Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 27 (1862) · p. Seite 108

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
27 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4908862-5999374-6026487--2191-4910601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

108 fontcin sich vielfach mit jüdisch-kabdalistijhen Studien beschäftigte. Wenige Wochen nach dem Be. inne des voknischen RevolutionSkriegeS (1830— 31) tr; : er als Arzt in die polnische Armee ein. Nach dem & öe des Feldzuges ließ er sich als praktischer Ar;t in Ha nburg nieder. ES. verging indeß eine ziemlich lange Reihe von Jahren, ehe Dr. Nathan einer umfassenden Praxis, wie ec sie in den letzten Jahren seines Lebens übte, thei haft.iq ward. ^Doch benutztest die ihm gebotene unfreiwill ge Muße gewiffenhaft zur Vermehrung seines reichen S lissrnsschatzes, und zwar nicht dloö auf dem ganzen Gebiet« der Medicin und der Naturwissenschaften, sondern auch n der Theologie. und Philosophie. Seine literarische Jhatigkeit auf dem Felde der medicinischm Wissenschaften nar eine überaus reiche. Davon zeugen besonders die Ort. inal-Arbriten, Uebers.tzungea, Auszüge und Recensionen, sie er für die von (Äerson und Kricke gegründete, eine Zeitlang von Dieffenbach in . Berlin mitredigirte und zulez t von I)r. F. W. Oppenheim in Hamburg geleitete Zeitsidri t, namentlich für dir ausländische medicinische Literatur (H lmdurg, PettbeS-Besser ld Mauke), lieferte. Jnsdefonde t grenzte die Belesenbeit, die er in der ausländischen medici tischen Literatur besaß, anS Unglaubliche, wie ec denn ne! en den alten Sprachen auch des größten TheilS der neuei europäischen Sprachen, vorzüglich der romanischen, mächtig war. .Theilweise schon früher, kheilweife aber auch wähtl nh dieser Beschäftigung mit seinem Fachstudium, gab r pseudonym alS Dr. Essenna (E. S. Na.) einige Schrifte, cheologifchen und phildsophischsn Inhalts heraus, so wie im Jahre 1835; „Denkwürdige Beispiele aus der Kirchengefchi tzte, wörtlich auSgezogen" , und 1836: „Gedanken aus dm Tageduche eines Juden über di« drei großen Prophetei der europäischen Geschichte" (Hamburg. Nestler 3- Mell): doch entbehrte sein Seil damals noch der Glätte und leichten Verständlichkeit, die er sich später anzucigncn wußte. Bei weitem klarer erscheint er als Uedersetzer und Commmtator von Salvador'S „Geschichte der mosaischen Institutionen und ^deS jüdischen Volkes", bevorwortet v> n Dr. Riesser (3 Tbeile. Hamburg, Hoffmann Campe . Insbesondere verdienen.seine zahlreichen., dem Lalvadorsch n Werke deigcgebenen Ercurse gelesen zu werden. Am offenbarte sich Dr. NatdanS Geistestiefe in Abhandlungen ästhetischen und psychologisi >en Inhalts. Wir erinnern'nur an das, was er über bi S Lachen und das Weinen, z»den Witz, den Traum u. f. hat. Dt. Nathan war ein abgesagter Feit latanerie,- und er betrachtete als solche die P hrenologie, die Homöopathie, die Wasserheilkunde u. s. w die' Bertheibiger des BcaantweingenusseS scharfe Polemik. Mit einer zartbesaiteten hegte er eine tiefe Abneigung gegen alles R)he, Gemeine, Schmutzige, sowohl in der Gesinnung, wie Erscheinung; alles dies widerte ihn nicht sondern gewissermaßen auch ästhetisch an. Arzt wußte er sich, wenn man sich erst finsterer Wesen gewohnt hatte, das allgemeiiste Vertrauen zu erwerben. So viel möglich,, entschied Anwendung wenig kostspieliger Hausmittel. Bera Sertag von Banmgärtn« meisten aber inen kleineren «. geschrieben d aller Charr Auch gegen übte er eine Seele begabt, in der äußern sioS moralisch, AlS praktischer m sein etwas er sich für dje Er zeigte sich gegen feine unbemittelten Patienten höchst uneigennützig und war ihnen nicht dlos Arzt, sondern auch Freund und Tröster. Seine persönlich« Theilnahmr an ihm näherstehenden, oder auch an besonder« gefährlich Erkrankten war deutlich auf seinem Gesichte zu lesen. Dr. Nathan war ein Charakter im vollen Sinne des Wortes; dem Idealen zugewandt, glühte er für religiöse, politische und bürgerliche Freiheit. An Sittenreinheit und Bescheidenheit wird er nicht leicht von Jemandem überttoffen werden. E. C. Anekoote von — z. i Ein Jude ist dem polnischen Landjunker nie und nim- | nur eine willkommene Erscheinung, am allerwenigsten aber > ein Jude, der nicht schon auf zwanzig Schritte weit die ' Mühe zieht und Katzenbuckel macht. Nun fügte eS sich ' aber unglücklicherweise, daß einst ein Jude mit der Mütze auf dem Kopfe eben am wärmenden Ofen stand, alS ein Schlachezic (gemeiner Adliger) polternd und fluchend in die Wirthsstude trat. Jnstinktartig die Mütze riechend schoß er vernichtende Blicke auf den Juden, aber o Graus! der lührte sich nicht, und auch die Mütze wich nicht vom Orte. Der bärtige Pole konnte nun freilich dem Juden nichts anhaben, denn im Wirtshaufe ist bekanntlich der Groschen deS Juden dem Groschen deS Edelmannes ebenbürtig; er konnte ihm um so weniger etwas anhaben, da er selbst in der großen Bärenmütze einherstolzte. „Aber ich und der — Jude!!" — — Wüthend schritt der Ehrenmann in der WirthSstube auf und nieder — aber die Mütze wich nicht vom Kopfe. Ingrimmig warf er sich auf den Stuhl am Fenster — aber die Mütze wich nicht vom Kopfe. Er hustete, daß die Fenster klirrten — die Mütze wich nicht vom Kopfe. Das war denn doch zu arg. Glühend vor Zorn sprang er auf den Juden zu und ihn mit furchtbar viel Weiß in den Augen anglotzend donnerte er: „Jud', woher bist Du?" „AuS Smorgoni" versetzte der Jude sehr phlegmatisch und die Mütze wich nickt vom Kopfe. Da riß dem Edelmanne die Geduld. Mit einem dröhnenden Fußtritte brüllte er: „Und die Mütze?!" — „Auch auS Smorgoni", erwiderte der kaltblütige Jude und die Mütze wich nicht vom Kopfe. ' Allgemeine Zeitarng des Judenthum«. No. 26. 1862. Leitende Artikel: Verein zur Bekämpfung der Blutbeschuldigung. — Die Emancipation in der Schwei;. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Karttruhe. Altona, Maiu^Preußen: AuSder Mark, Esten, Kurnik. Oefierreichijcher Kaiserstaat: Kronstadt, Raab. Frankreich: Pari-, Metz. Eorrespondenz: Ueber Zweck und'Behandlung der Bibel; in deu Schulen. Vou Mose« Mannheimer.! Hjf Zu beziehen durch jede« Postamt und jede Buchhandlung.! Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich X Thaler. invortlicher Redacteur I. H. Luder. t'i Buckbandlmrz in Leipzig- — Druck »ou 9. Sreysing ia Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.