Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 32 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur * Belehrung unö Anteehattung auf jüdischem $e6it!le. Herau»gegebeu von Rabbiner vr. Ludwig PhssiPPsou in Bonn.. T lNo. 32. 1862.] «So» dieser Zeilsidrssl erschrist «oche-Uich eine Nummer. Preis de« Jahr» gang« t Thlr. «ierielfthri« 7 % Ngr. Alle vuchha»dl»»gen. PoftLmrer und Aeioul«Oer»«diti»»e» nehme« Bepellungen «n. [9. Jahrg. 3. «?uafT5L] Tischreden beim BeschneiduugSmahle. IV. Die Frage, die der der Geburt eine- Sohne« am meisten im Herzen der Eltern steht, ist: welche wird die Anlage, die Richtung, der Charakter unsre« lindes sein? Welcher sein hierauf sich gründender Beruf? Welche« sein hieran« hervorgehendr« Geschick? — In die Freude de« Menschenherzen« mischt sich immer und überall mehr oder weniger die ernste Sorge und in die Aufregung der Gegenwart drängt sich die Beängstigung für die Zukunft. Nur der Kinderseele ist e« gegeben, der Vergangenheit zu vergessen und der Zukunft nicht zu gedenken, sondern mit der leichten Aufgabe der Gegenwart sich zu begnügen. Wie e« aber auch fein mag, den gewissenhaften Eltern drängen sich jene Fragen bald auf, denn wer weiß e« nicht, wie eigentümlich die göttliche Vorsehung die Fäden de« menschlichen Geschicke« unscheinbar anknüpft und nach und nach zu einem dichten Gespinste verwebt, wie frühzeitig daher dem Menschen Richtung und Streben gegeben wirb, und wie aufmerksam deshalb Eltern auf die Entwicklung ihre« Kinde« nach seinen Fähigkeiten und Neigungen sein müssen. Die h. Schrift stellt an einen bedeutsamen Orte die Verschiedenheit de« menschlichen Lebensderufe« im Allgemeinen al« eine zwiefältige auf. Sie spricht 1. Mos. 25,27. nach der Geburt Esaw'« und Jakob'« von deren entgegengesetzter Entwicklung. Sie waren nicht dlo« Söhne derselben. Eltern, sondern auch Zwillingsdrüber, also in allen ihren äußeren Verhältnissen völlig gleich. „Al« nun die Knaben groß wurden, da warb Esaw ein jagdkunbiger Mann, ein Mann de« Felde«, aber Jakob ein schlichter Mann, Zelte bewohnend." — E« sind hier offenbar Gegensätze zwischen „jagdkundig" und „schlicht", und zwischen „Mann de« Felde«" und „Zelte bewohnend" gegeben. Der erste Gegensatz bezieht sich auf die Neigungen, der zweite auf die faktische Richtung und die Lebensweise der Menschen. „Schlicht" heißt einfach in den Bedürfnissen, dem Wollen und Wünschen, die Beschränkung und da« Maßhalten in allen Genüssen und Bestrebungen, im Verhalten und Cha» rakter, wahrend „jagdkundig" bei einem Hirtenstamme in der Tiefe auf weitergehende Begierde, auf über die gewöhnlichen Grenzen hinausreichende- Verlangen, auf da« Erstreben von Gütern, die au« der Ferne geholt werden, hinweist. Darau« fließen nun die folgenden Bezeichnungen. Esaw ward „ein Mann de« Felde»", ein Mann der roden j Kraft, deZ Umherschweifen«, brr freien Uedung, materieller j Gewalten, während Jakob al- ,Lelte bewohnend" ein Mann de« Haufe«, der Familie, de« geräuschlosen wem auch rüstigen Schaffen«, der geistigen Thätigkeit, 8er höheren Auffassung de« Erdenlebea« wurde. Wer erkn nt nun nicht hierin die beiden großen Richtungen, welche in der Menschenwelt zu aller Zeit vorhandm waren, sich einander um Geltung und Bedeutung bekämpften, sich gi genseitig in ihrem Werthe verneinte« und um die Erfolge stritten. Hören wir nicht heute noch die Rede der Einen welche nur den materiellen Besitz, die Grwerb-thärigkeit, ren Genuß und die weltlichen Erfolge aldie allein wahren und wirksamen rühmen, alle« Ander« für Träumerei erklären und wenn sie auf den Werth und die Wicht»; keit der Religion und Sittlichkeit, sowie de« Geistesleben« ü »erhaupt nicht geradezu leugnen, doch in der Wirklichkeit e« Mit ihnen nicht genau nehmen, und fle jedenfalls dieser yntewrdneu, gerade wie Esaw da« „Erstgeburt-recht verachtet",! well er ja „zum Tode gehe". Nicht minder vernimmt man die Worte derer, welche eine Verachtung aller irdischen Güter und Bestrebungen al« dm wahren Zweck de- Menschen vor sich hertragen, da- Zürückziehen von allen wtttlichen Beschäftigungen, da« Aufgeben, aller weltlichen D)rtheile, um allein dem geistigen -zu leben und in die Gdäntmwrlt sich zu versenken, al« die höchste Stufe de« Menschen rühmen, und namentlich, hat sich die« auf dem Gebiete de« religiösen Leben« zu Zeiten herrschend gemacht. Die Frage, wer von beiden Recht habe, wohin Eltern ihre Kinder zu lenken hätten, um deren wahre« Heil zu fördern und zu sichren, wird un« daher an der Wiege eine« neugedormen Weltbürger« ernst beschäftigen; die Frage, welcher Ansicht biejh. Schrift den Vorzug gebe, an der Wiege eine« israeiidischm Knaben an der'rechten Stelle sein. > - Die h. Schrift läßt weher Esaw, noch Jakob thr Ziel verfehlen. Esaw wirb Fürst und Begründer eine« kräftigen, viele Jahrhunderte bestehenden Bolksstamme«, wiel Jakob der Ahnherr de« zu einem Weltleden berufenen Israel«. Sie zeigt aber, wie beide in ihrer Einseitigkeit fehlgeäangea, und wie da« Geschick Jakob nölhigt, durch otefe Prüfungen ju gehen, er durch diese aber die erhabenste! Stufe erreicht, und in ihm beide Lebensrichtungen zur Äsusgleichung und Versöhnung kommen. Eiaw, in feinend Nachjaqen nach irdischen Genuss,« und Gütern, gehr de« väterlichen Segen« verlustig und, steht weinend am Langer de« Vater«, bewußt un» beken«end, daß er da« höchste Gut, die höchste Befriedigung bf'o Leben« verschonkr h^de; er. chird .hinausgedannt in die Felsen und Steppen de!« Seir,