach den Stätten, um derentwillen er gekommen. Da blieb sein Auge plötzlich an zwei neuen, edelgeformten Grabsteinen haften, welche ungefähr inmitten de« Felde« dicht neben einander sich erhob,n; Diese waren e« wohl, denn er selbst hatte vor einigen Jahren die Zeichnung dazu entworfen, als er die Gräber seine« Vater« und seiner Schwester mit neuen Denksteinen statt der alten verwitterten versehen ließ. Mitten durch die Schlangenlinien der Graberreihen wandelte!,r zu ihnen hin und las die Inschriften. Es war so. Da stand der Grei«. Silbeclocken fielen von seinem gebeugten Haupte, und war auch die Gestalt noch ungebrochen, so deuteten doch ihre Umriffe genugsam an, daß sioselbst bald ihr letzte- Hau« beziehen werde. Er stand und griff nach einem Gebetbuch« in feiner Tasche, schlug e« auf und la« darin eine kurz« Zeit. Dann sank ,« ihm nieder und fein« Augen ruheten auf den beiden Gräbern und fällten sich allmählich mit Thränen, und seine Lippen bebten und die Hände zitterten und ein Schauer flog durch die ganze Gestalt.. Da ergriff die Frau zu seiner Rechten seinen Arm und der Knabe zu seiner Linken leine Hand und wie tröstend und liebkosend zugleich riefen sie: „Vater!" „Großvater!" Da schien der Grei« sich zu ermannen und sein rechter Arm schlang sich um den Nacken der. Frau und der link« um den Nacken de« Knaben und er ^og sie an sich und sprach mit matter, bebender Stimm«: „Seid ruhig, meine geliebten Kinder, ich bleib« schon aufrecht. Ihr seid ja di«, einzigen, die mir aus dem langen Kampfe de« Leben« geblieben, und um euretwillen bleibe ich standhaft. Seher aber, die« ist der Ort, an welchem ich die schwerste Stunde meine« Leben«, aber auch die segensreichste verlebte, ja die Stunde, wo ich mein Vergehen gesühnt, meinen Gott wiedergefunden und mein« Pflicht treu erfüllen lernte. Hier wurde mein gebrochene« Herz geheilt, mein« gebeugte Kraft aufgerichtet und der Segen diese« Orte« und dieser Stunde dehnte sich über mein ganze« Leben bi« heute au«, ging auch auf da« deine über, meine Tochter, und wird noch über dich kommen, mein Enkel. Darum habe ich euch hierher geführt. Es sind. heute fünfzig Jahre seitdem verflossen, und zwanzig Jahre früher faß ich, ein Knabe, an diesem frisch aufge, worfenen Hügel und spielte mit Blumen. Heute sehe ich sie zum letzten Male und bin gekommen, Abschied zu nehmen guf immer. .Der Grei« versank von neuem in Sinnen und die ihn begleitet«, cheten sein Schweige». Es war so still > ringlher. Es war gerade wie vor siebzig Jahren. Die Häfer summten, die Grasmücken hüpften, Schmetterlinge flogen von dm wilden Blume« und Disteln auf, die auden Gräbern gewuchert, leist flüsterte der Wind durch di« Halme und u» die Grabsteine, Vögel zwitscherten und Langen in der Luft und Wolken zogen am blauen Himmel ihren Weg; aber der Greis stand und