Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 29 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. i l; Kelehrung und Änterhytlung auf jüdischem Gebiete. HeräuSgegeben von Rabbi/er vr. Lutwig PhiliPPson in Bonn. rf41 lAlin i 8c» Wri«r äcttfcfrrift ettoeint BtotmU» »int Rannet. Prei« de« Jahrri a w . o jv i k i [9(0. 29. 181)3.1 »*"•1 £?ÄS Ä«Ä [10/Jahrg. 3. chuartL^I Gabriel Rießer, ein jüdisches Lebensbild j von Julius Pilippson, Kaufmann in Magdeburg.; Zn dem letzten Jahrzehnd vor der französischen Re» volution wurde von deutschen Staatsgelkhrten, wie für!die Gesetzgebung überhaupt, so auch für dir bürgerlichen Verhältnisse der Juden, menschlichere und verständigere Grundsätze aufgestellt, und die Franzosen begannen ihre Staats- Umwälzung damit, daß sie diese Grundsätze ins Letzen «inführten. Dies geschah dann auch später in den brr Napoleonschen Herrschaft unterworfnen deutschen Gebieten, wo die Rechtsgleichheit der Juden ohne Murren des Volkes verfassungsmäßig ausgenommen wurde. Napoleon fiel, Deutschland wurde frei. Alfobald erhoben sich im nördlichen Deutschland einige Schriftsteller, die gegen »ie Juden eiferten, und die freien Städte besonders suchten die alten Beschränkungen der Juden aus dem Staude der .Archive' wieder hervor. FreikeitStried und Franzofenbaß waren zur Zeit in Ein Gefühl zufammengeschmolzm, Alles, was mit der französischen Gesetzgebung ins Laub gekommen, wurde als verderblich detrachret, und um so mehr kehrt« sich dies gegen die den Judm gewordenen bürgerlichen Freiheiten. Dazu kam, daß man die Juden für Freunde der französischen Herrschaft hielt, ober viümehr als solche vvraussetzte, weil sie in der mit ihr vrtdunvenen Enthebung von Sußerm Drucke doch einigen Ersatz der Noth gefunden, und so wandelte die Männer der damaligen Zeit eia unbehagliches Gefühl gegen die Jude» an. die aus der Quelle deutscher Leiden Vortheile gtschöpst hätten. Noch mehr steigerte sich diese engherzige Anschauung, als man die deutsche Einheit durch gleichen Geist? durch gleiches Herz und gleiche Nahrung für beide Herstellen wollte; weil es mit der Einheit der Herrschaft nicht vorwärts ging, da dünkten ihnen die Juden mit ihrer abgeschlossenen Bildung und Selbstständigkeit a>S ein« harte, unverdauliche Zurdat, welche man uaschädli^ machen müsse. Im blinden Elfer stürzte man sich auf sich da man noch dazu Juden und Adel. Geld und Aristokratfür die Stützen der Feudalherrschaft hielt, die man vo» einander trennen, möglichst unschädlich machen muff» So waren die Juden rechtlos, »in Lpieldall der politisch«» Leidenschaften, und wenn wir uns in diesen Zeilen back Andenken Gabriel Rießers als des ersten Vorkämpfers deck Juden vom Standpunkte des Rechts aus zum wahren Bewußt« sein zurückrufen, ehren wir nur uns selbst, wenn wir ihm! «in dankbares Gedenken widmen. Ist doch der Nachruhm. das eigentliche Erbe der.Edeln I Oft zündet dann die Elfte, die man dem Andenken eines großen Manne« weiht, den Funken de« Genius in einem andern Busen an; fiin Beispiel und sein Ruhm pflanzte die wohtthärige Flamin« fort, so wie er sie zuerst empfing, und «in Zeitalter, welches bei den Verdiensten eiues.großen Mannes schweigt, ver-' schuldet die Strafe, daß es keinen ihm ähnlichen Masrn aus seiner Mitte hervorbrjngen kann. Gabriel Rießer war zu Hamburg am 2. April 18-6 geboren; sein Bater Lazarus, -^selbst ein gediegner Kenster des talmudischen Wisse»« und^der neueren Literatur, gi»b ihm eine tüchtige Erziehung, und nahch den Knaben Mit nach Lübeck, wo die Familie eine Zeitlang, bis 1816, wohnte. Von da kehrte der Vater nach Hamburg zurück, ließ bin Knaben das Johanneum besuchen, wo er unter ve. Heinrich Wurzers Leitung seinen Si»n für Wahrheit und Freiheit veredelte und sich diejenige Klarheit und Unabhängigkeit des Geistes als Leitstern seines Lebens verschaffte, die ihm damals und später so diele Anerkennung bei Andern erwarben. Bei seinem Abgänge von der Schule bekundete er die Reife feines Wissens durch eine in griechischer Sprach« gehaltene Adschiebsrebe, bezog bann auf ein» kurze Zeit Kiel, um Rechtswissenschaft zu studiren, lind ging zuletzt nach Heidelberg, um in Thibaut und Mittermaier die Erwünschten Führer für keine Studium zu finden. Der «tstere Harfe in fi inen Vorlesungen sich zum Ziele gesetzt, die Gesetzgebung mit dem Rechtsdewußksein des Volkes in Einklang zu bringen, rin deutsches Recht für das ganze deutsche Volk zu schaffen, Bestrebungen, denen auch Rießer dis zu seinem letzten Lebens- Hauche treu geblieben. In dieseZeitfällt auch eine Abhandlung über die Wirkungen der ResolurivBedisigung, di« Bangerow in seinen Pandectrn beleuchtet hat. So verlebte er feine Studienjahre inmitten freiester Eeelenardeit und der edle« Freuden des Studrntenledens, trat mit vielen Männern i» Freundschaftsverhältnisse, die noch jetzt zu den besten deß Vaterlands gehören, und wußte sich, in MLanergesellschaft ernst und dem Höchsten zustrebend, auch bei Frauen und Kindern Lrrde und Zutrauen zu erwerben. Gern wäre er in Heidelf berg geblieben, um als Dozent die Jugend für seine Studien zu begeistern: allein sein Glaube schloß ihn von jeder Lehn ihätigkeit aus, es schien damals undenkbar, baß «iri Jude, wenn auch noch so begabt, auf einer Hochschule als Lehrer auftreten könne, man glaubte ihn nur zulassen zu! können, wenn er äußerlich sich zum Christenthum bekennend? dem Glauben seiner Väter entsage. Er war unter den- Wenigen, welche dieser Lockung widerstanden, einer der! Ersten. Unzweifelhaft würde er als Dozent eine bedeutende i