Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 10 (1863)
- Issue
- 1 (1863)
- Date
- 1863-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolWlatt. »>ar •tfelpl'irung uni) Unlerhiittung auf jüdischem Zebiei HcrauSgcgebrn von V» Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. Mo. 1. 1863.j von dieser Aetlschrisr erschrtar wöchenllich eine Nummer. Preis de« J«hrgang» 1 Lhlr. Vieneliadri^ 7 v Ngr. «ttt vuLhandlunze», Poftämier und Aeimugsexpediriöneu nehmen Veftelluirgeu «a. jlv. Mrg. 1. chm rtat] Pnbrechcn und Liebe. In dem Wohnzimmerchm der Witrwe Benjamin fand eine lebhafte Sc.ne statt. Es war ein wenig geräumiges Zimmer, dessen Möbel wie die Uebrrreste früheren Wohlstandes erschienen, daS aber überall btt sorgfältigste Reinlichkeit und Ordnung zeigte. Die Scene fand zwischen der Mutter und ihrem einzigen Kinde statt, einem hochaufgeschossenen Burschen von zwölf Jahren mit blonden, ins Röthliche schimmernden Lochen, weißen Teint, auf dem die rosigen Wangen sich hervorhoben, mit scharfgeschnittrner Nase und schmalen Lippen; was aber den Knaben besonders demerklia, machte, waren die glühenden Augen, die ihm stark auS den Augenhöhlen hervortraten^ und daher den Charakter eines wilden, bewegten GemüthS gaben. Cr war soeben heftig in die Stube getreten und Hane seine Bücher auf den TM geworfen. Sein Aussehen verrirth eine Aufregung , wie sie in diesem Alter noch kaum vorausgesetzt werden durfte. Seine Haare starrten in die Höhe, feine Augen rollten und waren wie röthllch unterlaufen, feine Lippen bebten, seine Hände zitterten. „Was ist geschehen?" rief die Wittwe erschrocken aus7 „Was ist Dir begegnet, Joseph?" „Mutter", schrie der Knabe auf, „ich bin heute zum lehren Male in der Schule gewesen!" „Ader, mein Gott, Joseph, was ist denn pafsirt? Du bist ja wieder einmal ganz außer dir! Beruhige Dich doch und erzähle mir —" und die allzuzartliche Mutter nahm den Knaben in ihre Hme, drückte ihn an ihr Herz, strich ihm mir der Hand über die Haare und trocknete dm Schweiß von der bleichen, ckalren Stirn ab. Endlich faßte sich der Knabe so weit, um zusammenhängend sprechen zu können. „Du weißt, Mutter, ich ging vor einer halben Stunde vergnügt und mit dem Vorsatz, recht fleißig und artig zu fein, in die Schule, wo heute zum «rstm Male der neue Lehrer dm Unterricht beginnen sollte, worauf wir uns alle sehr frmrm, da der alte Lehrer so langweilig gewesen. Ich machte erst die Besorgung bei dem Kaufmann, die Du mir aufgttragm, und so trat ich einer der Letzten in die Klasse, wo alle Knaben schon ruhig dasaßen. Der neue Lehrer, wie ich auf dm erstm Blick sah, ein grirßgrämiger schwarzer Kerl, saß auf dem Stuhle vor der erstm Bank und winkte mich zu sich. Ich trat arglos und höflich vor ihn. Da redete er mich an: „„Joseph Benjamin, ich habe gehört, daß Du ein sehr wilder, trotziger Junge bist, und damit Du gleich weißt, wie ich dergleichen Bösewichter behandle, hast Du eiwaS zum Empfang —Und damit verf hte er mir mir seiner dü-ken, knöchernen Hand eine ftir htbare Ohrfeige. Ich schrtt laut auf: WaS habe ich dmn Methan? 1 — ,. „Nun, Du sollst Dir berechnen, wer » Du so etwas kiegst, wenn Du nichts gelhan, wie a ird «S Dir ergehen, wenn Du wirtlich etwas gethan hast «rd für Deine Widerrede hast Du gleich noch «ine —"' und damit wollte er mir noch einen Schlag versetzea. . Ich aber wich au-, und in der Wulh, i» die mich dies Behandlung gebracht, bückte ich mich, ergriff dm ein«» Fuß des Schemels, und hob ihn mit einem plötzliche, _Lk»ck in die Höhr. Der Lehrer, der sich dessen nicht vnfehen hafte, fiel vom Stuhl, wollte sich an den Tisch kl« »«ca, faßte aber nur da< große Dintenfaß, das seinen Erhalt über daS Gesicht und die Kleider des auf den Bob « Gefallenen ergoß. Da erhob sich «in wiehemdeS G tflchM der ganzen Kläffe; der Lehrer, vor Wuth schäume,» und von Dinte triefmd, sprang auf und ergriff einen 3 netto* stock. Ich aber stürzte zurThiüre hinau» und floh. Der Lehrer hinter mir drein, die Straße hinunter, "ä alle Menschen über den sonderbaren und lächerlichen lndltck stehen blieben. Daß er mich nicht erreichte, dafür meine Füße, und an der Straßenecke sah ich ihn denn die Verfolgung aufgedm, und, ovm Gelächter der Srraßessßugend umgeben, nach dem Schulhaus« zurückkehrm . . Die Wittwe stand wie erstarrt da. In ihr stritten sich di« Entrüstung über die Behandlung ihre» .! aadm orglm AV7 «aS und die Furcht vor den Folgen dieses Vorgangs, ich arm.S, unglückliches Weid," rief sie mdlich au<^> wirb daraus «erdm! Wmn die Vorsteher datn ch«M werben sie mir am Ende die karge Unterstützung «oft entziehen, die sie mir bewilligt hadm! „Das glaube ich doch nicht, Mutter!" rief der drabt auS. „Der gräuliche Mensch har mich zu schlecht beh i ndelt. und alle Knabm waren Zeugm; er wird froh fein man von dem Denkzettel nicht mehr spricht, dm gegeben. Ich aber betrete di« Klaffe mit keinem Fuße: ehr!" „DaS darfst Du nicht, Joseph. Du hast zu wmn * ihn wenig noch gelernt. Du kannst ja kaum lesen und «twa< sä eibm. Du warst immer zu sehr auf- Spielen au<, und ch eine schwache Mutter, die Dich nicht regieren kann." „Laß gut fein. Mutter. Ich will schon allein strntn, wa» mir noch fthlr. Der Lehrer wird mir aaö ragen auf jeden Schritt, «aS grschehm, und ich di» vo allm Jungm zu sehr beleidigt worden, als daß ich mich dem > chigm könnte. Nein, da kann der Herzog selber koaunm oder der Polizeldtener mich ins Gefängniß dringm, ich chur