Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 28 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4908862-5999374-6026488--2193-4910602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I Jüdisches BolkMatt. ' l Z»r! Belehrung unö Mnterfiaftung auf j-dischem $e6i Herausgegeben von , te. Rabbiner vr. Ludwig Phili-Psou in Bonn. Mo. 28. 1862.^ tioci Zcnjü'rii'l en'rtidnt wvLenllich eine Nummer. Preis ti« 2sbrgaag» 1 Ldlr. siicritljäbei^ 7 X Rgr. Lve Buchbaullno^.n, Pestamirr und .-ieilungSexpedilir-nen nehmen Peftellungen an. ^9. ^»Krg. 3. aarial,] Tischreden am BeschneidungSmahle. in. Einen Ausspruch de- Psalmisten, der nicht ohne Schwier rigkeit, aber von desto größerer Sinnigkeit, lesen wir Psalm 8, L. 2. 3.: „Ewiger unser Herr, wie herrlich ist Dein Name durch die ganze Erde, da Du Deine Hoheit auf den Himmel gelegt! Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast Du Dir Sieg gerüstet ob Deiner Widersacher, Feind und Rachgierigen verstummen zu machen?' Großartig und ergreifend ist der Gegensatz von der Herrlichkeit, die Gott auf die Erbe, der Hoheit, die er auf die Himmel gelegt, zu dem Siege, den er sich aus dem Mund« der Kinder und Säuglinge bereitet hat. Diese Zusammenstellung des Größten und Glänzendsten mit dem kleinen Menschenkind, ist ebenso bedeutsam, wie sie diesem letzteren eine besondere Würde beilegt. Und dabei wird nicht der prächtigen Erde, nicht dem erhabenen Himmel, sondern dem Säugling der Sieg zugeschrieben. der über die Gottesleugner, Verächter und Frevler errungen wird. Doch die eigentliche Schwierigkeit liegt eben in der Erklärung, wie-durch den Mund der Kinder und Säuglinge — bei denen wir allerdings uns erinnern müssen, daß die Kinder im Morgenland, zwei bis drei Jahre von der Mutterdrust genäbrt werden — die Feinde und Widersacher Gottes zum Verstummen gebracht werden? Wir werden nun zunächst an die Anerkenntniß, an den Preis und Dank, wie sie schon von den Kindern vor Gott ausgesprochen werbm, zu denken haben, da der „Mund" und da- „Verstummen" gegenüber gestellt sind. Und allerdings, wenn auch es den Eltern, der frommen Mutter, des gottesfürchtigen Vaters Sache ist, den Namen Gottes und das Wort des Gebete» zuerst auf di« Lippen des Kindes zu legen, so ist es doch erstaunlich, wie schnell das Kind da» Dasein dieses unsichtbaren Gottes begreift, wie schnell die Vorstellung, daß Alles, was er empfängt und genießt, Gabe des ihm doch nicht , wahrnehmbaren BaterS im Himmel sei, in ihm Wurzel faßt, wie ihm bas zarte Herz sich dabei erhebt und wie es ihm bald zum Bedürfniß wirb, an diesen Gott Gedanke und Wort zu richten, und allen Lohn des Guten und all« Strafe des Bösen sich an diesen Begriff knüpfet. So! quillt die Gottgläubigkeit aus der reinsten, unmittelbarsten Natur des Menschen herauf, und wird im Kind« zur Beschämung der Sophisten, zum Verstummen her Leugner und Spötter. Aber nicht minder spricht der erste Blick auf ein blühend,- Menschenkind mit unwiderstehlicher Macht Wer kann diese Liidlichkeit, diese Unschuld, diese betrachten, ohne »aß ihm die innigsten Gefüllte erregt werden, ohne daß Ahnungen von einer hohen, sittlichen Welt in ihm aui^eigen, aus welcher diese Re nheit der Seele, diese Ungechübtheit und Klarheit stammt die wir im Kampfe des Lebens verlieren, welcher gegerüder alle. Errungenschaften des erwachsenen Menschen nur einen bedingten Werth haben, und zu welcher daher der? Kenschengeist i durch alle Entwickelung hindurch wietzer gelangen muß und soll. — Und von der andern Seite, wo giedt c» gznen stärkeren Beweis für die göttliche Fürorge und Vorsehung, als in der Hülflosigkeir, in Schr'äche des Menschenkindes, an welche in solchem Maße und so lange dauernd kein Thier Theil hat. Dieser 'Mangel an Herrschaft über die eigenen Gliedmaßen, diese Unfähigkeit, auf »er Rah, gegen die den eigenen Beinen zu stehm und tat Quell sei rung zu finden, diese Schutzdedürftlgkrit schon umgebende Luft und ihre Temperatur, wir finden sie bei keinem andern Geschöpfe wieder, und was dem dauert nicht so viele Minuten wie bei dem Mer Tage und Wochen^ Desto g ößer aber ist die welche Gott diesem hülflosrn Geschöpfe in, der unan. Naiverär hnlich ist 'cheukinde Sorgfalt, Lieb, der Eltrm bereitet har, wie dies« lange im Loraut alle die Mittel zugerüstet haben, durch welche das Kstw von allen Unwillen und Gefahren geschützt wird, mit Drriaod und Mühsal Alleherangeschafft haben, was zur Erh. ltung der zarten LedenSflammrn nothwrndig ist und biet en kann, und, lieber sich selbst aufvpfernb, Alles daran jeden, um viele Jahre hindurch das Kind zu nähren und zr erziehm, bis es an Körper und Geist selbstständig gewordm. Und dennoch mochte eine andere Betrachtung t och nachdrücklicher fein. Ich meine den Hinblick auf die außerordentliche Entwickelung, die in körperlicher un» geistiger Beziehung im Menschenkind« vor sich geht. Das Wachsrhum des Körper-, die Entfaltung der Sinne Werkzeuge und ihrer Funktion, bas Bilden und Heraus« »chsen der Zähne geht in "den ersten Jahren des Kindes ix erstaunlichem Maße qor sich. Ader noch viel überredender ist die Entwickelung der geistigen Kräfte und Fkhigkeiteu. Man sieht und merkt es dem Menschenkind, nicht ad, daß ln ihm ein schlummernder Geist verborgen lf. Kaum daß es in den ersten Wochen für äußere Ei» Vtrftmge» empfindlich ist und irgend wie willkürliche B »egUNge» verräth. Aber wie bald har dieses Auge Ausdru k erhalten und strahlt Freude und Schmerz, Schrecken und Heiterkeit, Angst und Liebe unverkennbar aus! Wie schnell wird diese