Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 20 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. > Zur Belehrung unö Anterhattung auf jüdischem He Kiele. HerauSgegeben von r Rabbiner vr. Ludwig Phitt-Psou in Bonn. - lNo. 20. 1862.j Bon dieser Zeitschrift erscheint wöchentlich eine Nummer. Prei« de« Jahrgang« 1 THIr. Bierteljätzrig 7 X Rgr. Llle Buchhandimtgeu. Postämter und Zeimug«er»editiönen nehmen Bestellungen an. ' ' [9. Jaltrg. 2. Quartal] Rabbi Meir von Rothenburg. Erzählung au« den letzten Jahrzebenden de« 13. Jahrhundert«. lFonsehung.) VH. Es ist nickt unsere Absicht, die unaufhörlichen Nöthen und Gefahren;u schildern, denen unsere Wanderer auSgesetzt waren, und welchen sie fast erlagen. Jnsonders der Raddi mit seinem treuen Diener hatten Vieles auszustehen, ob-' schon sie schneller vorwärts gelangten, weil ihr Weg doch durch bewohntere Landschaften und auf gangbareren Pfaden lief. Kaum hatten sie aber einige Tagereisen zurückgelegr, als ihr Wagen in einem Hohlwege stecken blieb, und, da sie viele Meilen von Menschenwohnungen entfernt waren, sich entschließen mußten, ihn zurück zu lassen. Der Rabbi setztesich, wenn auch mit großem Bangen, da er des Rei, tens unkundig, auf daS Pferd, welches MoseS am Zügel führte. Doch der Ritt sollte dem alten Manne nicht langebeschwerlich fällen. Sie begegneten einige Stunden spater einem starken und bewaffneten MaNne, der, nachdem er einige Blicke auf die Reisenden geworfen, den Rabbi herabzusteigen befahl, sich das Pferd zueignete, davvnritt und die Pilger ihrem Schicksale überließ. Diese wünschten sich noch Glück, daß der Bosewichl sie nicht noch weiter geplündert und gemißhandelt habe und schritten ihres Weges fürbaß. Wie oft waren sie auf ihrer Wanderung genohigt, mit trockenem Brode. und Quellwaffer viele Tage vorlieb zu nehmen, bevor sie wieder auf Glaubensgenossen trafen, von denen sie andereSpeisen erhalten konnten. Doch wo war - eine Entbehrung, an welche der damalige Jude nicht gewöhnt gewesen, wo ein Mühsal oder eine Mißhandlung, die er nicht ruhig ertragen hätte? das Vertrauen auf Gott, die Gewißheit, daS Alles Fügung des Herrn fei. stand in diesen gläubigen Seelen so unerschütterlich fest, und die Ueberzeugung von dem, was ihre Pflicht fei, war so de» stimmt gezeichnet und hielt ein« so genane Linie ein, daß sie niemals schwanken, waS sie zu thun oder zu lassen hätten. So kamen denn der Rabbi und fein Diener am 1. Thammus 5046, d. i. am 25. Juni 1286 vor den Thoren von Bregenz an und wurden, nachdem sie ein starkes GeleitSgeld gezahlt, eingelassen. Nach langem Suchen fanden sie daS halb Dutzend elender Häuser, welche am Ende der schmälsten und schmutzigsten Gasse in einer niedrigen, dicht am See gelegenen Gegend, die oft von Ueberschwemmungen heimgesucht ward, den Juden damals in Bregenz eiageräumt waren, eine Aufluchtstätte, die, so erbärmlich sie war, dennoch Wenige Jahre später ihnen wieder entzogen und niemals wieder gestattet ward. Slibald die Juden den Namen des Rabbe Meir und fein Schicksal vernommen, nahmen sie ihn mit unbegrenzter Gastfteundschafl auf, und MoseS empfand das Glück, seinen geljsbten Äeister einmal wieder auf einer ordentlichen Ruhestätte gebettet zu sehen, .^eine Freude war grenzenlos; war Doch seine unermüdliche Treue belohnt, seine, sich selbst vergessende und nur seinen Pflegebefohlenen im Auge habende Sorgfalt zum Ziele gelangt. ' DaS andere Paar war jedoch noch nicht angekommen und da man glicht hoffen tonnte, irgend ein« Nachricht über sie zu erhalten, so mußte man sich ist Geduld fassen.' Am folgenden ^age ward die Stadt Bregenz in große Aufregung versetzt. Auch'ein geistlicher Lehrer, aber einer anderen Religion, zog in dieselbe ein^ und der Unterschied dieses Einzuges von der Art, wie Tags zuvor Rabbi Meir eingewandert, bezeichnet« so recht die Verschiedenheit in'der- Stellung der beiden Religionen und ihrer Bekenner. Der Bischof Heinrich von Basel, erwählt ftm Erzbischöfe von Mainz, kam aus Rom, um nach feiten* neuen Sitze zu ziehen, unterwegs aber den Kaiser Rudolph zu treffen, dem er vielfache Botschaft aus Italien auszurichten hatte. Der Kirchenfücst war nicht bloS oon einer starken Schaar Soldner begleitet, fowie'von zahl,eichen Geistlichen unigelben, sondern auch eine große Dienerschaft bildete fein Gefolge, darunter Spielleute und Säng r, sämmtlich g(im$«Rbj de» kleidet und geschmückt. Der Einzug war daiuc ein sehr pomphafter. Der Graf Meinhard von Gör/, welchem Bregenz gehörte, war mit Rittern und Speerreitern dem Bischof entgegengezogen, um ihn feierlich einzuholen. lAm Thore hatten sich die Behörden der Stadt, die Geistlichkeit und die vornehmsten Bürger zum Empfang ausgestellt, und daS Volk hatte sich in unabsehbarer Menge versamstielt, zu welche von allen Höhen und auf alle« Wegen iiymer neue Schaaren auS dem Innern de« Landes sich gesellten. Rach langem Harren traf der glänzende Zug, die spie ende Musikbande voran, «in. AlS der Bischof, ein stattl cher und schöner Mann in prächtigen Gewändern auf «iiwn milchweisen Zelter reitend, erschien, warf sich bat Zolk auf die Knie, und erhielt seinen Segen. Dann fstgre Hurrah und Freudengeschrei, welche-, immer anschwelend, den Bischof durch die mit Teppichen und Guirla »de« verzierten Straßen bis an dagräfliche Schloß dezle tere, bas den verehrten Gast aufnahm. Der Bischof n ollte hier einige Tage von den Strapatzea der letzten! leise aü-mhen. J