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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 47 (1862) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
47 (1862)
Date
1862-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur .ßeleQrung unö llnterfjaftung aus jüdischem fleßtele. Herauogegebeu von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Bonn. lNo. 47. 1862.1 Boa dieser ZkiUckrit» edchet»» Bfcbeuiift rtac U»»«rr. Preis de« 3«)rgang« X Ldtr. *<Umtjägng 7 V Xgt. «Ule «wbWsUsBgai. Vefttmtet unb >|dtug«<7bebitte«n ,e-«e» Vestetl»»««» ««. [9. Isdrg. 4. Quartal] Der Freiheitskämpfer. Novelle. (Fortsetzung.)^ Es war erst gegen Abend, als sich Schritt« eine« Manneauf dem Eorridore hören ließen. Ungestüm wurde die Thüre geöffnet und herein stürzte Graf Roderich, w§h, rend Rofr von dem Stuhle aufjprang, auf welchem sie die letzten Stunden immer mit ihrem Gedanken allein verbracht hatte. Der Wüstling glaubte wohl, daß das junge Mäd, chen durch die lange Einsamkeit mürbe geworden; er ging eilends wie mit ausgebreiteten Armen auf Rosa los, indem er ihr zurief: „Endlich bin ich so glücklich, Dich, theures Mädchen, unter meinem Dache willkommen heißen zu tonnen, und meiner Liebe einen Ausdruck zu geben . . „Weg von mir," unterbrach ihn heftig Rosa. „Wie wagen Sie es, mir unter di« Augen zu treten! Was soll diese Schandthar gegen Gotte« und der Menschen Gesetz bedeuten, daß Sie wie ein gemeiner Räuber mich au« meinem Hause hierher schleppen ließe»?" „Nichts für ungut, liebes Mädchen. Du selbst trägst die Schuld. Warum hast Du in mir diese Leidenschaft er, weckt, die ich nicht mehr zu beherrschen vermag, und mich dennoch immer schnöd« abgewiesen? Jetzt sind wir am Ziele, Du kannst mir nicht mehr ausweichen, und wirst die Derdin» düng mit mir willig eingehen. Bor der Welt, bist Du nun doch kompromirtirt und de« Soldaten Daniel'« Frau kannst Du nicht mehr werden . . ." „Da haben Sie dennoch ganz falsch gerechnet. Die Welt weiß, daß Sie mit frevelhafter Gewalt mich hierhergebracht, und ein jüdischer Bräutigam hat Vertrauen und Zuversicht auf die Treue feiner Verlobten genug, um zu wissen, daß alle Räuber der Welt sie zum Bösen nicht verleiten können!" „Nein, Rosa," rief der Graf unwillig aus, da er einsah, daß seine Angriffsweise gänzlich verfehlt sei, „zum Disputiren bin ich nicht hergekommen. Ich lieb« Dich, und will, baß Du mich wieder liebest!" Mit diesen Worten ging ec um den Tisch, und wollt« das Mädchen umarmen. Sie aber schob mit ungeahnter Kraft dm großen Lehnstuhl -wischen sich und ihren Verfolger, und rief ihm heftig zu: „Wohlan, so wissm Sie, daß ich lieber sterdm will, als Ihre Kreatur werden. Noch einm Schritt näher, und ich stürz« mich in die Tiefe!" Und bei dies« Motten war sie zum Fenster geeilt, hatte dieses aufgerissm und sich auf die Brüstung geschwungen. So stand sie da, mit einem Arme hielt fie das Fensterkreuz umschlungm, währmd ihr einer Fuß schon draußm schwebte, wo, wmn fie das Kreuz losließ, sie auf das Pflaster des tiefgelegmm Hofestürzen mußte. Der Graf erbleichte; er erkannte, daß in_ dem Mädchen der furchtbarste Emst wohnte; er stand wie aagefesselr da, und sie rief ihm zu: „Nun, wagen Sie es, fügm sie zum Raube noch den Mord, aber bedmkm Sie, daß der Tag der Rechmschafr andrechea wird!" Roderich erwiderte kein Wort, er wandte sich und verließ das Zimmer; Rosa stieg wieder herab und warfsich erschöpft in den Lehnstuhl. Ihr Herz schlug gewaltig; sie faltete die Hände wie zum heißesten Gebete, bald auch rolltm Thränm über die blaffen Wangen hinab. „Gott, mein Gott," lispelte sie, „Du hast mich nicht Erlassen, Du giedst dem Ohm mächtigm Kraft, dem Widersacher zu widerstehen!" . . . Der Graf war hinunter gestiegen zu der alem Schloß- Wärterin. Er sprach lange mit ihr. Was er von ihr verlangte? Wir wttdm es hörm. Es war schon lang« dunkel geworden und Rosa hatte Licht angezündet, aldie Alte mit einigen Schüsseln wie zum Adrndbrode zu ihrhinaufkam. Sie trat ganz nahe an Rosa heran,' und sprach leise zu ihr: „Diesmal, mein Kind, fordere ich selber Dich auf, von diesen Speisen nicht« zu essttr. Der Böse, wicht hat mir ein Pulver eingehändigt, das ich in Dein Essen streuen soll«. Wahrscheinlich um unbezwingbarm Schlaf über Dich zu bringm. Er stand selbst dabei, wie ich es hineinmengte, obgleich ich ihm sagte r daß es ihm nichts helfm «erde, da Du noch bis jetzt keinerlei Speism am gerühtt hättest. Er hohnlächelte indem er meinte: dann würdest Du nunmehr gerade vor Hunger davon essen. Sieh also nun zu, wie Du Dich verwahrest." Damit verließ sie Rosa, da sie nicht länger verweilm durfte, um keinm Verdacht zu erregen. Rosa faßte ihren Entschluß. Roch stärker als die Nacht vorher, verrammelte sie dl« LhÜtt, häufte, was sich irgend bewegen ließ, vor derselben aufeinanderso daß es bei der geringsten Berührung ein großes Gepotter gebe» mußte; das Licht ließ sie drmnen, und daß si, kein Auge zuthun werbe, dafür bürgte ihr die Angst ihres Herzens. Freilich sagte fie sich, daß es um möglich sein werd«, diese Dinge lange Zeit durchzufÜhrm — und eine unsäglich« Verzagtheit wollte sich bei diesem Gedanken ihrer bemächtigen. Dann aber erhob sich in ihrer Seelewleder di« Stimme der Zuverficht; denn daß auch ihre Freunde draußen nicht ganz stille bleiben würden, glaubte sie voraussetzen zu können, und das würbe daun Gott gnädigllch zu ihrer Rettung fügen. Hätte fie freilich g«, «ußt, daß ihr Daniel der Helmath wieder ganz nah« wäre, dann würde ihr Hnz noch muthiger gehofft haben.

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