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Jüdisches Volksblatt · 1862-01-01 · 21 (1862) · p. Seite 84

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
9 (1862)
Issue
21 (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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S4 seine Amtspflichten. An den Festtagen, z. B. am Jom Kippur, sang er beinak den ganzen Tag, weder sein Leben noch seine Stimme schonend. Am Abend kehrte ec erschöpft nach Hause zurück. Als er endlich ausruhen wollte, war eS zu spät. Eine langwierige Brustkrankhrit raffte ihn am 7- Januar 1&32 im neunundfuufzigsten Jahre seines Lebens hinweg. Er hatte zum letzten Male im September 1831 an demselben Tage im Tempel gesungen, an welchem man in Paris die Einnahme Warschau'- erfuhr. Es war sein Schwanengesang. — Außer den - hebräischen Liturgieen, welche ec gründlich verstand, außer der' vollkommenen KenntNiß der Sprache Mosis, welche ihm einen Briefwechsel mit deutschen Radbinen gestattete, denen seine Einsicht nicht ohne-Werth war, hat Lovy /ine große Anzahl Versuche einer Uederfetzung der heiligen Bücher, des Ben->Lira, des MaimonideS, des 'Talmud in deutscher Sprache ausaearbeitet. Aber darin lag nicht sein wesentlichstes Verdienst. Was man an ihm bewunderte, war der Stempel einer gewaltigen musikalischen Natur. Der Instinkt hat» beinahe alles gethan. Ohne Anleitung lernte er drei Instrumente spielen, wurde sogar ein ganz geschickter Violinist. Durch Eingebung begriff ec die Meisterwerke Haydn'S und Mozart'S, die' feine Lehrer und seine Vorbilder wurden. Alle seine Compositionen tragen in der That das doppelte Gepräge der süßesten Melodie und der reinsten Harmonie. Mehrere Chöre, welche er dem Gottesdienste einschob, haben eine bemerkenswerte Würde, einige Gesänge von freudiger und. leichter Bewegung, welche er für Tag« der Freude schrieb, sind voll Rer; und Frische. Der Gesang beim Austzeden der Thora und der, welcher am Vorabend des Jom Kippur zu Col nid« gesungen wird, so wie eine Menge anderer haben stets' einen tiefen religiösen Eindruck hercvorgebcachr. Eine gewisse Anzahl har sich in den verschiedenen Tempeln Europas verbreitet, wo man sie entstellt aus dem Gedachrniß aufführt. Aber nur er allein verstand es, sie zu singen. Begabt mit einer salbungsvollen und freien Baßstimme, deren Tiefe sich dis k erstreckte, mangelte es ihm ebenfalls nicht an den Brusttönen des Bariton und Tenor, welche er mir den Kopfrönen durch die weichsten Uebecgänge verband. Er vereinigte die Eigenschaften der Sänger Martin und Garria mit einem Tenor«, dessen diese beiden bedeutenden Künstler sich nicht rühmen konnten. Mit einem reinen, köstlichen Metall verband er eine Beweglichkeit, eine Biegsamkeit ohne Gleichen. Das Wunderbare feiner Vokalisarion, die Anmuth seiner Appoggiaturen, seiner Triller und seiner modulirren Fermaten wurzeln noch im Gedächtnisse der israelitischen Kunstliebhaber. Lovy hatte die unmittelbare Anschauung des modernen Geschmackes, und in seinen Gesängen gab sich sowohl jene elegante Art und Weise der Abrundung kund, wie sie schon damals durch die italienische Methode verbreitet war, als auch jene breite Accentuation, welche später Dupre; wieder in An- - wendung brachte. Man har gesagt, die Sänger sterben ganz und gar, sie opfern jhr Leben bis zum letzten Hauche, um das Gemüth der Menge zu bewegen, und da sie Nichtvon sich hinterlassen, so vergißt man sie. Lovy har dies nicht zu bedauern, da er nie an Nachruhm dachte. Ohne Rückhalt harre er sein Talent Gott geweiht und betrachtete sich nur als' Dolmetscher des Gebets, als Diener der Gemeinde. Er entzückte ohne Stolz Mehr als Jeder andre hat er mehrere Jahre hindurch zum Glanz «des israelitischen Gottesdienstes deigetragrn, und nie machte er sich die Wichtigkeit feiner Stellung zu Nutzes) Anekdoten. Ein Rabbiner in A. hatte die Gewohnheit, nach seinem Frühstück, aus gekosteten Schnitten bestehend, in die Ofenröhre zu greifen, wohin es seine Frau zu stellen gewohnt war. Es geschah dies, während er mit den Bochrim lernte. Als ihn eines Tages ein Besuch in Anspruch nahm, ließen sich die Schüler unterdeß bas Frühstück ihres Meisters schmecken. Der Besuch entfernte sich, und der Rabbi griff nach feinem Frühstück, fand es aber nicht mehr vor. „Sagt", redete er die Bochrim an, „habe ich denn schon gegessen? —" „Jawohl Rabbi", lautere die Antwort. — „Habe ich denn schon gebenscht! —" „Nein Rabbi", erwiderten jene. — Und der vergeßliche Rabbi' setzte sich hin und benschte. Gespräch. A. Warum hat der liebe Gott, der Alles so weise gemacht, die Nasenlöcher nach unten statt nach oben geschaffen, wo nun so viel von dem theuern Schnupftabak verloren geht? B. Närrchen, dann halte es ja in die Nasenlöcher hineingeceqnn. A. Was hakte daS geschadet? hätte man ein Parapluichen. darüber gehalten! In F. lebte ein frommer Jude, der stark Schnupftabaknahm und sehr zerstreut war. Einst kam eS vor, daß ec beim Thachanu-Gebete mit der einen Hand wiederholt an seine Nase schlug, während er mit der andern eine Prise — an seine Brust führte. 1, Lovy'S: „Chants rc'ligieuxhabe ich in der Zeitung des Judenthums einer ausführlichen Beurrheilung unterworjen. Der Uebersetzcr. Meine Adresse ist jetzt: Dr. Ludwig Philippson in Bonn am Rhein. Allgemeine Zeitung de« JudenthumS. No..20.1SG2. Leiten de Arlikel: Das Judeuthum und die Wisicnschaft. — Die badensche Kammer. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Karlsruhe, aus Odexhesien. Preußen: Magdeburg. Oesterreichischer Kaiser st a a t: Raab, Raab, Raab. Niederösterreich. Die Schweiz: Leugeuau. Frankreich: Paris. Italien: Turin, Rom. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich ya Thaler. Leranrwcrilicker Redakteur I. H. Luder. - scn ©a u m flo 11 n c't V ©uckbautlung in Leipzig. — Drnck von G. Sreysing in Leipzig.

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