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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 25 (1862) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
25 (1862)
Date
1862-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Zur Belehrung und Unterhalturg aus jüdischem gebiete HrrauSgegeb Rabbiner Dr. Ludwig n von Pshilippson in Bonn. Mo. 25. 1862.] Po« dieser Zeils<briir erscheint wöchentlich gang- 1 Thlr. Pieneljährig 7 'A 91 und Aeit«llg»exvr»iiiö«eu »chm k ne Nummer. Preis de- Äahr» le Buchbandluagen, PostLmrer n Bestellungen an. olksblatt. [9. Jahrg. 2. inrtat.j Ein Aufenthalt in Moskau. Skizze von Joseph Rabinowitfch. (Aust dem Russischen übersetzt von Leon Gordon. (Schluß.) Dieser Gawrilo Chwodocowilsch war mir in der Thal vom ersten Augenblicke an nicht gewogen; ich schien ihm allzu dreist; scherwenzelte nicht, salütirte nicht in tiefen, unterthänigsten Bücklingen, wie es die übrigen Bewohner beS JudenhofeS rharen, zog die Mütze nicht in einer Ent» feruung von zweihundert Schritten; er konnte auch meine Sprache nicht nachäffen, wie er es mit den übrigen zü thun pflegte, die nothdürftig ein elendes Russisch radebrachen, indem ich ihm sofort mit gleicher Münze zurückzahlte und wohl zu merken gab, daß ich besser als er russisch rede. Dafür hat er mir auch diesen Dienst erzeigt, der Kannibale! So steh' ich, meine Freunde, umher trampelnd am Thore; es war ein furchtbarer Frost. Wo soll ich nun hin? Wußte wohl, niemand würde mich ins Haus lassen. Nichts zu machen; hilft kein Bitten, kein Weinen. Da erschien die Patrouille. „Werda?" — So und so, sprach ich, ist die Sache; war im Theater, kam zu spar, nun läßt der Pförtner nicht herein; bade mein Logis hier im Hofe. „Ach fo, hier — im Hofe — folglich ein Jude, herrschte mir der Quartalny *) zu, treib dich nicht herum de- Nachts, Halunke! Sieh' doch mal, eine wichtige Person, muß auch Theater sehen! Fort mir ihm nach der Polizei." Man führte mich nach der Polizei und wartete unterwegs mit einigen derben Fußtritten auf. „Marsch, marsch, hieß es in Einem fort, die Canaille will ausfpicken." Dummes Zeug, dachte nicht daran; wo sollte ich denn hin? Es ist einmal schon fo Weise der Stadtfergeanten; wessen sie habhaft werden,- dem warten sie recht gerne auf. Ich kam nach dem Polizeiamte; man setzte mich mit aller Art Landstreichern, Saufbolden und Nachtvögeln zusammen. Ich schloß vor Gram und Schande die ganze Nacht kein Auge, Teufel hole! Zum ersten Male im Leben bemächtigte sich der Kummer mein. Ich glaubte, man werde mich gleich des Morgens wieder frei lassen — aber man dachte nicht dran! der Prista w (Polizeicommtffär) geruhte noch zu schlummern; alSdann verhörte er all die in der Rächt Ergriffenen, nur mich nicht. Drauf fuhr er mit Rapport zu seinem Borgesetzten; alsdann frühstückte er, bann dies, dann das — und ich sitze noch immer g khnend in der Arrestanten- Kammer und fürchte vor Fchande d n Kopf zu erheben. Da brachte mich Jemand a rf einen g ücklichen Gedanken. Ich nahm meine Zuflu« >t zum Geldbeutel und wurde erst gegen Mittag freigelaffei. Nun, ras sagt Ihr dazu, he? Hab ein großes Berbrcchen 'begingen, Moskau großer Gefahr ausgesetzt — daß ich Hamlet sehen wollte! Nein, dachte ich. eine üble Geschichte, o dnete meine Angelegenheiten, packte meine sieben Sachen v id trollte mich knall und fall aus Moskau, ohae selbst b e Stadt erst gehörig zu besehen. So Hab' ich m ine Bek nntfchafl mit dem weißsteinigen*) Moskau gemacht. Eben dasselbe geht auch in Kiew vor, sagte Mames, nbt versteht sich mir verschiedenen localen Darationen. Dort ist eben ein solcher'Judenhof wie in Moskui, nur d iß dort eine gewisse Titularräthin die Rolle d«S Gawnlo Lhwodorowitsch spielt. Für welche Verdienste namentlich a l die Juden, die nach Kiew kommen, diesem FratHizimmer ir Pacht abgegeben sind, kann ich nicht angeden; nur k, mmen sie dorthin in weit größerer Anzahl «S nach Moskau. Hierher kommen sie nur auS der Hem« ln Lommerzienangelegenheiten gefahren, in Kiew ober ist's g nz anders. Im ganzen Gouvernement, wohnen Juden ir dichtesten Massen; in der Gubernialstädr all, in aber is ihnm der beständige Aufenthalt verboten. Es st buchst »blich zum Verzweifeln, wenn man sieht, wie w Erlich u »b eigenmächtig diese Titularräthin mir ihren üdlschen Uiterthanen verfährt. Kannst sie wohl bitten: ch zahle Luch für Logis wieviel Ihr wünscht, nur erlaubt, baß ich a rderSwo wohne; dort ist mir näher, bequerrer und ruhiger. Vergebens, hilft nicht«! „Mußt durchaus bei n ir logiren und wenn Du auch krepirest, und zv ar eben d >rum, weil es Dir anderswo besser und behaglicher ist." Sie findet nehmlich ein besonder- Vergnügen dt rin ihre L^catars zu veHöhnen und zu erniedrigen, welkes Derg rügen sie sich für keinen Bortheil in der Welt nehmen ltssen mag. Sie handhabt, wie eS scheint, die Profession d r Gawrilo Chwodorowitsch nicht des Verdienste« wegen, sc »dem als Dilettantin, ,um der Kunst selber willen, die 1) Ouartalofsicier. sehr anzufprechen scheint. Straße und begegnet einem Ju Polizeiwächter, pack ihn, das i 4 meinem Register, logirt ni gend anderswo heimlich auf. n it ihm/ o geht sie z. B. auf der n. „He da, hall! Holla ein Spitzbud, steht nicht l bei mir, hält sich also Fort, nach der Polizei Drauf erscheint ein anderer Gawrilo ^hwodo- 2) d. h. die aus weißen Steinen erbaute Stadt; eine I der ver» schiedenen Beiwörter, mir denen man gewöhnlich Moskau I ezeichnet.

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