Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 44 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Bolksblatt. 3nr «BeieOruiig unö Unterölaftung auf jüdischem Hebiele. H-rau-gegeb«n von Rabbiner vr. Ludwig Philippsoll in Bonn. Mo. 44. 1863.1 So» dieser Zeitschrift erscheint wt ,a»g« » r-lr. Bterteljährig 7 % anb Zoivln-sespedir heillich eine Nummer. Preis de« Jahr« Ngr. Llle vuchhandlunge», PochLmter irn nehme» vetzellonge» an. [10. Jahrg. 3. Quartal.] Die Gouvernante. r! Eine Novelle. 1 (Fortsetzung.) j II. Vr. Anselm an Adler. Ich habe Dir, werther Freund, noch meinen besten^üank für die Mühewaltung zu sagm, welche Du übernommen, meinen Kindern eine wackere Erzieherin zu verschaffen. Mit großem Geschicke hast Du daS Inserat in die bärtige Zeitung und diese- Blatt dem Fräulein Franziska vc» die Augen gebracht, so daß sie noch heute nicht ahnt, hurch wessen Hände diese Angelegenheit geordnet «worden. s Jch konnte sie bei ihrer Ankunft nicht empfangen. Nup ist e» aber mein Grundsatz, um mir ein richtige- Urtheil ^über Personen, die ich bidahin nicht kannte, zu verschaffen, zuvor den ersten Eindruck, den ihre Erscheinung aufrnich macht, zu beseitigen, ehe ich mich in weitere Unterhandlungen einlasst. Alich sie daher am Morgen nach meiner gfückkehr zu mir beschiederi, empfing ich sie mit Hut und Stock in der Hand, bat sie um Entschuldigung, wenn ich,!von einem unaufschiebbaren ärztlichen Geschäfte gedrängt, .eine ausführliche Besprechung auf einen der nächsten Tage fverschiebnr müßte, und wünschte, daß eihr in meinem Hpufe Wohlgefallen möge. Sie sah mich mit großen Augen \ an, unterdrückte aber schnell ihre Ueberraschung, sprach eüfige geziemende Worte, verbeugte sich und ging von danpen. Sie ist nicht schön, diese Gouvernante, aber hübsch )»nd anziehend, von schlanker Gestalt, mit sprechenden Augen. Die Züge um ihren feinen Mund und di« blassen Wangen bezeugen, daß sie schon schmerzliche Kämpfe im Leben durch' gerungen, aber dennoch den Muth zu leben und zu siegen Nicht verloren hat. Am andern Tage fand denn auch unsre pädagogische Besprechung statt. Es ist aber eine Gewohnheit, die.mir auder ärztlichen Praxianha^tet, die eigentliche Meinung eines andern durch Aeußemnoen an- Licht zu locken, auf di« er kaum gefaßt ist. So erAng es mir auch mit dem Mädchen. Ich. sagte ihm ustter andenn, daß es mir hauptsächlich bei memen Töchtern üm die Erlemung moderner Sprachen zu thun sek, daß ich die Realien für einen befondern Unterricht nicht geeignet hajte, daß ich auch dagrammatikalische Durchkneten der Sprachen für sehr langweilig erachte und daß da- Lejen und Sprechen die Hauptsache fei. Ihre Antwort lautete einfach: Was sollen denn aber Ihre Töchter sprechen, wenn sie nicht wissen und haben, worüber sie sprechen sollend Was'.sie auder Lektüre schöpfen, kann nur eine Zusammenhang-, los« Sammlung von unbedeutenden Notizen sein; und end» lick müssen wir nicht auch in unsrer Muttersprache di« Regeln erlemen, um mit Sicherheit selbst nur die richtig« Abwandlung de- Artikelzu kennen? — Ich fuhr fort: Wie werden Sie die trockne Erdkunde,' die ennupnte Geographie Ihren Zöglingen vvktragen? — Ein' feine- Lächeln erschien um ihren Mund. Sie sagte: Für Mädchen halte ich allerdings enicht für passend, die einzelnen Wissenschaften getrennt vorzutragen. Ich führe meine Schülerinnen in die Natur hinau- und zeige ihnen die Wunderwerke Gottein seiner Schöpfung; ich führe sie in di« Städte und Landschaften und zeige ihnen die großen Werke de- Menschengeist,-; ich belehre sie, wie dieall,- geworden, was an diesen Plätzen in den vergangenen Jahrtausenden geschehen; und in dieser Bereinigung der Völker, und Länderkunde, der Natur und Geschichte erhebt und veredelt sich ihr Geist, belebt sich ihre Einbildungskraft, lernen sie di« Welt alein großes Ganzebetrachte« und bewundern. — Ich war innerlich über die schone und doch ungekünstelte Aussprache der jungen Dame sehr erfreut. Aber ohne es sie merken zu lassen, warf ich ihr die Frage dazwischen: Haben Sie jemals Mathematik studirr? Ich würde es, gern sehen, wenn meine Mädchen etwas davon erführen; denn durch die Mathematik allein können die Frauen lftnen» was eigentlich männliche- Denken und Forschen ist. wovon sie doch zumeist gar keine Ahnung baden. Sie bedauerte, von der Mathematik nichtzu wissen. Nun, sagt» ich, so werde ich später Ihne« und den Kindern zugleich die Elemente derselben erklären. Ich vertraue Ihnen, fuhr ich fort, auch den religiösen Unterricht meiner Kinder an; aber ich muß Ihnen sagen, daß ich von der jetzt aufgekommenen Weise nichthalte, in die alten Satzungen und Bräuche eine Menge von Gedanken und sentimentalen Schwärmereien hineinzupfropfen; bl« Religiooslehrr ist eine Sache für sich und die Satzung eine Sache für sich; jene muß gelehrt, diese geübt werden. — Sie blickte mich etwaerstaunt an und frug mich dann: Wenn mich aber Ihre Töchter fragen, wadies oder jenes zu bedeuten habe?, was die Veranlassung und der Zweck dieses und jene- Feste- oder Gesetzesei, soll ich ihnen keine Antwort geben? Soll ich ihre kindliche Wißdegierde, die kindliche Neigung, nach dem Warum? und Wozu? zu fragen, kurz abweifen? Und wie ist wohl di« israelitische Religionslehre, die überall auf BethLtigung und Verkörperung dringt, von dem Gesetze zu trennen, noch dazu in einem Hause, wo diesegeübt wird? Und müssen wir nicht oft genug die religiösen Lehrest erst Lus den uns überlieferten