Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 34 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur Relehrnng und Anterhattuug nuf.jüdischem Hekate. Herausgrgeben v»n Rabbluer Dt. Ludwig Philip-so» in Bonn, j [9io. 34. 1862.] Von tiefer gcitfArift erscheint wöchentlich eine Nummer. Prei» de* Jahrgang» l Ltzlr. Bicrieljävrig 7 % Rgr. Me Buchhandlungen, Postämter und Zeiiung»e,pedinonen nehmen Bestellungen an. s9. Asdrg. 3. <?uarial.j . Mehr Recht als die Erkemitmß hat die Liebe. iche!» (Zchlutz.) Nach wenigen Jahren erlag mein Freund B. den Folgen jener Krankheit. von denen er sich nicht wieder hatte erholen können. Er starb in den Armen seine« Sohne« Benedix, sein Letzter Blick war noch ein heißer Segenswunsch für diesen. Benedix beweint« den geliebten und verehrten Vater in aufrichtigstem Schmerze und gelobte sich, dessen Andenken getreu in seinen Wegen zu wandeln. Mit gereifter, jugendlicher Energie griff er nunmehr' da« Geschäft seine« Barer« an, und dehnte e« mit glücklichem Erfolge au«. Bald darauf gewann er die Liebe eine« anmuthigenvund gebildeten Mädchen«, und 'führte e« heim. War er auch fern von der rigorosen Genauigkeit seine« Vater« in der Beobachtung der alten Bräuche, so hielt er doch die jüdischen Satzungen in seinem Hauswesen und Lebenswandel fest. So lebte ec in einer glücklichen Ehe, die mit vier an Geist und Körper wohlgebildeten Kindern gesegnet war. Bald nach dem Tode de« Vater« führte Marku« lang gehegte und nur um seine« Vater« willen verschobene Pläne au«. Sein Sinnen stand auf eine Professur an der größten Universität de« Lande«, und da diese nur durch einen Abfall von der väterlichen Religion erworben werden konnte, so scheuet« er auch vor einem solchen nicht zurück. Auf die bitteren Vorwürfe, die ihm sein Bruder deshalb machte, antwortete er: „Ich verkenne njcht und leugne e« nicht ab,, daß da- Judenthum die einzige positive Religion ist, deren Lehren nicht« Vernunftwidrige« enthalten; aber «ine philosophische Begründung derselben vermag e« nicht zu geben; da« philosophische Denken darf von keinen Voraussetzungen ausgehen, und sein Wesen und sein Endziel ist der Zweifel. Bon hier au« erscheinen sowohl der bloße Glaube, al« auch die kirchlichen Formen, in die er sich geschlagen, dem Philosophen gleichgültig. Mein Lebensbemf ist, di« philosophische Lehre vom Zweifel neu zu begründen und zu verbreiten und vor der Erfüllung solchen Berufe« muß jede Maßregel, welche der Staat als Bedingung fetzt, zurückweichen." Der Stolz und die Herzen«k§lte, die aü«'allen Worten diese« Schreiben« hervorleuchteten, erbitterten den liebevollen Bruder noch mehr, und hatten einen völligen . Bruch zur natürlichen Folge. E« fand kein Band und keine Verbindung mehr zwischen den Zwillingsbrüder« statt. — Marku« habilirte sich an der' Universität, heirathet«! nicht nach »er Zeiten, Benedix ihm gäuzeine bereit« nicht mehr junge Tochter de« eir flußrei Geheimrarh« F. und erhielt eine philosophische Professur, nachdem er auch durch mehrere gründliche Art eiten «deir einige philosophische Spezialitäten die Aufmerkfan teil erregst und sich einen Namen erworben harre. Biele Jahre verflossen. Zweifler konnten aui da« BrÜderpaar Hinweisen und sagen: sehet, wie auch die verschiedensten Wege mit glücklichen Erfolgen geköijr werden. Ader der alte Spruch de« Psalmisten: Urtheile dem Tage, sondern schau' dich um in der Folge bewahrte auch hier seine Richtigkeit. Eine« To ge« erhielt Benedix eine Botschaft au« einem der Hütel«-,>er Grabt, die ihn um den Besuch bei einem Fremven bat. folßte ihr, und stand bald vor einem Manne, bei lich unbekannt schien. Eine hohe, aber adgemagert» und etwas gebeugte Gestalt, mit kahlem Scheitel, v!» de« nur noch wenige« ergraute Haar hing, mit durchfuro ittr Stirn, und einer Geisterdlässe auf dikm eingesunkmen € esicht«, hie ihm, dem ziemlich korpuleüten und behäbigen Geschäft«- manne gegenüberstand, gab ihm keinen Anhalt zur Erinnerung. Einige Augenblicke standenJu sich stumm gegenüber; dann rief der Fremde au«: „Wie? kenns Du mich nicht mehrt Hast Du Deine« Bruder« ganz »ergeffmk" Eine- Thrän« drang au« den Augen de« Manne,, in denen ein geheime« Feuer glühere. „Du bist Markt«?!" war der Au«ruf de« betroffne» Benedix — aber. chvn lagen beide sich in den Armen, und beiden entquoll in Strom von Zähren. Marku« eftnannte sich zuerst, ent ivg sich der Umarmung de« Bruder« und richtete sich auf indem er sprach: „Ja, lieber Benedix, ich bin wieder u Dir gekommen, und weiß, daß Dein Herz mir die!)ersoheumg nicht versagen wird." Dir brauchen da« W irere nicht zu schildern, sondern wollen hier nur di« Leben«] hicksale de« Marku« skizziren, wie er sie seinem Bruder mi theilre. ^,Meine Erfolge, sprach er ungefähr, wäret Anfangbedeutend. Mein Hörsal faßte die Menge t ft Zuhörer kaum, und da ich bald »eine Lehre in öffenrli tzen Vorlesungen zu popularisiren suchte, war der Andrar g de« Publikum« so groß, daß ich mehrmal« meine Colli zia doppelt lesen mußte. Es mochte dadurch schon damalt Reib und Widerspruch in vielen meiner Srande-genoss n erwacht sein, aber der Einfluß meine« Schwiegervater« u »d dit Freu sinnigkeit der* damaligen Staatsbehörden hielt sie. zurück. Rach einigen Jahren aber starb der erster»,' urch bald trat auch ein Minister- und damit ein Spstem^vochfel ei«. Kaum war die« geschehen, so erhob sich von dttm Seiten ein« Unzahl von Widersachern gegen mich. Eine Streit-