Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 9 (1862)
- Issue
- 18 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
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mir dem Beinamen Wahl bezeichnet wurde in Folge des Ereignisse-, daß er zum König im Lande Polen erwählt wurdf, und dir Stimmen aller Edlen de- Landebei dieser Fürstenwahl erhielt. (Danennt man aufdeutsch „Wahl".) 8- 61. Wie ich audem Munde meines Vater- und Lehrers s. A. vernommen, war da- Ereigniß folgender Art. Er war sehr beliebt bei den großen Herren und in ihren Augen sehr geachtet (ich werde später beschreiben, woher diese Beliebtheit) und sehr klug. Der damalige König von Polen war gestorben. Nun war e- Sitte der hohen Herren in Polen, daß ehe sie sich behufs der Köoigswahl versammelten und ihre Stimme abgaben, ein Wahltag festgesetzt wurde, .an welchem durchaus eine gültige Wahl zu Stande gebracht werden mußte. Als aber dieser Tag herangekommen war, waren die Ansichten gerheilt, und sie konnten sich nicht darin einigen, wer regieren solle, der Eine neigte sich hierhin, der Andere dorthin bizur.Adcnbzeit. Als sie nun sahen, daß es ihnen nicht mehr möglich sein würde, ar^ diesem festgesetzten Tage einen Köniz zu ernennen, und damit nicht eine von ihnen selbst festgesetzte Bestimmung übertreten werde, kamen alle Fürsten überein und einigten ihre Ansichten dabin, den Saul Wahl al« König zur Stunde für diesen Tag und diese Nacht zu ernennen, damit dadurch dem Gesetze genügt würde. Und so geschah es, sie, huldigten ihm zur Srund' und riefen in ihrer Sprache: „elebe unser Herr und König!" So regierte er diese ganze Nacht, man umgab ihn mir allen königlichen Ehren, und ich hörte aus dem Munde meines VarerS, daß man ihm alle Schriften deköniglichen Archivübergab, worein jede< König nach seiner Einsicht Verordnungen schreiben darf, und Wahl schrieb viele Gesetze und Freiheiten zu Gunsten der Juden hinein. Mein Vater nannte einige, von denen er wußte, aber ich habe sie vergessen bis auf da-eine: daß der Mörder eine-Juden ebenso mir dem Tode bestraft werde, als der Mörder eines Adligen, und daß kein Lösegeld genommen werde, sondern Leben für Leben, ein Gesetz, das selbst bei nichtabligen Ehristen keine Anwendung fand. ' Am andern Tage versöhnten sich ^ie Parteien und wählten einen König. tz. L2. Damit aber diese Dinge der Nachwelt erhalten bleiben, will ich nickt unterlassen zu beschreiben-, aus welcher Ursache ec solche Achtung bei den Edlen Polens genoß,, besonders, da sein Vater der rr. Samuel Juda Rabbi in Padua und Venedig war, die in Italien liegen. Nach der Erzählung meine- Vaters trug esich so zu. Der rc. Saul Wahl hatte in seiner Jugend bei Lebzeiten seine- Vaters Lust bekommen, andere Lander zu bereisen, er verließ daher sein Vaterhaus und «änderte von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, dier nach Brisk in Litrhauen (Brzesö LitewSki — russ. Bre-k) kam und dort die Tochter des David Drucker heirathete, mit der er sich kümmerlich ernährte.Au. der Zeit unternahm. der berühmte reiche Fürst Radziwyl, Virekönig de- Reichs, eine große Reife, um verschiedene Lander zu sehen, wie dies häufig bqi großen Edelleuten geschieht, baß sie di« Welt durchreisen, um di« verschiedenartige Lebens- und Ordnung-weise kennen zu lernen in nahen und femen Ländern. Da reiste dieser Fürst von Land zu Land mit großem Aufwand, bis der letzte Heller auS dem Beutel wandert«, und er sich nicht zu helfen wußte, da er seinen Mangel den Landesedlen nicht entdecken wollte, um von ihnen Geld zu borgen. Er wünschte überhaupt den Edlen unerkannt zu bleiben. Da fügte eS sich, daß er nach Padua kam, und entschloß sich gegen den Rabbiner diese- Orts sich zu offenbaren, daß er ein großer Fürst in polnischen Landen fei, und von ihm in seiner Noth Geld zu borgen. Denn dieses ist die Art der hohen Edelleute Polen-, daß sie die weisen Juden sich nähern lassen, um zu ihrem Nutzen von ihnen zu borgen, vorzüglich aber bei den Radbinen in ihren Orten, zumal die Juden in jenen Tagen bei den Fürsten fthr geachtet und beliebt waren. Sv geschah es, daß der gedachte Fürst Radziwyl zu dem Rad. Samuel Juda kam und feine Herrlichkeit ihm entdeckte, sowiedaß er /mgenblicklich in Noth sich befinde und Geltes bedürfe. Der gedachte Rabbi machte ihm die nöthigen Vorschüsse und erfüllte seine Wünsche. Da sprach der Fürst: „Wie kann ich dir vergelten und Wohlthat gegen Wohlthar üben?" Der Rabbi erwiderte: „Zuerst bitte ich dich den Juden, die unter deiner Regierung stehen, Gutes zu thun: zweitens habeich einen Sohn, Namens Saul, der in Brisk (!) wohnt. Da- Gute, dadu an mir erweisen willst, kannst du an diesem thun." Da schrieb der Fürst sich den Namen des Sohnes und seine- Aufenthaltsorteauf, und als er wohlbehalten nach Hause angekommen war, fragte er nach Saul, dem Sohn des Rabbi Samuel Juda< Als dieser vor den Fürsten trat und von ihm als sehr weife befunden wurde, zog der Fürst ihn auf alle mögliche. Weise an sich, erwies ihm allerlei Wohlthaten und rühmte ihn sehr vor allen Edelleulen, dier ihn sehr groß machte, und ihn sehr liebte. Saul war so sehr der Liebling des hohen Adels und fand so viel Gunst in den Augen desselben, daß die Edelleute am Tage der Königswahl, als sie sich nicht einigen konnten, und damit der festgesetzte Tag nicht ohne Erfolg vorübergehe, übereinstimmten, die Königswürde dem Saul provisorisch zu übergeben und sie nannten ihn Saul Wahl, um anzudeutea, daß er zum König gewählt sei. Alles diese« hörte ich von meinem Vater, und wa« ich sonst noch von einem Manne vernommen habe, der Neues zu diesem Inhalt erzählte, will ich nicht verfehlen mitzutheilen, dem aber einen neuen tz. widmen. Daß in diesem Berichte Mancheauch anderweitig bestätigt wird, da- Hauplfaclum aber noch kritischen Bedenken unterliegt, hat Herr Dr. Q a t o auSfihrlich besprochen. ^Allgemeine Zeitung de- Judenthums. No. 17. 1862. Leitende Artikel: Ueber Toleranz. — Da- Lerhaltniß de- Judenthumzum Islam. — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Preußen: Magdeburg, Berlin. Posen, Posen. — Frankreich: Pari-, Paris. — Rußland: Warschau, Warschau. — Belgien: Brüsiel. — Italien: Au» Oberitalien. Zu beziehen durch jede-Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich S Thaler, vierteljährlich % Thaler. Verantwortlicher Redacteor I. H. Lüd-r. »erlag «o» Baumgartner'S «uchhaudluug m - Hnid»n}9. 5 fing in Leipzig.