Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 11 (1864)
- Issue
- 22 (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt Zur .llelehtuilg unk» llntcrfiaftuni) aus jüdischem stebielk. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. [9Jo. 22. 1864.3 Üru tifi« Zeilitnll ertteinl wö4eall>0 eine Dannn. Drei« bei Jahr, gaog« t Tdlr. Bieereljähii« 7% Rgr. Alle CuAbantluugen, HoftSmier und Zeilungcherveditiöoe« nehmen Bestellungen an. [11* ÄnKrg. 2. Quartal,] Jacob Meyerbeer. (Schluß.) Am 16. April 1849 ging endlich der „Prophet" in Scene, die dritte und (von der „Afrikanerin" abgesehen) letzte Oper, welche Meyerbeer für die pariser Große Oper geschrieben har. Trotz de-glänzendsten Bühneneffecte-und zahlreicher Schönheiten allerersten Rangeverrieth der „Prophet" doch schon, daß er kein weitere- Aufsteigen, sondern den beginnenden Niedergang von Meyerbeer'S Schöpferkraft bezeichne. Nach dem mit ungeheurem Erfolg gegebenen „Provheten" wendete sich Meyerbeer von der Großen Oper und schrieb zwei Werke! für die Op6ra' comique in Paris. Das eine war die erwähnte gänzlich« Umformung der „Feldlager-" in „l'Ktoiie du Mord“ (16. Februar 1854) (bei unist nicht glücklich mit „Nordstern" übersetzt, wa- „der Stern de- Norden-", nämlich Katharina von Rußland, heißen sollt«), daandere: „Le Pardon de Ploerniel“ (4. April 1859)^ ein Werk, dessen widerlich alberne- Textbuch seiner allgemeinen Auf» nähme vorzugsweise im Wege zu stehen scheint. Die „Wallfahrt nach Ploöcmel" ist die letzte neue Oper Meyrrbeer'S, deren Aufführung der Meister erlebte. Ein fiir die Große Oper bestimmtes, seit vielen Jahren vollendeteS Werk „Die Afrikanerin" (oder „Vaseo de Lama") glaubte de- Komponisten «igenthümliche Aengstlichkeit noch immer zurückhallen zu müssen, da ihm die Gesang-kräfte dieser Bühne nicht vollständig entsprachen. Kein Zweifel, daß der letzte Aufenthalt Meyerbeer'S in Parimit dem endlichen Arrangement dieser Angelegenheit im engsten Zu» sammenhang, und dir feierliche Auslieferung der vielbesprochenen „Afrikanerin" näher alje bevorstand, als den Meister plötzlich der Tod adrief. Di« Katastrophe scheint unver» muthet eingelreten zu sein, da die Zeitungen von einer Er» krankung Meyerbeer'S nichtgemeldet hatten. Der Meister litt viele Jahre an peinlichen asthmatischen Anfällen, di« ihn oft der Gefahr de- Erstickennahebrachten. Ass Meyerbeer im Winter 1855/56 feinen „Nordstern"^!» Wien zur Aufführung vorbereitete, ging er nie ohne vor» gebundenen Respirator au-, welchehier wenig gekannte Mundgitter die Aufmerksamkeit der Straßenjugend in hohem Grade erregte. Meyerbeer'S Zustand flößte damalschon seinen Freunden manchmal die größte Besorgniß ein; ohne seine unendlich sorgsame und mäßige Lebensweise wäre der berühmte Meister unS wahrscheinlich schon viel früher entrissen worden» Ueber Meyerbeer'S edlen, wohlwollenden und lieben-' würdigen Charakter dürfte nur Eine Stimme herrschen. - Einer durch Wohlthätigk-it und Gastfreundschaft berühmten Familie entsprossen, hat Meyerbeer ihr auch in diesem Punkte nur Ehre gebracht. Eine große Zahl juyger, unbemittelter Künstler verdankt« dem (sehr mir Anrecht egoistisch genannten) Meister di« thätigste Unterstützung; er selbst, strach nie davon, ebenso wenig von dem Undank, der meistensein Lohn war. In seiner rührenden Psetät für seine Ellern und Geschwister erinnert Meyerbeer unwillkürlich an Mendel-» sohn. Mit dem größte» Interesse und einer oft bewunde» rung-würdigen Milde verfolgte er alle Erscheinungen der musikalischen Literatur, er yar die Härte, mit welcher andere deutsche Componisten von Ruf ihn beurtheilten, niemals zu» rückgegeden. Seine Krnntniß der gesawmten Opern-Literatur war «norm; er erklärte sie uni» Jahre 1847 durch di« interessante Mittheilung, baß er sich mit den Vorarbeiten zu einer „Geschichte der Opel" beschäftige. Dorf der Ausführung diese- Planescheinen ihn seine musikalischen Arbeiten abgrhallen zu haben; wer, wie Meyerbeer, mit» geholfen hat, diese Geschichte zu machen, der durfte sich füglich erlassen, sie zu schreiben. Meyerbeer'- Interesse war aber keineswegs von der dramatischen Musik adforbirt, er kannte die Jnstrumental»Composirion«n klassisch» Meister so gut wie auswendig und noch mehr die Meisterwerke der älteren geistlichen Musik. Für diesen Kunstzweig hegte Meyerbeer allzeit eine wahrhaftig kelbenschafrliche Verehrung und Neigung. Musiker, die ihn in Berlin besuchten, wurden von ihm gewiß zuerst dringend auf die Producrionen de- Oomchoraustnerksant gemacht, denen Meyerbeer mit Begeisterung zu lauschen pflegte. Der berliner Dom» chor, für dessen Aufschwung Meyerbeer viel gethan, erfüllte ihn stetmir dem uneigennützigsten patriotischen Stolz. Meyerbeer'S ÄLerke, welche sejt drei D«ennien alle Bühnen aller Nationen kpik fast ungeschwächter Kraft beherr» scheu, werden ihre große Wirkung auf da- Publicum aller Wahrscheinlichkeit nach noch eine lange Reihe von Jahren au-üben. Oie Kunstkritik, welche Meyerbeer namentlich in Deutschland mit einer an.Bitterkeit grenzenden Strenge behandelt hat, wird über dem Grab» deberühmten Mannevielleicht «ine objektiver« Anschauung seiner Thätrzkrlt gewinnen und hoffentlich aufeine« innersten Wesen und Bildungsgang manche-' zu erklären versuchen, wasie bi-hek alleichtfertige Willkür und weltliche Speculation zu bezeichnen pflegte. 1 Don den' noch lebenden deutlichen Componisten war Meyerbeer weitaus der ilnfiußttlchftr, berühmteste und