Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 52 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. 3« Belehrung und Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. - Herautgrgebra von ' Rabbiner Or. Ludwig Philipps»» in Bonn. sNo. 52. 1863.] OM bicfn JciMnft ctf6dst wSch«Mi» et»« Ramm Pret« M 3«&x* A«»g< 1 THIr. vtert«Uähri> 7 U Ntze. Alle Bnchhaidtimze», »»d Zetvll»g<ekV«diÜo»e« ueh»e» LrOell»»Ae» «». IsKkA. 3. chusrtsl.] Zum Schluffe des Jahrgangs. Es war just keine glückliche Wahl, welch« den 81. December zum Schluffe und den ersten Januar zum Anfang deS bürgerlichen Jahres ausersah. Es gibt weder am Himmel noch auf der Erd« eine Ursache, welche diese Wahl bestimmte. Füllt doch auf diesen Tag nicht einmal der Anfang einer Jahreszeit nach den astronomischen Annahmen, und die Erde, wenigstens in den gemäßigten und kalten Zonen, ist mitten in ihren Schlummer versunken, in welchen Je seit Monaten verfallen und aus dem fie erst nach Monaten erwachen wird. Entweder der Nordwind ist über die Fluren gefahren, hat sie mit der Schneedecke eingehüllt und alles Flüssige in eine Eisrinde verwandelt; der scharfe Frost' jagt jedermann so schnell wie möglich in die erwärmten Räume der Häuser und hüllt ihn in Pelz und Wollenkletder dis zur Unkenntlichkeit ein — oder doch hängt graues Gewölk vom Himmel herab, in wechselndem Spiel jagt West» oder Südwind einher, und in Zwischenräumen fällt dichter, kalter Regen durch die fruchte, schaurige Luft oder weiße Nebel verfinstern jede Aussicht und beschränken denRenschm auf seine nächsten Schrine. Hierin war das jüdische Jahr viel einsichtsvoller. Freilich zeigt es sich in seiner desfalfigen Wahl nicht von gewohnter Eonsequenz; die alten Mischnalehrer zählten sogar vier Neujahr« im Jahre. Lassen wir deren zwei fallen (am 1. Ellul und am 1. Schobst), da fie nur auf das Derzehntea des Viehes und der Baumfrucht sich dezogm, so bleiben uns aoch zwei: der 1. Riffan und der 1. Thischri, jener als Neujahr nach der Bestimmung der heiligen Schrift für die Feste, deren erstes Peßach ist, und ehemals auch für die Regie» tungsjahre der israelitischen Könige, dieser für die Jahre lm allgemeinen, für die Brach» und Jodeljahre. Leid« sind .wohlgelegea, denn der eine bezeichnet uns de« Anfang des Frühlings, der andere de« Anfang des Herbstes, und find sie so befähigt, besondere Gefühle in des Menschen Seele anzuregm, eine eigeathümliche Stimmung in ihr hervor zu rufen und so seinem Geiste «inen bestimmten Anhalt zu einem tiefen» ,Bedanken- und Gefühlsgange zu geben. Doch unser Blatts mußte sich der äußer» Einrichtung wegen an daß bürgerliche Iahe auschließea, und so knüpfen sich Schluß pnd Anfang eines Jahrgangs an dieseZeitberechnuag. Wie aber däs zu End« laufend« Iahe in der Natur «ns dies Mal besonder« durch Sturm unb Regen, durch unfteuudliche«, Widerwärtiges Wetter uaangmehm berührt, fo ist esl auch «in trüber, grauer Himmel, der sich in politischer iijtb socialer Beziehung über uns hing «legt. Durch bas deutsche Vaterland schüttelt ein Sturm des Unwillens seine schaurige» Schwingen und treibt die aufgeregten Ge» mütder gegen Norden, um der Bedeängniß von Brüdern ein Ende zu machen. Es droht" ein Kampf aazuheben, der leicht einen unberechenbaren Umfang annehmen könnte und von dem man sich doch nicht zurückhalten kann. Es wäre allerdings sehr eigenchümlich, wenn gerade von Deutschland »in allgemeiner europäischer Krieg ausgeben sollte, von Deutschland, welcheseit vielen Jahrhundert«» niemals den Angriff deadfichtigr, sondern stets nur die Bertheidigung; vielleicht ader gerade darum um so eher Angriffe sich zuzieht. In Polen hat ei« furchtbarer Kampf sein End« noch nicht gefunden; in Italien glimmt das Feuer unter der Aschg, mit der es auf kurze Zeit bleckt worden, fort; über Frankreich hängt «ine schwere Hagelwolke, denn mit der, wie es scheint, unlösbaren mexikanischen Frag» verbindet sich die Finaazooth und die Zurückweisung des Coagreß- Projektes; und blicken wir über den Ozeawvhinweg, so sehe« wir noch , immer die Wuth de- Brud(rktt^es zwischen den Nordu»d Südproviazen, der noch vor kurzem so mächtigen Union entfesselt. Im Hintergründe aber scheint eine adermatige Gelbkalamitär und Handelskrise zu lauern, mit ihren unheimlichen Schrecken, ihren in unzählige Familien einschneidenden Wirkungen und einer alles nlederdrückmde« Stimmung. Unsre Leser sehe«, daß wir die innern Zustände, die namenttich in unser« Preußen dl« Leidenschaften immer stärker erreget», ebenso wenig wie die in Aussicht stehenden Kriege in Japan und Madagaskar heranziehen, um di« düstere Stimwung, welch« das ablauftnde Jahr »ms hinterläßt und das beginnend« Iahe als Erbschaft Übernimmt, anzubeutm. Warum wir d» Blick» unserer Leser auf diese Bilder hiogelenkt habe»? Weil es uns bewußt ist, daß gerade in solcher Zeit des Jahre« und des Wettlebens ei» jeder am liebste» »ach einer fesselnde», Herz und Geist beschäftigend« Lektüre greift onv daß wir nichts Besseres als Heilmittel empfehlen könne». Das Inner« unsres Hauses, das Leben in unsrer Familie muß uns «in Heiligthum fein, in welches wir von all de» Unannehmlichkeiten, von all den unerfreulichen,Erscheinungen, dis draußen über uns gekommen, nichts mit hinein rrähen, das »kr fo^fältig vor allem Staubwirbel, vor allem Nedelbuast, vor allen Hagelunb Regenschauern bewahren, damit di« Sicherheit, Behaglichkeit und Ruhe desselben sh wenig wie möglich gestört werden. Laß es draußen stürmen, mein Freund: hinter die schütznrdea Mauern unsres Hauses soll wenig davon dringen! Laß draußen den eisigen Winterfrost die