Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 33 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur .Kelehrnu^ und Antersiyttung aus jüdischem HeKi^le. Heraosgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. sNo. 33. 1862.1 Vo» tiefer jeittorift erjchci»! trcxkmtli4 et« 9taamer. Pref« de« Sah»» gang» l Lhr.r. Siierleljadri» 7'^ Rgr. NLe u»d Zeiiuagservedinöaev uehme» Sä ***““' P« JaflrS- 3. Quartal.] Mehr Recht als die Erkennlmß hat die Liebe. lSorrlehung.) Al» ich vor vielen Jahren mich hier niedrrließ, wurde ich mit vorzüglicher Freundlichkeit von dem Herrn B., einem hiesigen Geschäftsmann«, ausgenommen und befand mich daher sehr oft in seinem Hause. In demselben zogen besonder» seine beiden Knaben, Zwillinge, meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren einander an Gestalt, Teint, Farbe der Augen so ähnlich, daß man sie in ihrer zarten Kindheit kaum zu unterscheiden vermochte, und auch als sie heranwuchsen, scharf Hinblicken mußte, um >sie nicht mit einander zu verwechseln. Dennoch entwickelte sich in beiden Knaben eine große Verschiedenheit immer mehr. —Der eine, Markus genannt, hatte eine hohe Stirn, gewissermaßen mehr nach innen gekehrte Augen und «inen feinen Mund, während Benebix sich durch da» Feuer seiner lichteren braunen Augen, durch schwere» Lockenhaar um die gerundete Stirn und die vollen frischen Lippen adzeichnete und einen andersangelegten Charakter verrieth. Herr B. umfaßte die beiden Knaben mit der zärtlichsten Daterliebe, denn sie waren, wie er sagte, die einzigen Güter, die er sich au» dem Schiffdruch de» Leben» gerettet. Er hatte ein schwere» Geschick zu durchringen gehabt. Nur nach längen Kämpfen hakte er sich eine mäßige Lebensstellung, und mit ihr die Hand eine» viele Jahre geliebten und ihm treuen Mädchen» erstritten. Aber schon nach achtzehn Monden lag, die Gattin nach der Geburt der Zwillinge auf der BaLre. Alle diese Schicksale hatten seine Seele geläutert und srÄen Geist erhoben. Ec war von der innigsten und lauterten Frömmigkeit durchbmngen, er liebte eben so sehr eine Unterhaltung über religiöse Gegenstände, und diese zum Object seine» Nachdenken» zu machen, wie er mit Sorgfalt die religiösen Satzungen und Bräuche beobachtete. Ader sein innige» Gefühl benutzte diese nur al» Gefäß der gottt»- fürchtigsten und liebevollsten Gesinnung, daß sie von ihm durch Wort und Geberbe mit dem reinsten Geiste burchhaucht wurden. In dieser Weise erzog er auch seine Knaben und suchte ihnen die treueste Anhänglichkeit und Liede zur vaterländischen Religion einzupflanzen. E» machte ihn glücklich, derartige Regungen und Aeußerungen an seinen Kindern zu gewahren, und wie e» keinen schärfem Beobachter al» Kinder giebt, so wußten diese bald, wodurch sie ihren Vater da» größte Wohlgefallen und ein Lächeln de<- Glücke» abgewännen. Hier aber zeigte sich mit den Jahre« die Bersviedenheit der beiden Knaben.^ Markus, sinnig und nachdenklich, den Büchern und den Srüdien zugewandr, faßte die Religion 'mehr von der Seit« der Erkennrniß, al» Gegenstand de» Forschen» und Dinkea», aus, studirte eifrig die Bibel und ihre Ausleger, warf tausendfache Fragen auf nnd strebte nach einer ernst», befriedigenden Ueberzeugung. Die» gelang dem Jüngling denn auch unter der Leitung seine» Vater» Md eine» gediegenen Lehrer», und er laute sich ein so bestimmte» System quf den Lehren und der Geschichte unsere» Glaudcn» auf, baß er e» — «in« gewöhnlich« Erscheinung — fast di» zu einer Art Fa ratismu» gegen alle Zweifler und Widersacher brachte. E» war die» ein Triumph für Herrn L, ob mit Recht zeigt« die Zu» kunft. Der liebenswürdige Benebix kümmerte sich weniger um diese ernsten Fragen und Streitfragen. Er hing voll Gläubigkeit an de» Lippen seine» Vater» und seine» Lehrer», nahm ihren Unterricht freudig in seine Seele auf, und hjng mit viel größerem. Wohlgefallen an den gemüthlichen Ceremonien, an den mannigfaltigen und abwechselnden Bräuchen, ^bei denen ihm sein Vater wie ein Priester und so glücklich und befriedigt erschien. Er umfaßte da» Judenthum mit seinem liebevollen Herzen, weil er gar Nicht» darin fand, da» diesen widersprochen hätte, und weil ihm Religion und Vaterhaus identisch erschienen. Die Knaben erreichten da» Alter, wo sie ihren Ledentderuf zu wählen hauen. Mark»» hatte entschiedene Neigung für die Universität, Benebix kam zu einem au»wär* tigen Geschäftsfreunde de» Herrn B. in die Lehre. Mit! geringen Unterbrechungen waren die Jünglinge viele Jahre > vom Vaterhaus« entfernt. Es waren in ihnen unterdeß große Veränderungen vorgegangen. Eine gefahrdrohende j Krankheit de» Vater» rief sie beide nach Haufe. Nach > einigen Wochen war die Gefahr gehoben, aber da dir Kräfte , dem Genesenden nur langsam und in unvollkommenez» Maaße wiederkehrten, entschloß sich Benebix, seine vorrheilhafte und vielverheißende Stellung im Au-lande aufzuopfern, bei dem Vater zu ^leiben und dessen nur mittelmäßige» . Geschäft fortzüführe», wahrend Marku», der bereit» die Doktorwürde erlang^ hatte, nach einigen Monaten daväterliche Hau» wieder verließ, um sich abermals nach einer Universitätsstadt zu begeben. Benebix war viel in der Well umhergekommen. Da er mehrere Jahre al» Reisender eine» großen Hause» servirte, hatte er hie meisten Länder Europa'» durchstreift und in deren Hauptstädten lange verweilt. Die Welt hatte ihre zerstreuende, ja zersetzend« Kraft auch auf ihn au-geüdt. Wenn auch die strenge